MEHR ALS VIER JAHRE lang gaben die zwei in der Sat.1-Serie „Der letzte Bulle“ ein ungleiches LKA-Ermittlerpaar: Henning Baum als unkonventioneller Macho Mick Brisgau und Maximilian Grill als nüchterner Kontrollmensch Andreas Kringge. Nach fünf Staffeln mit bis zu vier Millionen Zuschauern pro Folge war dann Schluss. Doch jetzt geht’s mit dem gleichnamigen Kinofilm in die Verlängerung.

Bevor Henning Baum 2002 mit der Serie „Mit Herz und Handschellen“ seinen Durchbruch feierte, spielte der heute 47-Jährige unter anderem in „Ein Fall für zwei“ oder „Polizeiruf 110“ mit. Spätestens seit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (2018) ist der gebürtige Essener auch im Kino erfolgreich. Sein Filmpartner Maximilian Grill ist vor allem in Serien und TV-Komödien zu sehen.

Auch im echten Leben stimmt die Chemie zwischen Baum und Grill. Man spürt, dass die beiden sich privat schätzen. Im Berliner nhow Hotel, direkt neben dem deutschen Coca-Cola Headquarter, sprechen die Schauspieler über die Empörungskultur in sozialen Netzwerken und übertriebene Political Correctness.

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light taste oder Coke Zero Sugar?

Henning: „Eine Classic, bitte.“

Maximilian: „Für mich auch.“

In „Der letzte Bulle“ geht es zuweilen ziemlich unkorrekt zu. Egal ob Frauen, Veganer, die AfD oder libanesische Clans – alle bekommen ihr Fett weg.

Henning: „Mick Brisgau zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht vorbelastet ist. Eine politisch korrekte Vorgehensweise kennt er nicht und so etwas interessiert ihn auch nicht. Er folgt ausschließlich seinem Gewissen. Deswegen ist er auch frei von Vorurteilen und es spielt keine Rolle, aus welcher politischen Ecke jemand kommt, welche Hautfarbe ein Mensch hat oder welche Religion. Das ist ihm alles egal. Er folgt vor allem seiner inneren Stimme. Und wenn ihm etwas gegen den Strich geht, schreitet er ein.“

Nun leben wir in einer Zeit der Political Correctness. Gerade hat Barbara Schöneberger einen heftigen Shitstorm dafür geerntet, dass sie in einem Video sagte, sie fände Make-up an Männern doof.

Maximilian: „Ich glaube, es ging da um ihren persönlichen Geschmack und ihre private Meinung. Das war bestimmt nicht ihre glücklichste Nummer, aber sie strebt damit sehr wahrscheinlich kein generelles Schminkverbot für alle Männer an. Barbara Schöneberger so etwas zu unterstellen, ist ebenfalls unglücklich und ein Problem.“

Henning: „Denn dadurch kommt eine Gesinnung zum Ausdruck, die sich als moralisch erhaben darstellt. Sowas geht aber nach hinten los. Eine Gesellschaft wird nicht freier und liberaler, wenn eine Tugendpolizei reflexartig mit dem Finger auf andere zeigt.“

Maximilian: „Und das oft ja auch nur, um mehr Klicks und Aufmerksamkeit in eigener Sache zu generieren.“

Henning: „Diesen Empörungskult, bei dem meist herzlich wenig dahintersteckt, lehne ich ab. Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren diesbezüglich noch einen großen Lernprozess durchlaufen müssen. Die sozialen Medien sind ja immer noch ein relativ junges Medium, das uns erlaubt, ohne Impulskontrolle sofort reagieren zu können. Erst dadurch kommen solche Shitstorms ja zustande. Wir müssen lernen, uns davon nicht verführen zu lassen.“

Brauchen wir wieder eine faire Streitkultur?

Henning: „Auf jeden Fall! Zu viele Menschen haben es heute verlernt, auch mal andere Standpunkte auszuhalten beziehungsweise sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber wenn wir das nicht mehr tun, stirbt der politische Diskurs. Es wäre gut, wenn wir uns alle mehr an die Kandare nehmen würden. Und vorher einfach mal nachdenken und emotional runterkommen, bevor wir Meinungen einfach nur so herausplärren.“

„Männlichkeit hat für mich mit gereifter Verantwortung zu tun, mit Großherzigkeit, mit Güte und mit Schutz.“

Mick Brisgau, „Der letzte Bulle“, gilt als waschechter Macho. Wie definiert ihr das Wort Männlichkeit?

Henning: „Männlichkeit hat für mich mit gereifter Verantwortung zu tun, mit Großherzigkeit, mit Güte und mit Schutz.“

Maximilian: „Das ist aber auch eine Energiefrage: Es gibt männliche und weibliche Energie.“

Henning: „Stimmt, und diese Energien unterscheiden sich deutlich voneinander.“

Maximilian: „Gleichzeitig tragen beide Geschlechter beide Energien in sich.“

Henning Baum in „Der letzte Bulle“
ER IST wieder da: Mick Brisgau (Henning Baum) 

Henning: „Trotzdem sind und bleiben es sehr verschiedene Energien und Qualitäten. Warum bitte sollen wir die vermischen? Ich habe neulich in dem Leitartikel einer Tageszeitung gelesen, dass es zu begrüßen sei, dass sich die Geschlechter in Zukunft immer mehr angleichen. Das sehe ich ganz anders. Man sollte sich stets der spezifisch männlichen und weiblichen Eigenschaften bewusst sein – und auch der Unterschiede. Der Austausch der unterschiedlichen Energien und Qualitäten macht es doch so reizvoll. Als Jugendlicher habe ich es immer als ausgesprochen erfrischend empfunden, wenn ich mich mit meinen Freundinnen unterhalten habe, die zuweilen ganz andere Meinungen zu Film, Literatur und Kunst hatten. Das mochte ich immer sehr. Danach bin ich aber auch wieder gerne in meine Männerwelt gegangen. Und so ist es auch immer noch.“

Henning Baum in „Der letzte Bulle“
REHA mit Hantel: Ob die klassischen Männlichkeitsbilder bei der Integration helfen?

Männer sind heute in ihrem Rollenverhalten oft ziemlich verunsichert. Auch weil sich die Erwartungen der Frauen an sie sehr verändert haben…

Henning: „Das kann ich nur unterstreichen. Es wird von Männern heute alles Mögliche verlangt. Sie müssen das Beste aus allen Welten mitbringen und am besten eine eierlegende Wollmilchsau sein. Da kann ich nur sagen: Macht einfach nicht alles mit und bleibt euch doch wieder mehr selbst treu! Auf mich wirkt es so, dass Männer heutzutage nicht mehr genau wissen, an was für Leitbilder sie glauben und an wem sie sich orientieren sollen. Die Filmhelden meiner Generation waren oft raubeinige Typen wie Spencer Tracy, Charles Bronson oder John Wayne…“

Maximilian: „Wir sind eben auch in einer Zeit aufgewachsen, in der die Erziehung von Jungen noch ganz anders aussah. Was damals noch gewollt und gefordert war, ist heute nicht mehr so gefragt.“

Henning: „Stimmt, da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Wir wurden als Kinder und Jugendliche anders behandelt – zum Beispiel vom Lehrer im Sportunterricht.“

5 Lieblingssongs von Henning Baum und Maximilian Grill:

Wie genau?

Henning: „Mit einer gewissen und in meinen Augen auch gesunden Härte. Es war früher alles rauer, direkter und das war ganz sicher nicht schlecht, sondern hat uns sogar gutgetan. Ich habe mich früher auch an Helden aus der Mythologie orientiert, die mich fasziniert haben.“

„Wenn man stets versucht, es allen Recht zu machen, kann das empfindlichen Charismaverlust mit sich bringen.“

Typen mit Ecken und Kanten haben es der heutigen Zeit eher schwer.

Maximilian: „Wenn man permanent Angst hat, etwas Falsches zu sagen und stets versucht, es allen Recht zu machen, kann das einen empfindlichen Charismaverlust mit sich bringen.“

Henning: „Leider führt das auch dazu, dass vor allem diejenigen, denen Shitstorms völlig egal sind, heute besonders oft klare Kante zeigen. Deshalb erleben aktuell auch Politiker mit fragwürdigen Positionen so großen Zuspruch. Weil die Menschen sie dann als authentisch erleben. Nach der Devise: Die trauen sich doch mal was und lassen sich nicht den Mund verbieten.“

Wie gut passen Männer und Frauen in euren Augen zusammen?

Henning: „Sehr gut! Und das nicht nur, wenn es um Sex und Zärtlichkeit geht. Männer und Frauen können sich gegenseitig wunderbar inspirieren. Außerdem bedürfen Männer der Verfeinerung und da sind Frauen natürlich eine große Triebfeder.“

Maximilian Grill und Henning Baum in „Der letzte Bulle“
EINSATZ IN ESSEN: Maximilian Grill und Henning Baum in „Der letzte Bulle“

Im Film küsst ihr beide euch sekundenlang auf den Mund, um einer Polizeikollegin einen Streich zu spielen. War es für euch beide das erste Mal, einem Mann so nahe zu kommen?

Maximilian: „Ich hatte vor ein paar Jahren mal für einen Film gemeinsam mit Dominic Boeer einen noch viel wilderen Kuss. So richtig mit Zunge. Es hätte keinen Sinn gemacht, zu versuchen, das irgendwie zu faken, weil es nur albern ausgesehen hätte. Für mich war das ein ähnlich absurdes Gefühl, als wenn ich mit einer weiblichen Filmpartnerin wild knutschen muss, die ich vorher nicht kannte. Augen zu und durch!“ (lacht)

Henning: „Ich habe männliche Freunde, die ich sehr liebe und die ich auch mal küsse, wenn ich sie wiedersehe. Das ist aber eher wie ein Bruderkuss und ein Ausdruck inniger Liebe unter heterosexuellen Männern.“

Henning Baum in „Der letzte Bulle“
AUCH MAL Gefühle zeigen: Mick Brisgau (Henning Baum) mit analogem Emoji

Wie ist eure Meinung zur aktuellen Gender-Debatte und dem Trend der genderneutralen Erziehung?

Henning: „Meiner Erfahrung nach schadet es nicht, wenn man auch Mädchen beibringt, wie sie einen Plattfuß am Fahrrad reparieren. Es ist gut, Mädchen und Jungen die gleichen Dinge beizubringen. Ob sie es dann tatsächlich annehmen, ist eine andere Frage. Ich halte aber auch nichts davon, die Geschlechter zu neutralisieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung und aus Beobachtungen, dass Kinder sich Vorbilder suchen. Es ist von der Natur nun mal so eingerichtet, dass es Männer und Frauen gibt. Ich habe ja bereits gesagt, dass ich die Angleichung der Geschlechter für nicht erstrebenswert und deshalb auch diese Gender-Debatte für einen großen Irrtum des aktuellen Zeitgeistes halte. Eins ist aber auch klar: Wenn Frauen die gleiche Arbeit wie Männer verrichten, dann müssen sie auch gleich bezahlt werden. Alles andere ist einfach eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, die dringend beendet werden muss.“

Maximilian Grill in „Der letzte Bulle“
VOLLER DURCHBLICK? Andreas Kringge (Maximilian Grill)

Maximilian: „Die Genderangleichung finde ich auch nicht richtig. Zumal Kinder doch sowieso verschiedene Phasen durchlaufen. So habe ich das zumindest bei meiner Tochter beobachtet. Mal wollte sie Prinzessin sein, dann auf einmal Ronja Räubertochter. Wenn man da sensibel ist und diesen Entwicklungen wach und bewusst folgt, dann erübrigt sich doch der Rest von ganz alleine. Aber: Dass sich die Erziehung generell weiterentwickelt hat und nicht mehr in den alten Strukturen abläuft, so wie das in unserer Generation der Fall war, halte ich für den absolut richtigen Weg.“

Henning: „Du meinst, dass sich Väter heute viel aktiver beteiligen?“

Maximilian: „Zum Beispiel! Aber auch, dass Jungs eben nicht nur das Holzschwert oder das Western-Gewehr in die Hand gedrückt bekommen. Ein Junge darf auch mal mit einer Puppe spielen.“

„Wo können Kinder, Mädchen wie Jungen, heute noch Abenteuer finden?“

Henning: „Mädchen und Jungen haben heute ein echtes Problem: Wo bitte sollen sie noch Abenteuer finden? Wie die Herausforderungen und Gefahren, die sie meistern müssen, damit sie auch Charakterstärke entwickeln?“

Maximilian: „Eine berechtigte Frage. Zumal man durch solche Abenteuer auch viel über das Leben und ein gesundes Miteinander lernen kann.“

Henning: „Wir haben als Kind ständig Abenteuer gesucht; sind in verlassene Häuser eingestiegen, sind durch die Kanalisation gelaufen und haben auch gefährlichen Mist angestellt: Messerwerfen, Feuer anzünden. Und unsere Eltern wussten derweil gar nicht, wo wir waren. Wir sind erst nach Hause gekommen, wenn wir Hunger hatten. Wir waren einfach weg und konnten ein Gefühl von Freiheit genießen.“

Mit wem würdet ihr euch gern mal auf ´ne Coke treffen?

Henning: „Wenn er noch leben würde, wäre Friedrich Schiller auf jeden Fall ein spannender Gesprächspartner. Geistig könnte ich ihm natürlich nicht das Wasser reichen – aber es wäre sicherlich inspirierend, sich einmal mit einem derartigen Feingeist und Idealisten auszutauschen.“

Maximilian: „Ich würde sehr gerne den Dalai Lama treffen. „Ethik ist wichtiger als Religion“ ist die Kernaussage in einem von Franz Alt publizierten Gespräch mit ihm. Diese Aussage finde ich wichtig für eine friedliche Zukunft.“

„Der letzte Bulle“ ist gerade im Kino angelaufen.

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