SIE IST ein charmanter Wirbelwind. Enissa Amani gestikuliert ausladend, antwortet ausführlich. Umwerfend witzig, nachdenklich, politisch und vor allem emotional und energiegeladen. Ab dieser Woche kommt die Komikerin mit iranischen Wurzeln via Netflix auf unsere Bildschirme. Wir treffen Enissa Amani in einem Apartment in Berlin-Mitte. Mit Blick auf den ehemaligen Todesstreifen reden wir über den Unterschied zwischen Kunstfreiheit und Beleidigung – und über Integration. Ein Wort, das die 36-Jährige nicht so recht mag.

Denn sie kann auch ernst. Ein paar Tage nach unserem Gespräch sorgt die Komikerin mit einem beherzten Auftritt in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ zum Thema Islam für Schlagzeilen. Sie bekommt viel Lob, wird im Netz aber auch übel beleidigt, bis hin zu Morddrohungen.

Enissa Amani führt ein Leben voller Gegensätze. Die Eltern fliehen mir ihr aus dem Iran, weil sie als Sozialisten politisch verfolgt werden. Amani macht ihr Abi, studiert erst Jura, dann Literaturwissenschaft. Später arbeitet sie als Flugbegleiterin und nimmt an Schönheitswettbewerben teil. Seit 2013 tritt sie als Comedian auf, wandelt „zwischen Politik und Proletariat“ (Spiegel Online), witzelt über Handtaschen und Flüchtlingskrise gleichermaßen. In ihren Shows sitzen deutsche Rentner, türkische Jugendliche, iranische Frauengruppen, schwule Paare. Und alle bekommen eingeschenkt. Natürlich stets sehr charmant.

Coke, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?
„Ich trinke Coke Zero Sugar. Natürlich, weil ich auf einen Deal hoffe. Ich dachte, vielleicht hab‘ ich da noch eine Chance.

Du nimmst in deinen Programmen kein Blatt vor den Mund. Gibt es einen Witz, den du im Nachhinein bereust?
„Nein. Ich bin jemand, der sich in seinen eigenen Grenzen bewegt und die auch nicht überschreitet. Mein Ziel ist nicht die Provokation. Ich will, dass die Leute einen schönen Abend haben, lachen, Spaß haben und auch mal einen neuen Blickwinkel bekommen. Es gibt ja Comedians, die gezielt provozieren wollen. Das bin ich nicht.“

Auf ne Coke mit Enissa Amini
VORHANG AUF: Enissa Amanis Netflix-Show wurde im Hamburger St-Pauli Theater aufgezeichnet

Sollte man deiner Meinung nach Witze über Minderheiten machen?
„Ich bin da eher vorsichtig. Ich glaube, dass wir eine besondere Verantwortung haben und es wichtig ist, wer den Witz macht. Ich spreche in meinem Netflix-Special über eine Frau im Rollstuhl, die mal nach einer Show zu mir kam und meinte, sie fand einen Teil des Programms ‚behindert‘. Ich habe dieses Wort nicht selbst benutzt und wusste erst mal gar nicht, wie ich damit umgehen sollte.“

Ist es da von Vorteil, selbst einer Minderheit anzugehören?
„Klar. Wenn ich mit Migrationshintergrund über ‚Kanaken‘ spreche, ist das was ganz anderes, als wenn das ein hübscher, blonder Kollege tun würde. Natürlich muss es eine gesetzlich gesicherte Satirefreiheit geben. Ich muss auf der Bühne sagen können, was ich will. Sonst würden Satire und Comedy keinen Sinn machen. Trotzdem brauchst du deine eigenen, moralischen Maßstäbe. Und die habe ich. Obwohl ich kein diplomatischer Mensch bin.

Fünf Lieblingssongs von Enissa Amani:


Hier spricht Enissa Amani über iranische Modern-Talking-Fans, ihre Auftritte in England und ihre Liebe zu Filmmusik:

Respekt ist das Entscheidende...
„Ja, und sich auch der Verantwortung bewusst sein. Satire soll Denkanstöße geben. Es ist nicht lustig, auf der Bühne immer politisch korrekt zu sein. Die Inkorrektheit macht es ja erst lustig. Aber ich darf einige Sachen nicht außer Acht lassen. Wenn ich als nicht-behinderte Frau auf die Bühne gehe und mich darüber auslasse, wie Behinderte sind, ist das völliger Quatsch und anmaßend. Ich weiß nicht, wie man sich im Rollstuhl fühlt und wie weh es den Menschen tut, wenn sie das Wort ‚behindert‘ hören. Mir tut es zum Beispiel weh, wenn mich jemand als Ausländerin bezeichnet. Andere können gar nicht nachvollziehen, was das in mir auslöst. Was ich sagen will: Wenn ich nicht zu einer bestimmten Gruppe gehöre, sollte ich vorsichtig sein, wenn ich über diese Gruppe spreche.“

„Ich muss auf der Bühne sagen können, was ich will. Trotzdem brauchst du deine eigenen, moralischen Maßstäbe.“

Gibt es eine Gruppe, die besonders empfindlich reagiert, wenn über sie Witze gemacht wird?
„Ich sage das immer über die Iraner. Ich freue mich aber, dass sie auch dort mittlerweile Comedy-affiner werden. Ich mache in diesem Jahr meine erste Tour durch Deutschland auf Persisch und halte ihnen genau das vor: ‚Für euch Comedy zu machen, ist so schwierig. Ihr seid so ein unnötig stolzes Volk‘. Aber es ist toll, dass die Iraner Comedy immer besser verstehen und selbstironischer werden – auch die Frauen. Die Deutschen sind in Sachen selbstironischer Comedy aber noch viel fortgeschrittener. Sie fühlen sich nicht direkt in ihrem Nationalstolz verletzt.“

Enissa Amani bei einer Show in London:

Wie einfach ist es denn, Deutsche auf die Schippe zu nehmen?
„Eigentlich ganz einfach. Auch, weil sie mein Berufsfeld viel besser kennen. Die Amerikaner sind uns aber noch viel weiter voraus, auch in Sachen Grenzüberschreitung. Was einige US-Comedians jüdischer Herkunft raushauen, ist schon krass. Das könnten wir aufgrund unserer Geschichte berechtigterweise gar nicht erzählen. Aber auch die Iraner begreifen langsam, dass es nicht darum geht, ein Volk zu lobpreisen, sondern die Abgründe und den Mist auf die Bühne zu holen.“

Enissa Amini - Selfie
JUNG, cool, schön: Enissa Amanis Selfie beim Interview
Ein Zeichen von gesellschaftlichem Fortschritt, über sich selbst lachen zu können?
„Absolut! Ich erlebe das oft in Bayern. Da gehe ich auf die Bühne und sage teilweise Sachen, wie: ‚Hier bei euch sitzen doch nur Nazis‘. Aber die Zuschauer lachen und wissen genau, dass es keine ernstgemeinte Aussage ist. Ich spiele vielmehr mit existierenden Klischees und erlebe etwa in München, wie gut das ankommt. Die im Süden sind gar nicht so konservativ, die können gut über sich selbst lachen.“

Was sind für dich typisch deutsche Angewohnheiten, die Immigranten hier erwarten, wenn sie sich integrieren?
„Ich habe ja immer ein Problem mit dem Wort Integration. Die Leute nennen mich oft ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Aber ich finde, die meisten machen das an den falschen Maßstäben fest, zum Beispiel an der Sprache.“

Wie meinst du das?
„Mein Vater hat noch einen persischen Akzent, erzählt dir aber alles über Goethe, Kant, Nietzsche und Hegel. Da könnten viele Deutsche nicht mithalten.“

„Wir sind eine junge, coole Gesellschaft. Daraus kann man was Neues zaubern, ohne dass etwas verloren geht.“

Aber die Sprache ist ein wichtiger Baustein…
„Natürlich ist die Sprache wichtig. Aber was mich ärgert ist, dass viele Jugendliche – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – kaum noch etwas über deutsche Kultur wissen. Die trinken ihren Kaffee bei Starbucks, essen bei McDonald’s und haben noch nie einen Rinderbraten zubereitet. Ein Türke, der sich mit Goethe beschäftigt, kann doch einen Akzent haben. Das ist doch nicht schlimm. Es geht auch nicht nur um Integration, sondern um Rekreation. Wir müssen nicht nur Altes bewahren, sondern was Neues schaffen. Wir sind eine junge, coole Gesellschaft. Daraus kann man was Schönes, Neues zaubern, ohne dass etwas verloren geht.“

„GOETHE mit Akzent ist nicht schlimm“ – Enissa Amani
„GOETHE mit Akzent ist nicht schlimm“: Enissa Amanis Eltern flohen mit ihr aus dem Iran

Deine Eltern haben dich sozialistisch erzogen. Jetzt bist du beim US-Streamingdienst Netflix zu sehen und gibst Coca-Cola ein Interview. Was haben deine Eltern falsch gemacht?
„Wenn du meinen Vater fragst: alles! Nein. Meine Eltern haben ja eine gewisse Entwicklung hinter sich. Sie sind im Iran in einer Diktatur großgeworden und haben Kommunismus als etwas Befreiendes erlebt: Alle sind gleich, die Religion soll uns nicht dominieren. Mittlerweile würde sich mein Vater aber nicht mehr als Kommunist, sondern als Sozialist bezeichnen.“

„Noch heute habe ich Momente, in denen ich alles hinschmeißen und Freiheitskämpferin in Tibet werden will.“


Wie genau bist du denn aufgewachsen?

„Meine Eltern haben mich früher auf jede Demo mitgenommen. Dort habe ich geschrien ‚Nieder mit dem Imperialismus‘, hatte dabei aber Schuhe an, die für zwei Mark in China hergestellt und hier für 350 Mark verkauft wurden. Ich habe diese Widersprüchlichkeit schon immer in mir gehabt. Noch heute habe ich Momente, in denen ich alles hinschmeißen und Freiheitskämpferin in Tibet werden will. Im nächsten Augenblick sehe ich diesen tollen Schuh und denke: ‚Den hätte ich schon gerne noch‘. Meine Eltern sind sich also durchaus bewusst, dass ich einer anderen Generation angehöre. Und mein Vater hat sich sofort vom Kommunismus abgewandt, als er vom Honorar von Netflix erfahren hat. Seitdem ist er großer Fan des Kapitalismus.“

Mit wem würdest du dich gern mal auf 'ne Coke treffen?
„Wenn er schon tot sein darf: Nelson Mandela.“

„Ehrenwort“ von Enissa Amani läuft ab dem 26. April weltweit auf Netflix.

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