DIE PENTHOUSE-SUITE im Berliner Hotel Orania ist so geräumig, dass sie auf den ersten Blick gar nicht zu sehen ist. Désirée Nosbusch hat es sich in einer versteckten Ecke auf der Couch gemütlich gemacht. Sie bietet sofort das Du an und wirkt während der gesamten Begegnung ebenso zufrieden wie tiefenentspannt. Was auch an der Vorfreude auf vier Wochen Urlaub in Los Angeles liegt. Die kalifornische Metropole war jahrelang ihre zweite Heimat – dort leben bis heute Tochter Luka und Sohn Lenny.

Erste Karriereschritte unternimmt Désirée Nosbusch im Alter von zwölf Jahren als Moderatorin bei Radio Luxemburg. Ein paar Jahre später schafft sie als ARD-Jungreporterin von der Internationalen Funkausstellung in Berlin den Sprung ins deutsche Fernsehen und avanciert mit Shows wie „Musicbox“ oder „Hits von der Schulbank“ in den frühen Achtzigerjahren zum Teenie-Idol einer Generation.

Aber auch als Schauspielerin („Der Fan“) ist die gebürtige Luxemburgerin, die sechs Sprachen fließend spricht, immer wieder erfolgreich. Ab 2010 wird es auffällig ruhig um die heute 54-jährige Nosbusch. Spannende Rollen und Engagements bleiben aus. Sie gründet deshalb eine eigene Produktionsgesellschaft und spielt in ihrer Heimat auf Theaterbühnen – bis ihr 2018 mit der Rolle einer intriganten Investmentbankerin in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten ZDF-Serie „Bad Banks“ ein starkes Comeback gelingt. Die zweite Staffel ist für Anfang 2020 angekündigt. Doch erst einmal ist Désirée Nosbusch nun in der neuen ARD-Reihe „Der Irland-Krimi“ als Polizeipsychologin zu sehen.

Désirée Nosbusch in „Der Irland-Krimi“
GUT und schön: Psychologin Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) in der „Der Irland-Krimi“

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Eine Classic, bitte.“

In den beiden ersten Teilen von „Der Irland-Krimi“ herrscht eine düstere, ja bedrückende Grundstimmung. In deiner Rolle als Polizeipsychologin Cathrin Blake lachst du fast gar nicht. War es da nicht schwer, nach Drehschluss abzuschalten?

„Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt: Ich lege einfach den Schalter um und genieße meine drehfreie Zeit. Ich habe mich früher aber auch nicht so intensiv vorbereitet. Ich musste erst lernen, wie man das richtig und besser macht. Inzwischen bin ich auch dank der Hilfe eines tollen Coaches an einem Punkt angekommen, dass ich die Vorbereitung auf eine neue Rolle auch als Reise in das Leben eines anderen Menschen betrachte. Und deshalb war es hier nach Drehschluss auch anders.“

Inwiefern?

„Mein Mann hatte mich oft in Irland bei den Dreharbeiten besucht – wir waren zu der Zeit ja gerade erst verheiratet – und er hat danach zu mir gesagt: Du bist ja ein anderer Mensch, wenn du drehst! Du warst die ganze Zeit die Cathrin. Für mich als Schauspielerin ist das einerseits ein Kompliment, doch für ihn muss es ganz schön heftig gewesen sein.“

Lernt man da auch Neues über sich selbst?

„Auf jeden Fall! Ich musste mich im Verlauf der Vorbereitung sehr viel mit mir selbst befassen. Für die Recherche habe ich mich auch mit einem Psychologie-Professor getroffen. Ich war zwar schon mal selbst in Therapie, wollte aber genau verstehen, wie das Profiling funktioniert: Wie weit darf in diesem Beruf die Empathie gehen? Wo musst du dem Patienten klare Grenzen setzen?“

„Jahrelang bin ich morgens immer wieder mit dem Gefühl aufgewacht, dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin.“

Wie hat sich dein Comeback durch den Serienhit „Bad Banks“ im vergangenen Jahr angefühlt?

„Jahrelang bin ich morgens immer wieder mit dem Gefühl aufgewacht, dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin. Dass ich nicht die passenden Rollen, Jobs, Engagements annehme. Dass ich in den USA niemals meine Karriere so zum Laufen bringen kann, wie ich es will. Ich hatte immer wieder tiefe Selbstzweifel.“

Désirée Nosbusch in „Bad Banks”

Die sicher nicht besser wurden, als gute Rollenangebote jahrelang fast komplett ausblieben…

„…es gab schon Momente, in denen ich dachte, dass es für mich wohl einfach nicht sein sollte. Dass ich vielleicht einfach nicht gut genug bin, um mich als Schauspielerin erfolgreich zu behaupten. Nach dem Erfolg der ersten „Bad Banks“-Staffel, den ich übrigens nicht als Comeback, sondern viel mehr als die Geburt der Schauspielerin Désirée betrachte, wollte ich keinen Fehler machen. Endlich, nach all den Jahren, hat man mir eine Chance gegeben und ich konnte zeigen, was wirklich in mir steckt. Deshalb sollte der zweite Schritt unbedingt der richtige sein. Meine innere Anspannung war und ist groß. Ich habe die Sorge, dass Erfolg und Anerkennung mit einer falschen Rollenwahl schnell wieder vergehen…“

5 Lieblingssongs von Désirée Nosbusch:

Bist du eine Frau, die sich immer wieder infrage stellt?

„Auf jeden Fall – und das auch noch mit fast Mitte 50. Das Leben testet uns immer wieder. Ich habe mich bereits in jungen Jahren dazu entschlossen, alles kritisch zu hinterfragen. Warum ich gewisse Dinge überhaupt zugelassen habe. Steckte ein Kalkül dahinter? Habe ich mir Dinge erhofft, die ich mir selbst nicht eingestehen wollte? Es ist ganz sicher der härtere Weg, aber für mich auch der einzig Richtige.“

Es gehört Mut dazu, sich selbst den Spiegel vorzuhalten.

„Mit sich selbst ins Gericht zu gehen, ist sicher nicht leicht und tut zuweilen weh. Aber wenn du es tust, dann kommst du am Ende meist stärker heraus.“

„Ich bin in meinem Leben schon in ganz tiefe Täler hinabgestiegen, habe aber auch immer versucht, aus dem Schmerz zu lernen.“


Du wirkst sehr zufrieden und glücklich – aber auch nachdenklich. Dabei haben viele dich als dauerlächelnde Lady Sunshine in Erinnerung.

„Ich war nie so, wie mich die Medien und viele Menschen gesehen haben. Ich mag selbstsicher, vorlaut und reif gewirkt haben, aber tief in mir sah es ganz anders aus. Als Teenager habe ich mir immer eine Narbe im Gesicht gewünscht, damit ich nicht als das niedliche, brave Mädchen im hübschen Kleid gesehen werde. Ich selbst empfand mich nie als Everybody’s Darling.“

Désirée Nosbusch singt mit Falco (1984):

War das auch einer der Gründe für deine Skandalrolle im Film „Der Fan“ von 1982, in dem du minutenlang nackt zu sehen warst?

„Sicher! Aber trotzdem ist es mir damals nicht gelungen, wirklich auszubrechen. Ich war zu jung und habe auch danach viel zu lang versucht, einem Bild gerecht zu werden, das die Außenwelt von mir hatte. Es war mir wichtig, dass alle von mir denken, dass ich nett, charmant und formbar bin und nicht widerspreche. Später kam ich mir dann lange Zeit vor wie ein Feuerlöscher. So richtig hat sich kaum einer zu mir bekannt, aber wenn es dann wieder mal brannte und eine Gala oder Show ebenso kurzfristig wie hochprofessionell wegmoderiert werden musste, stellte man mich doch hin. Das hat mich auf Dauer ganz schön frustriert. Umso mehr genieße ich die aktuelle Anerkennung, die mir das Vertrauen in meinen Beruf zurückgegeben hat.“

Désirée Nosbusch in „Der Irland-Krimi“
PSYCHOLOGIN Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) hat ihren Mann verloren

Wie gehst du mit Enttäuschungen und den damit verbundenen negativen Gefühlen um?

„Ich lasse sie zu. Ich habe da auch gar keine Handhabe, diese Gefühle irgendwie wegzudrücken. Ich bin in meinem Leben schon in ganz tiefe Täler hinabgestiegen, habe aber auch immer versucht, aus dem Schmerz zu lernen. Nach überstandener Leidensphase habe ich mich immer gefragt, ob ich aus dem Erlebten etwas lernen sollte. Ob das nicht ein Zeichen war, in mich zu gehen und neue Wege einzuschlagen. Wenn etwas im Leben nicht nach Plan läuft, dann hat das auch meist seinen Grund.“

Wie wichtig ist es dir, auf deine Intuition zu hören?

„Heute wichtiger denn je. Ich habe das Gefühl, dass wir das alle zu selten tun. Es läuft zu viel nach Fahrplan. Dabei gibt uns unser Bauch klare Zeichen, bevor es unser Kopf tut. Diesen Kampf zwischen Kopf und Bauch kenne ich gut. Ich möchte etwas auf Biegen und Brechen – doch das Leben weist mich in seine Schranken. Manchmal begehe ich die gleichen Fehler sogar mehrfach, obwohl ich eigentlich ganz genau weiß, dass es nicht funktioniert. Und falle wieder auf die Nase. Bis ich es irgendwann kapiert habe.“

Désirée Nosbusch in „Der Irland-Krimi“
KEIN STRANDURLAUB: In der ersten Folge geht um „Die Toten von Glenmore Abbey“

Wirst du gerne älter?

„Mit Anfang 40 hatte ich erstmals das Gefühl, dass mein Innen- und Außenbild sich endlich annäherten. Da fing ich an, mich zu mögen. Und irgendwann ruhte ich in mir, war endlich angekommen. Mit 50 und 51 fand ich alles ganz toll. Aber jetzt denke ich manchmal: Oje, die 60 kommt. Das Leben geht einfach zu schnell vorbei, die Zeit rast und es liegen schon viel mehr Jahre hinter mir als vor mir.“

„Ich möchte meiner Tochter vorleben, dass es auch sehr schön sein kann, älter zu werden.“


Was denkst du, wenn du dich heute im Spiegel betrachtest?

„Es gab eine Phase, in der ich ganz besonders kritisch tat und darüber nachdachte, es auch mit Botox & Co zu versuchen. Denn natürlich verändern sich mit den Jahren Dinge an meiner Optik, die mich stören. Das geht ja vielen Frauen und auch Schauspielkolleginnen so. Dann habe ich aber gedacht: Das wäre doch ein totaler Verrat an meiner Herkunft. Wenn ich das machen lasse, dann würde ich doch meinen Eltern und Großeltern damit sagen, dass es nicht ok ist, was ihr mir an Genen mit auf den Weg gegeben habt.“

Du feierst also jede neue Falte?

„Das nun auch nicht gerade. (lacht) Natürlich ist es eine Herausforderung und zuweilen auch hart zu sehen, wie man körperlich älter wird. Aber so ist nun mal die Natur. Ich möchte meiner Tochter vorleben, dass es auch sehr schön sein kann, älter zu werden. Wenn man denn wach und neugierig bleibt. Wobei ich eher das mentale Reifen und das Gelassenerwerden meine. Und sich auf die wirklichen Dinge im Leben zu fokussieren.“

Désirée Nosbuschs legendäres Interview mit Klaus Kinski:

Kannst du das präzisieren?

„Ich weiß heute ganz genau, was mir guttut und was nicht. Welche Menschen ich um mich haben möchte und welche Energie-Vampire ich fernhalten muss. Ich muss nicht mehr allen gefallen und möchte keine Zeit mehr mit unnützem Zeug verschwenden. Ich denke nicht mehr so viel über mein Äußeres nach. Sehe ich wirklich gut genug aus für diesen Anlass? Was für ein Outfit soll ich anziehen? Und wie kann ich am besten andere Menschen beeindrucken? Ich habe nicht mehr so viel Angst, dass ich übersehen werde und lerne immer besser, mich bewusst von Äußerlichkeiten zu lösen. Dieses ewige Vergleichen und Selbstoptimieren. Was für ein nerviger und unnötiger Stress und Druck!“

Désirée Nosbusch singt mit Erdmöbel (2014):

Wie hoch ist aktuell dein persönlicher Glücksfaktor?

„So wie mein Leben gerade ist, fühlt es sich absolut gut und richtig an. Wenn morgen alles vorbei wäre und ich sterben müsste, dann wäre das natürlich sehr schade und traurig. Ich könnte aber sagen: Es war sehr gut und schön – genau so wie es war! Mit allen Höhen und Tiefen, die das Leben mit sich bringt. Ich würde mit einem Gefühl der Zufriedenheit und ohne Bitterkeit gehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Zumal es sehr viele Menschen auf dieser Welt gibt, die das nicht von sich behaupten können.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf eine Coke treffen?

„Mit Meryl Streep, weil sie einfach die Allergrößte ist.“

„Der Irland-Krimi: Die Toten von Glenmore Abbey“ läuft am 24. Oktober und „Der Irland-Krimi: Mädchenjäger“ am 31. Oktober jeweils um 20.15 Uhr in Das Erste.

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