KLASSE, INTELLIGENZ, TALENT – und Coolness. Iris Berben steht für all das. Kein Wunder, dass diese Frau eine der besten Schauspielerinnen Deutschlands ist. Humor und Selbstironie sind der 69-Jährigen übrigens auch nicht fremd. Beispiel gefällig? Weil ihr elegant gestreiftes Sakko ein wenig aufträgt und es am Interviewtag in Hamburg deshalb so ausschaut, als hätte die eigentlich Gertenschlanke ein Bäuchlein, scherzt sie: „Passt mal auf, am Ende heißt es in den Medien, ich sei noch einmal schwanger…“

Mehr als 50 Jahre mischt sie nun schon im TV und auf der Kinoleinwand mit. Zunächst eher auf leichte Comedy abonniert – wie in „Zwei himmlische Töchter“ oder „Sketchup“, schafft es die in Hamburg aufgewachsene Schauspielerin, sich mit Ehrgeiz und kluger Rollenwahl den Status einer Charakterdarstellerin zu erspielen. Die Krimireihe „Rosa Roth“, die von 1994 bis 2013 lief, legte dafür den Grundstein. Auch „Die Buddenbrooks“ oder „Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte“ zählen zu der Reihe ihrer Erfolgsproduktionen. Im TV-Drama „Hanne“ (Regie: Dominik Graf, Mittwoch, 18.9., 20.15 Uhr, Das Erste) spielt sie jetzt eine gerade pensionierte Chefsekretärin, die ein Wochenende in Angst verbringen muss, weil sie das Ergebnis einer entscheidenden Labordiagnose – hat sie Leukämie oder nicht? – erst am Montag erfährt. Ein passender Anlass, um mit Iris Berben über die Dinge des Lebens zu sprechen.

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Ich war noch nie der große Limo-Fan. Deshalb ein stilles Wasser, bitte!“

Wie schaffst du dir kleine Glücksmomente im Alltag?

„Indem ich es nicht für selbstverständlich nehme, wie unglaublich privilegiert ich lebe. Das ist ein guter erster Schritt. Ich bin glücklich darüber, dass so viele liebe und wunderbare Menschen mein Privatleben bereichern – und dass ich einen Beruf habe, den ich sehr liebe und ein Publikum, das mich bis heute so stark unterstützt. Das ist in meiner Branche nämlich keine Selbstverständlichkeit mehr, wenn man knapp über 40 ist.“ (lacht)

Iris Berben in „Hanne“
ZWISCHEN Todesangst und Lebenslust: Hanne (Iris Berben)…

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, einfach mal dankbar und glücklich zu sein?

„Weil sie sich in ein Korsett zwängen. Es gibt den Wettbewerb, den Vergleich mit anderen Menschen und den Drang, Erfolg haben wollen. Wir leben in einer Ära der Selbstoptimierung, weshalb viele nie wirklich mit dem zufrieden sind mit dem, was sie haben. Außerdem gibt es heute so viele Möglichkeiten und so viel Auswahl wie nie zuvor. Das macht es nicht leichter, sich zu entscheiden. Viele Menschen haben es zudem verlernt, bewusst zu leben. Sie leben vor sich hin. Natürlich passiert es mir auch mal, dass ein Tag einfach so wegrutscht. Aber meistens schaue ich intensiv hin.“

„Deine eigenen Bedürfnisse sind viel wichtiger als die, die man dir einreden möchte.“

Gehst du auch mal Risiken ein?

„Auf jeden Fall! Es wird uns ja immer wieder eingeredet, wie wichtig es sei, einen geraden Weg einzuschlagen. Aber warum denn bitte? Nimm doch auch mal ein paar Umwege oder Abkürzungen. Dabei kannst du natürlich auch stolpern oder stürzen, weil so mancher Weg voller Unebenheiten ist. Doch auf deinem Weg solltest du dir stets darüber bewusst sein, dass deine ganz eigenen Bedürfnisse viel wichtiger sind als die, die man dir einreden möchte.“

Iris Berben in „Hanne“
… muss ein Wochenende lang auf ihr Laborergebnis warten, hier mit ihrer neuen Freundin Uli (Petra Kleinert)… 

Kannst du das bitte etwas näher erklären?

„Wenn ich auch mit dem Kleinen zufrieden bin – warum soll ich mir dann das Große holen? Wir sind doch alle wunderbar verschieden in unserer Lebensmelodie und unterschiedlich in den Antworten darauf, was uns wirklich wichtig erscheint. Der eine braucht Sicherheit. Der andere lebt wie ich ohne eine große Absicherung und Lebenspläne. Ich lebe viel lieber aus dem Moment heraus.“

Reizt dich hin und wieder auch der freie Fall?

„Manchmal schon. Ich bin dann aber auch glücklich, wenn ich nach dem freien Fall einigermaßen weich lande. Ich lasse nur wenig im Leben aus und bin deshalb schon ein paar Mal an einer sehr harten Landung vorbeigeschrammt. Ich habe es immer schon darauf angelegt, das Leben auch mal drastisch wahrzunehmen – mit allen Höhen, Tiefen und Facetten.“

„Ich war schon immer wählerisch in der Frage, welche Menschen ich wirklich nah an mich heranlasse.“

Wirst du mit den Jahren wählerischer?

„Je älter ich werde, desto weniger Kompromisse gehe ich ein. Natürlich geht es nicht immer ohne, denn Kompromisse sind wichtig in einer funktionierenden Gemeinschaft. Das hat auch etwas mit Respekt und der Toleranz anderen Menschen gegenüber zu tun. In meinem eigenen privaten Umfeld gehe ich aber viele Kompromisse ganz bewusst nicht mehr ein. Auch in meinem Beruf versuche ich seit mehr als 20 Jahren, möglichst selektiv zu arbeiten.“

Schützt das vor Fehlentscheidungen?

„Natürlich nicht. Aber das will ich auch gar nicht. Ich möchte weiterhin Fehler machen.“

5 Lieblingssongs von Iris Berben:


Kannst du ein Beispiel für dein Selektieren geben?

„Ich gehe zum Beispiel auf weniger öffentliche Veranstaltungen. Jetzt, nachdem ich die Präsidentschaft der Deutschen Filmakademie abgegeben habe, kann ich mich auf diesem Spielfeld noch mehr zurückziehen. Heute gehe ich nur noch auf Partys, auf die ich wirklich Lust habe. Ich war schon immer wählerisch in der Frage, welche Menschen ich wirklich nah an mich heranlasse. Natürlich gibt es auch Leute, mit denen ich mich wohl oder übel arrangieren muss. Menschen, die mir Energien rauben und meine Zeit stehlen, will ich in meinem Leben aber nicht mehr haben. Ich möchte meine Zeit, Kraft und Energie nur noch denen geben, die mir wirklich wichtig sind.“

Iris Berben in „Hanne“
…und lernt die wirklich wichtigen Dinge des Lebens wieder schätzen.

Wie melancholisch wirst du bei dem Gedanken, dass in deinem Leben mehr Jahre hinter als vor dir liegen?

„Bei dieser Vorstellung muss ich ganz schön schlucken. Im kommenden Jahr feiere ich meinen 70. Geburtstag. Es ist eine Zahl, die mich ehrlich gesagt leicht überfordert – zumal ich wie wohl jeder mit ihr einen ganz normalen biologischen Vorgang verbinde. Im Alter von 30 denken wir vielleicht ab und zu über die Möglichkeit nach, dass unser Leben jederzeit zu Ende sein könnte. Doch da sind es noch eher hypothetische Fragen, während in meinem Alter nun mal die Wahrscheinlichkeit wächst, schwer zu erkranken oder gar zu sterben. Das Leben wird noch fragiler, als es ohnehin schon ist.“

„Freigeistigkeit wird durch die derzeit sehr übertriebene Political Correctness immer mehr erstickt.“

Was geht dann in dir vor?

„Meine Gefühle und Gedanken sind je nach Tagesform unterschiedlich: Es gibt Momente voller Melancholie, aber auch Augenblicke, wo ich das alles mit einer gewissen Abgeklärtheit betrachte. Manchmal bin ich regelrecht froh, dass ich bislang schon so viel unglaublich sattes Leben erleben durfte und in einer anderen Zeit erwachsen geworden bin. Ich durfte tatsächlich viel mehr als man heute darf.“

Was genau meinst du?

„Für meinen Geschmack wird Freigeistigkeit durch die derzeit doch sehr übertriebene Political Correctness immer mehr erstickt. Mein Gott, wie viel Sinnlichkeit und Lebensqualität ist inzwischen verloren gegangen und was wird da eigentlich alles reglementiert? Streitkultur ist doch generell etwas Wunderbares! Ich kann nur allen Menschen raten: Hört euch doch auch mal eine andere Meinung an und haltet auch andere Meinungen aus. Und selbst wenn diese dann nicht eure wird – reflektiert die doch zumindest mal. Ich freue mich, dass ich in einer Ära der ausgeprägten Streitkultur, bei der es aber immer fair blieb und niemals nur aufeinander herumgehackt wurde, groß geworden bin. Es war für mich eine tolle und prägende Zeit.“

Herbert Knaup, Iris Berben, Dominik Graf
DER REGISSEUR Dominik Graf (rechts) und die Hauptdarsteller Herbert Knaup (links) und Iris Berben

Denkst du zuweilen über den Tod nach?

„Auch wenn es Kraft kostet, ist das ein Thema, mit dem ich mich immer wieder auseinandersetze. Zum Beispiel in Zeiten, wo ich selbst Verluste verarbeiten musste. Ganz egal, ob das nun meine Eltern oder enge Freunde waren, die ich verloren habe. Dann rede ich mit mir nahestehenden Menschen über den Tod. Das ist gut und auch wichtig, denn der Tod ist nun mal ein Teil unseres Lebens. Es muss aber auch passen und beim Gesprächspartner die notwendige Offenheit da sein, damit es für niemanden eine Belastung wird.“

Wie erklärst du dir, dass gerade in unserer Gesellschaft das Thema Tod meist verdrängt wird?

Gegenfrage: Denkst du gerne über den drohenden Verlust lieber Menschen und die eigene Vergänglichkeit nach?

Eher nicht…

„Da hast du eine Antwort! Aber es liegt sicher auch an unserer verkrampften Art zu trauern: In anderen Kulturen der Welt wird der Tod eines geliebten Menschen beweint, aber auch gefeiert.

Ich werde nie vergessen, was ich zum Beispiel in Südamerika an beeindruckenden Szenen erlebt habe: Wo Menschen an den Gräbern ihrer jüngst verstorbenen Lieben picknicken; sie dabei singen, lachen, weinen und feiern. Ich bin viel eher dafür, dass das gelebte Leben des Verstorbenen feiern, als nur seinen Verlust zu betrauern. Dass man an all das Schöne, an seine tollen, wunderbaren und lustigen Seiten erinnert. Das ist doch so viel schöner und macht es auch für die Hinterbliebenen einfacher. Und warum es nicht auch zu einem freudigen Tag machen, ohne dass man den Verlust dadurch in irgendeiner Weise schmälert?“

Gibt es Momente in deinem Leben, wo du eine ganz persönliche Inventur führst und alles hinterfragst?

„Ich mache weder Inventur noch eine Lebensplanung. Ich habe weder Ellbogen noch eine Strategie – dafür aber offenbar ein gutes Bauchgefühl. Empathie und Intelligenz helfen übrigens auch im Leben. Dazu noch Fleiß, Talent und etwas Glück. Ich mache aber auch deshalb keine Inventur, weil es von mir aus noch genau so ein paar hundert Jahre weitergehen könnte. Ich würde gar nichts mehr anders machen wollen. Ich würde allerdings weiter versuchen, immer wieder Neuland zu betreten und neugierig zu bleiben.“

„Ich finde, dass eine kleine Dosis Kontrollverlust zum Leben einfach dazu gehört.“

Die Hauptfigur in „Hanne“ ist anfänglich eine sehr kontrollierte Frau. Ist es wichtig, ab und zu auch mal die Kontrolle zu verlieren?

„Ich finde schon, dass eine kleine Dosis Kontrollverlust zum Leben einfach dazu gehört. Das sind dann zum Beispiel auf einer wilden Party die drei bis vier Gläser Wein zu viel. Ab und zu dem Affen Zucker geben, es richtig krachen lassen, auch wenn man dafür als Konsequenz am nächsten Morgen mit einem schlimmen Kater aufwacht. Also ich bin absolut dafür!“ (lacht)

Kannst du dir vorstellen, auch noch mit 80 oder 90 Jahren vor der Kamera zu stehen?

„Auf jeden Fall, ich bitte sogar darum, dass sich mir auch dann noch die Möglichkeit bietet! Ich hoffe aber auch, dass mich mein Instinkt davor bewahrt, dass ich irgendwann peinlich werde. Sobald ich merke, dass meine Selbstreflexion nicht mehr funktioniert, würde ich die Notbremse ziehen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf eine Coke treffen?
„Ich hätte gerne Pablo Picasso kennengelernt. Abgesehen davon, dass ich mir erhofft hätte, ein kleines Kunstwerk abzustauben, hätte ich mich sehr gerne über sein Leben, das Zustandekommen seiner unterschiedlichen Schaffensperioden (blaue Periode, rosa Periode, Klebebilder, Plastiken, Kubismus, Keramiken, Theaterstücke, die er geschrieben, Theaterkostüme, die er entworfen hat), aber vor allem über sein Verhältnis zu Tieren unterhalten. Ich bin erst durch das Buch „Die Tiere von Picasso“ von Boris Friedewald auf diese innige Beziehung gestoßen. Ach ja: Modell hätte ich für ihn übrigens auch gerne gestanden.“

„Hanne“ läuft am 18. September 2019 um 20.15 Uhr in Das Erste.