BELEGTE CROISSANTS, kleine Kuchenstücke, Grillsaucen von Axel Schulz: Die Managerin von Culcha Candela hat in ihre geräumige Bürowohnung in Berlin-Mitte geladen und schon mal den Tisch gedeckt. Die Jungs von Culcha Candela klingeln im Fünf-Minuten-Takt an ihrer Tür. Chino ist pünktlich und sitzt schon am Tisch, später kommen Mateo („Kein Taxi und kein Mietauto gefunden“), Johnny („Meine Küchenuhr ist stehengeblieben“) und Don Cali (wortlos) zur Tür hinein.

Die Berliner Multi-Kulti-Band mit Wurzeln in Polen, Afrika, Kolumbien und Südkora feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. Mit Hits wie „Hamma“, „Monsta“ und „Berlin City Girl“ schafften es Culcha Candela auf jeden Dancefloor. Ihr Jubiläumsalbum „Feel Erfolg“ bringt einmal mehr perfekte Partysongs und gute Laune.

So präsentieren sich die Jungs auch beim einstündigen Interview am Frühstückstisch. Mit dabei: das Fan-Handy: Fans, die die Deluxe-Box des Albums gekauft haben, sind in den Genuss einer Handynummer gekommen. Wer hier anruft, landet tatsächlich bei einem der Bandmitglieder. Der direkte Draht ins Candela-Hauptquartier also. Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis das Handy während des Gesprächs klingelt...

Mit diesem Song wurden Culcha Candela berühmt:


Coca-Cola, Coke light, Coke Zero Sugar oder Coca-Cola Life?
Alle: „Das Original!

Ich habe auf einer spirituell angehauchten Website gelesen: „Aus spiritueller Sicht ist die 15 die Zahl, bei der es um die Akzeptanz des eigenen Inneren geht, darum die eigene Seele anzuerkennen. Es ist die Zahl des Sich-Nach-Innen-Wendens.“ Passt dieses Zitat zu eurer jetzigen Situation? Seid ihr, wie man so schön sagt, angekommen? 

Mateo: „Es passt definitiv zum Album Feel Erfolg. Erfolg ist nicht an Zahlen, Geld oder Besitztümern messbar. Der wahre Luxus ist, das zu tun, was du möchtest. In Cool mit dir selbst geht es darum, dich so zu akzeptieren, wie du bist. Dann kannst du andere Leute auch besser liebhaben. Die Message wirkt simpel, hat aber eine große Wirkung. Ich glaube, dass viele Probleme einer Gesellschaft mit den eigenen Problemen der Leute zu tun haben. Dass sie sich selbst nicht gut riechen können und dann mit dem Finger auf andere zeigen oder Molotow-Cocktails nach ihnen werfen. Die Reise ins Innere, sich selbst zu akzeptieren, passt auf jeden Fall zu vielen Songs auf dem Album.“

Wie schwer ist es in der Musikbranche, sich selbst anzuerkennen? Ich kann mir vorstellen, es gibt dort viele Menschen, die einen in bestimmte Ecken drängen oder Einfluss nehmen wollen...
Mateo: „Das haben wir schon längst hinter uns. Also uns selbst anzuerkennen. Wir haben schon auf dem letzten Album im Song Scheiße, aber happy vermeintliche Fehltritte von uns verarbeitet und gesagt, dass wir dazu stehen.“

Hier zeigen Culcha Candela ihre aktuellen Dance Moves:

Culcha Candela – Dance Moves

War es früher einfacher oder schwerer, Fuß in der Branche zu fassen?
Mateo: „Ich denke, heute ist es definitiv schwerer, mit Musik Geld zu verdienen. Man kann sich leicht einen Hype im Internet kreieren, aber davon zu leben wird schwierig. Du musst Live-Konzerte spielen und das ist für einen Newcomer schwerer als früher.“

Mit welchen Künstlern hattet ihr über die letzten Jahre oft Kontakt?
Chino: „Ach, das waren mehrere. Gentlemen haben wir immer wieder getroffen oder Wolfgang Niedecken. Der hat uns sogar etwas geschenkt, das uns während unserer Karriere begleitet. BAP hat immer so eine Art Schrein dabei, da stehen Erinnerungsstücke drauf, aber damals auch zwei Flaschen Grappa. Wir waren davon so begeistert, dass Wolfgang uns seinen Ersatzschrein geschenkt hat. Den haben wir mittlerweile auch ganz gut gefüllt.“
Mateo: „Ansonsten ist es etwas schade, dass in Deutschland viele noch zu sehr ihr eigenes Ding machen. Es gibt bestimmte Lager, die ihre eigene Suppe kochen. Ich fände es geiler, wenn die Leute untereinander stärker befreundet wären.“

Das Fan-Handy klingelt. Charlotte aus Wolfsburg ruft an. Ihre Nummer ist schon eingespeichert. „Hallo Charlotte, grüß dich“, meldet sich Chino und stellt auf Lautsprecher. „Schrei mir doch nicht immer so ins Ohr“, antwortet die kesse Charlotte und quatscht ein paar Minuten mit den Musikern –  über ihren Job, das Konzert von Tim Bendzko am nächsten Tag und ihre Alltagssorgen: „Ich muss noch tanken, mein Bruder hat den Tank leergefahren.“

So geht das Tag und Nacht?

Chino: „Nachts schalten wir das Handy natürlich aus. Aber es ist cool. Viele kriegen erst mal Schnappatmung, wenn wir drangehen, aber es entstehen auch nette Gespräche.“

Gibt es aus den 15 Jahren bestimmte Erlebnisse, die ihr nicht vergessen werdet?
Don Cali: „Mehrere. Als wir damals sechs Wochen mit „Hamma“ auf Platz eins der Charts standen, die erste Gold-Platte oder Festivals wie Rock am Ring. Wir haben eine Zeit lang die Arena in Berlin gemietet, um uns auf die Tour vorzubereiten. Das war quasi unser Proberaum. Da haben wir als Jugendliche Snoop Dogg live gesehen, und plötzlich stehst du da in der leeren Halle und probst.“

„Wenn es Backstage keine Sojamilch gibt, raste ich aus...“

Was war der seltsamste Ort, an dem ihr gespielt habt?

Don Cali: „Wir waren mal in Honduras und haben auf dem Hauptplatz einer Stadt gespielt, als es dort ein Fest gab. Wir haben genau dann angefangen zu spielen, als das Feuerwerk losging. Da haben sich alle von der Bühne weggedreht, um das Feuerwerk zu sehen.“
Mateo: „Wir haben dann vor 300 wunderschönen, honduranischen Rücken gespielt.“
Don Cali: „Wir haben auch schon mal auf einem Rockfestival gespielt und wurden direkt ausgepfiffen. Die Leute haben uns ihre Hinterteile und Mittelfinger gezeigt.“
Chino: „Aber das Schöne an der Geschichte: Es hat ein Happy End gegeben. Wir haben trotzdem gespielt und die Leute haben sich von uns überzeugen lassen. Am Ende haben alle
gefeiert.“

So klingen Culcha Candela 2017:


Gibt es Star-Allüren, die ihr in den letzten 15 Jahren entwickelt habt?
Mateo: „Wenn es Backstage keine Sojamilch gibt, raste ich aus.“
Don Cali: „Dass wir immer unseren riesengroßen Altar mitschleppen, kommt sicher auch einigen Menschen merkwürdig vor.

Nervt euch irgendetwas am Berühmtsein?
Johnny: „Das Gute ist, dass die Leute in Berlin uns ziemlich in Ruhe lassen. Man wird immer nur von Touris angequatscht. Es kommt immer auf die Leute an: Wenn sie nett sind, ist alles cool. Manche sind halt megadreist, dann wird es etwas nervig.“
Chino: „Bei uns hält es sich ganz gut die Waage. Wir werden schon hier und da erkannt, aber wir werden nicht belästigt von Fotografen, die schon morgens vor unserem Haus lauern. So ein Stadium wollten wir auch niemals erreichen.“

Wer hat sich denn in den letzten 15 Jahren mehr verändert: Culcha Candela oder Berlin?
Mateo: „Definitiv Berlin. Die Stadt ist ständig im Wandel, überall wird gebaut, besonders im Ostteil ist es spannend.“
Don Cali: „Als ich vor 24 Jahren hierher kam, war das eine andere Welt.“
Johnny: „Es ist aber schon immer normal für die Stadt gewesen, dass sie sich verändert. Was sich nicht verändert hat, sind Attribute wie eine freche Schnauze. Selbst Taxifahrer aus dem Libanon haben das übernommen.“
Mateo: „Die Leute um uns herum haben sich mehr verändert als wir. Wir sind eher jung geblieben, die haben Familie.
Don Cali: „Wir müssen uns für den Beruf das Jungsein erhalten. Die anderen haben graue Haare, sehen sich im Spiegel und sagen sich, sie müssen sich jetzt erwachsen benehmen.“

„Heute feiern wir einen Tag und ruhen uns drei Tage aus“


Ihr feiert ja auch nach wie vor gerne. Was hat sich in dieser Hinsicht in den letzten 15 Jahren verändert?
Mateo: „Die Regenerationsphase. Drei Tage feiern, ein Tag ausruhen – das ist vorbei. Heute feiern wir einen Tag und ruhen uns drei Tage aus. Und: Wenn wir mit den Leuten von früher feiern wollen, müssen wir die drei Wochen vorher einladen, weil die sich einen Babysitter organisieren müssen oder den Termin mit ihren Frauen absprechen müssen.“

Wer verlässt die Party denn als Letzter?
Mateo: „Das ist ganz klar Johnny.“
Don Cali: „Ich will immer auf ihn warten, aber schaffe es nicht.“
Johnny: „Meine vorbeugende Maßnahme gegen den Kater: Man muss den Alkohol austanzen.“

Ihr habt vor einigen Wochen euer Jubiläumsalbum auf den Markt gebracht. Braucht ihr heutzutage mehr oder weniger Zeit für die Arbeit an einem Album?
John: „Am Ende ging es relativ fix. Aber wir sind diesmal ganz anders vorgegangen. Es hat überraschend gut funktioniert, mit Leuten zu arbeiten, die wir vorher nicht kannten. Wir haben quasi von Null losgelegt. Wir wussten auch, was wir wollten. Das spielt immer eine große Rolle.“

Eine Art Neuanfang für euch?
John: „In gewisser Weise. Es hatte auf jeden Fall den verjüngenden Effekt eines Neuanfangs. Wir hatten sonst fast immer mit den gleichen Produzenten gearbeitet, gewisse Vorgehensweisen waren festgefahren. Jetzt haben wir ganz unvoreingenommen neue Dinge ausprobiert.“

Culcha Candela – Feel Erfolg

Ihr habt gesellschaftskritische Texte geschrieben, „Feel Erfolg“ ist aber eher ein Party-Album. Habt ihr das bewusst so entschieden?
Mateo: „Ich glaube, Songs wie Cool mit mir selbst haben schon eine wichtige Bedeutung, auch wenn es so simpel wirkt. AfD, Brexit, Ausländerfeindlichkeit, Trump – das hat alles seinen Ursprung im Inneren des Menschen. Sie denken, sie kommen zu kurz und sind unzufrieden, auch wenn die Welt statistisch gesehen reicher und sicherer ist, als jemals zuvor. Auf der anderen Seite haben wir 2009 mit Schöne, neue Welt einen Song gemacht, bei dem wir Themen wie Datenüberwachung und Klimaschutz angeprochen und extra übertrieben haben. Doch dann ist alles nacheinander eingetreten, was wir besungen haben. Wir haben oft überlegt, ob wir nochmal so ein Lied machen. Aber eigentlich ist damit alles gesagt.“

„Fremdenfeindlichkeit gibt es nicht erst seit gestern. Damit sind wir schon persönlich in Berührung gekommen.“

Überraschen euch die politischen Tendenzen, die es derzeit in Deutschland wieder gibt?
John: „Es gibt ja Fremdenfeindlichkeit nicht erst seit gestern. Damit sind wir auch schon persönlich in Berührung gekommen. Aber das sind auch normale Menschen, die man ernst nehmen sollte. Die haben Erfahrungen oder eher keine Erfahrungen gemacht, und haben deshalb eine gewisse Meinung. Ich finde es wichtig, ihnen nicht mit Angst oder Hass entgegenzutreten. Es sollte ein Dialog zustande kommen, um das Problem an der Wurzel zu packen. Es zu ignorieren, macht keinen Sinn. Es wurden tatsächlich viele Bürger vernachlässigt. Und die Politik hat die Aufgabe, sich auch um die zu kümmern.“
Don Cali: „Welche Art von Vernachlässigung meinst du?“
John: „Ein Großteil des Angebots an Jugendliche im Osten wird von rechten Gruppen organisiert. Man muss denen Perspektiven geben, Kulturprojekte und Förderprogramme starten, damit sie auf gute Gedanken kommen. Sonst fühlen sie sich alleingelassen und werden zu rechten Gruppen gezogen.“
Don Cali: „Bildung ist in dem Zusammenhang das Wichtigste. Denn wer fällt auf diese Gruppen rein? Meist die Ungebildeten, denen gewisse Dinge nicht beigebracht worden sind.“

Stellt euch vor, eure musikalische Karriere würde enden. Welchen Job würdet ihr machen?
John: „Ich würde hinter den Kulissen im Musikgeschäft oder im sozialen Bereich mit Jugendlichen arbeiten. Nicht jeden Tag im Büro sitzen.“
Mateo: „Ich würde Songs für andere schreiben.“

Mit wem würdet ihr euch gern mal auf 'ne Coke treffen?
Chino: „Jon Bon Jovi.“
Don Cali: „Warum das denn?“
Chino: „Keine Ahnung, der fiel mir spontan ein. Ich hab den letztens gesehen, der ist noch echt fit.“
Mateo: „Robert de Niro.“
John: „Diplo.“
Don Cali: „Den Chef von Coca-Cola. Einfach mal fragen, wie es so läuft.“

Die Lieblingssongs von Culcha Candela:

1. Timothy Auld: „Baby Don't Love Me“
„Timmy ist auf jeden Fall ein super geiler Produzent und Kumpel, den wir kennengelernt haben während der Albumproduktion. Seine Stimme hat schon viele Songs veredelt, aber er hat auch eine Solistenvergangenheit. Und weil wir ihn sehr feiern, sollte er auf dieser Liste sein.“


2. Curly: „Will Ich Nich“
„Mit ihm haben wir auf der letzten Platte viel gearbeitet. Ein nicer Dude aus Karlsruhe, der in erster Linie ein krasser Rapper ist. Er gehört unserer Meinung nach zur Speerspitze der deutschen Rapper.


3. J Balwin & Willy William: „Mi Gente“
„Ein tierischer Song, der im Radio rauf- und runterläuft.“


4. Russ: „What They Want“
„Den Song feiern wir alle übertrieben. Ein heißer Feger.“


5. Ghali: „Happy Days“
„Das ist in Italien ein krasser Superstar und hat marokkanische Wurzeln. In Deutschland hat man ihn leider noch nicht so oft gehört. Er ist megabegabt und eine Art Gesamtkunstwerk. Ich hoffe, dass er hier auch mal Gehör findet.“

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