BERLIN-KREUZBERG, Mehringdamm: Am bekanntesten Dönerstand der Hauptstadt stehen Menschen mehr als 30 Minuten für einen Gemüsedöner an. Beinahe unbemerkt huscht eine große Frau im roten Kleid an den hungernden Touristen vorbei, rein ins BKA-Theater. Die Frau mit dem frisch aufgetragenen Lippenstift und langen Ohrringen ist eigentlich ein Mann, steht später am Abend aber gleich drei Mal auf der Bühne. Vorhang auf für Jade Pearl Baker!

Die Travestiekünstlerin aus Berlin moderiert regelmäßig Veranstaltungen und singt auf Kleinkunstbühnen. Deutschlandweit bekannt wird sie im vergangenen Jahr durch die Musikshow The Voice of Germany. Dort begeistert sie mit der emotionalen Jazz-Nummer „Moon River“ nicht nur das Publikum. Alle vier Coaches wollen Jade in ihr Team holen, am Ende geht sie in das Team von Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier.

Auf der Bühne steht Jade schon als Kind. Schon mit sechs Jahren singt sie, interessiert sich später sehr fürs Theater. Ein Gespräch über das Leben als Kunstfigur – und über Homophobie im Jahr 2018.

Coke, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?
„Ich würde das Original wählen, das zischt am besten. Aber auch nicht ganz so viel. Ich habe nicht so viele Stretchkleider, Freunde.“

Wie lange hast du vor unserem Interview gebraucht, um zu Jade zu werden?
„Heute habe ich es aufgeteilt. Ich habe mich zwei Stunden zuhause vorbereitet und dann hier in der Location nochmal rund 15 Minuten. Es kommt eigentlich immer auf die Tagesverfassung an. Manchmal ist es hilfreich, wenn ich vier Stunden habe. Heute ging es ganz gut.”

„Es gibt viele tolle Frauen, von denen ich mir etwas abgucke und dann in das Jade-Puzzle einfüge.“

Was sind die größten Herausforderungen?
„Es gibt jeden Tag andere. Meistens sind es die Haare. Ich habe nämlich keine Perücke, die ich mir einfach aufsetzen kann. Das ist fast alles echtes Haar. Und ich bin halt kein Friseur, das merke ich immer wieder. Wimpern aufkleben ist auch nicht ohne.“

5 Lieblingssongs von Jade Pearl Baker


Hier erzählt Jade Pearl Baker, was sie an Nina Hagen bewundert und was rohes Fleisch mit Damenschuhen zu tun hat:


Woher kommt dein Interesse an Verkleidungen und Verwandlungen?
„Ich hatte schon immer viel mit Theater zu tun und fand Kostüme geil. Die sehen einfach spannend aus und man sieht sie, leider Gottes, nicht jeden Tag auf der Straße. Ich wollte schon früh auffallen und zeigen, dass ich auf Farben stehe und mich Stoffe interessieren. Erst vor zwei Jahren ist es spontan in Richtung Travestie gegangen. Ein guter Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, wir haben viel probiert und der Anfang war ganz schlimm. Aber ich bin ein Work in Progress.“

Jade Pearl Baker auf der Bühne
AMY, NINA, LANA? Ganz einfach: Jade. 

Photo Credit: Guido Woller

Wer hat dich zu Jade inspiriert?
„In der Travestiefamilie gibt es eine Art Stammbaum. Jeder hat seine Drag-Mutti, die einem alles zeigt. Wir haben uns unterhalten und sind schnell darauf gekommen, dass mich die 50er und 60er Jahre total faszinieren und haben dann überlegt, was zu meinem Gesicht passt. Außerdem finde ich Nina Hagen total toll, die sich in dem ganzen Exzessiven widerspiegelt. Eine Lana Del Ray ist auch sehr ästhetisch und Amy Winehouse ist nicht nur mit ihrer Optik eine unglaubliche Inspiration. Es gibt viele tolle Frauen, von denen ich mir etwas abgucke und dann in das Jade-Puzzle einfüge.“

„Wenn ich so in den Bus steigen würde, kann das Auge nachher auch schon mal etwas blauer sein...“

Was haben Freunde und Familie gesagt, als du ihnen Jade vorgestellt hast?
„Na, was sollen sie sagen? Ich war schon immer sehr exzentrisch. Das Echo war eigentlich cool. Meine Mutti ist bei vielen Auftritten dabei. Sie muss mir die Haare machen und fährt mich oft zu den Locations. Sie hat natürlich auch ein bisschen Angst. So traurig es ist, aber selbst in einer Hauptstadt wie Berlin muss ich mir genau überlegen, wie ich zur Arbeit fahre. Wenn ich so in den Bus steigen würde, kann das Auge nachher auch schon mal etwas blauer sein – und das nicht durch die Schminke.

Woher kommt das im Jahr 2018 noch?
„Ich glaube, es liegt ganz doll daran, dass viele Menschen in dieser Welt sehr frustriert sind. Wenn man dann jemanden sieht, der seine Träume auslebt, weckt das in einem verbitterten Menschen noch mehr Frust und er gönnt dir dein Glück nicht. Und dann kommen halt so Sprüche wie: Das ist unnormal. Diese Leute suchen halt irgendeinen Grund, warum das kacke ist oder nicht zu unserer Geschichte gehört. Keine Ahnung, welche Ausreden die Leute an den Haaren herbeiziehen. Ich kann diese Gedankengänge null nachvollziehen und will das mittlerweile auch gar nicht mehr.“

Jade Pearl Baker
ICH BIN als Mann auf jeden Fall legerer geworden, sagt Jade Pearl Baker

Photo Credit: Niv Shank

Sollte man diese Leute eher ignorieren oder mit ihnen diskutieren?
„Ich glaube, man sollte sie mit Qualität überzeugen. Wenn jemand bei mir im Konzert sitzen und keine Lust auf Transen haben sollte, kann ich ihn immer noch mit der Musik und meiner Stimme überzeugen.“

The Voice of Germany hat dich im vergangenen Jahr über die Berliner Grenzen hinaus bekannt gemacht. Wie waren die Reaktionen auf die Show?
„Ich bin sehr erstaunt und happy, dass ich keine schlechten Reaktionen mitbekommen habe. Ich war ja die erste Travestiekünstlerin in der Show. Und es kam nur positive Resonanz bei mir an. Bei mir geht es sehr stark um die Musik und die Stimme. Ich will, dass man darauf achtet. Es ist egal, was man trägt. Meine Kleidung verstärkt halt die Musik, die ich singe. Und das schien dort genauso anzukommen.“

Wie unterscheiden sich eigentlich Jade und dein wahres Ich? Und was haben sie gemeinsam?
„Ich bin nach wie vor dabei, das herauszufinden. Jade gibt es ja erst seit zwei Jahren. Ich bin als Mann auf jeden Fall legerer geworden, seit es Jade gibt. Ich laufe nicht verloddert rum, aber bin etwas entspannter und nicht so aufgebrezelt wie Jade. Sie achtet mehr auf die Haltung und die Stimme. Wir teilen uns auf jeden Fall ein Gehirn, so viel steht fest.“

Fühlst du dich als Jade manchmal wie ein Kind, das sich jeden Tag neu entdeckt?
„Neu entdecken tut man sich ja immer irgendwie – auch als ungeschminktes Ich. Es ist auf jeden Fall spannend und ich hoffe, dieses kindliche Gefühl bleibt für immer und man wird im Alter nicht zu versteift und ernst.“

In welchem Bereich hat sich Jade in den letzten zwei Jahren am meisten entwickelt?
„Auf jeden Fall beim Make-up. Professionelle Drag Queens kleben sich die Augenbrauen ab, um die falschen etwas höher zu positionieren. Das habe ich auch probiert, aber dabei blieb es dann auch. Der Kleber ist abgebröckelt, ich sah wirklich furchtbar aus. Von der ganzen Ästhetik her ist es auf jeden Fall stimmiger geworden. Ich habe mich, seitdem es Jade gibt, auch musikalisch mehr gefunden. Mein ganzes Leben ist eigentlich klarer und strukturierter geworden.“

Jade Pearl Baker
PERFEKT: Jade Pearl Bakers Selfie beim Interview

Travestie, Drag, Transsexuelle – es gibt viele Begrifflichkeiten. Klär uns auf...
„Das ist gar nicht so einfach. Es gibt zum einen das Tuntentum. Das sind Männer in Frauenkleidern, die sich Brust und Beine gar nicht erst rasieren, sondern sagen: 'Wir wissen, dass wir Männer sind. Wir mögen halt Frauenkleider auch im Alltag'. Das ist eine eher politische Richtung. In meiner Travestie geht es in die ästhetische Schiene auf der Showbühne. Drag Queens kommen vor allem aus den USA und überspitzen gerne in ihrer Art. Und dann gibt es noch Transsexuelle. Es fragen mich immer wieder Leute, ob ich gerne eine Frau wäre. Nein, das wäre ich nicht. Ich bin nicht trans, ich mache Travestie. Das ist ein großer Topf, in dem es viele, bunte Farben gibt.“

Jade Pearl Baker
UND ACTION! Jade Pearl Baker vor ihrem Auftritt im Berliner BKA

Wie oft im Leben bist du Jade und wie oft dein ungeschminktes Ich? Bist du morgens beim Aufstehen auch manchmal Jade?
„Oh Gott. Es ist einmal passiert, dass ich mit Jades Gesicht aufgewacht bin. Das war ein furchtbarer Morgen und das Kopfkissen sah schlimm aus. Momentan bin ich an Wochenenden schon sehr häufig Jade, dann auch von früh bis spät. Aber insgesamt bin ich öfter die ungeschminkte Wahrheit.“

Am 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Wie wichtig sind solche Tage, um auf das Problem aufmerksam zu machen?
„Natürlich ist das wichtig. Für mich ist aber eigentlich jeder Tag ein Tag gegen Homophobie. Es ist wichtig, dass man gehört und gesehen wird und probiert, die Thematik für die Gesellschaft zu öffnen und zu erklären.“

Hast du privat schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?
„Ja, ich hatte tatsächlich schon mal ein beschissenes Erlebnis. So richtig mit Messer am Hals. Gibt's! Aufstehen und weitermachen. Aber darum fahre ich als Jade auch meist mit dem Taxi, um genau solchen Situationen aus dem Weg zu gehen. Mit den hohen Schuhen kann man zwar gut zutreten, aber nicht so gut wegrennen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Nina Hagen oder Sofi Tukker fände ich geil.“

Hast du Nina Hagen schon mal kennengelernt?
„Ja, ich war auf ihrem 60. Geburtstag im Berliner Ensemble. Aber die trinkt ja keine Cola, sondern Tee.“

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