MIT LEICHTEM GEPÄCK ist sie am liebsten unterwegs. Annett Louisan nimmt den Zug von Hamburg nach Berlin. Mit dabei nur eine kleine Tasche, ihr Manager und natürlich eine Packung Zigaretten. Ohne die geht es gerade nicht. Albumstress. Wir treffen die 41-Jährige mit der sanft-verspielten Stimme bei ihrer Plattenfirma in Berlin-Mitte. Interviews mag sie, sagt Annett Louisan. Der Austausch mit Menschen gebe ihr viel.

Vor 15 Jahren etablierte ihr erster Hit „Das Spiel“ Annett Louisan als Chanson-Lolita. Der verführerische Text, die sinnliche Stimme, die zierliche Louisan. Doch Louisan macht sich davon frei, entwickelt ihren eigenen Stil.

Aufgewachsen ist Annett Päge bei ihrer Mutter und ihren Großeltern in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Ihren Vater lernt sie nie kennen. Mit zwölf Jahren zieht sie mit der Mutter in den Westen, direkt nach dem Fall der Mauer. Dort beginnt sie ein Studium an der Kunsthochschule, verdient ihr Geld als Studiomusikerin.

Damals wie heute handeln ihre Texte von den kleinen und großen Geschichten im Leben. Fein beobachtet, pointiert beschrieben. Auch auf ihrem neuen Album „Kleine große Liebe“.

Annett Louisan
BERG- und Talfahrten müssen sein, damit wir das Lieben und die Liebe zu schätzen wissen, sagt Annett Louisan

Coca-Cola Classic, Coke light taste oder Coke Zero Sugar?
„Heute Coke Zero Sugar. Als Kind habe ich die klassische Coke zweimal in Prag trinken können, das weiß ich noch. Das war sehr eindrücklich für ein ostdeutsches Kind. Da konnte man sie frei kaufen. Natürlich irre teuer. Aber ich werde nie vergessen, wie das geschmeckt hat.“

„Ich war ein sehr vorlautes Mädchen, wahrscheinlich weil ich so klein war und mir Gehör verschaffen musste.“


Mit zwölf Jahren bist du mit deiner Mutter nach Hamburg gezogen. Kannst du nicht noch an die ersten Gerüche, Geräusche und Gedanken erinnern?
„Ich weiß noch, wie wir am Hamburger Hauptbahnhof angekommen sind. Diese Blumenläden, die Kioske und Leuchtreklamen haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich war von den Farben und Gerüchen total überwältigt. So sehr, dass ich die ersten Tage gar keinen Appetit hatte. Die Bekannten meiner Mutter, bei denen wir zunächst wohnten, boten mir immer etwas an, das ich probieren sollte. Schokolade, Bananen. Ich war total überfordert. Ich habe sogar heute noch im Restaurant Probleme, mich zu entscheiden. Am Ende lande ich immer wieder beim Wiener Schnitzel.“

Anruf oder Whatsapp? Hund oder Katze? Erfrischende Antworten von Sängerin Annett Louisan:

Hat dich diese Überforderung damals verändert?
„Ich glaube schon. Ich war ein sehr vorlautes Mädchen, wahrscheinlich weil ich so klein war und mir Gehör verschaffen musste. Dann der Wechsel. Vom Osten in den Westen. Von der Kindheit in die Pubertät. Vom Dorf in die Großstadt. Dadurch bin ich erstmal introvertierter geworden. Auch ganz bewusst. Ich musste mir alles erstmal ganz genau anschauen. Was ich heute klug finde. Erstmal beobachten, wenn man sich nicht sicher ist. Diese sekundäre Extrovertiertheit habe ich mir bis heute erhalten.“

„Veränderung ist wichtig. Ich bin ein treuer Mensch, aber manchmal sind Trennungen notwendig.“


Dieses Aufwachsen in zwei Welten hilft wahrscheinlich auch, Geschichten zu erzählen...
„Unbedingt. Veränderung ist wichtig. Ich brauche sie auch. Ich bin ein treuer Mensch, aber manchmal sind Trennungen notwendig, um sich entwickeln zu können. Gerade vertraute Menschen gewähren diesen neuen Blick auf sich selbst seltener. Ich hatte viele Brüche in meinem Leben. Damit kann ich gut umgehen. Der Mauerfall oder mein Karrierestart mit 'Das Spiel' waren lebensverändernd. Ich hatte keinerlei Erfahrungen in der Öffentlichkeit und musste viele Dinge lernen. Das war wie ein Sprung ins kalte Wasser.“

Im Podcast spricht Annett Louisan über die Entstehung ihres Albums und verrät, was sie ihrer Tochter vorsingt:

Der ja oft auch gut tut...
„Genauso wie Niederlagen oder Schicksalsschläge. Daran wachsen wir. Ich gehe heute viel gelassener mit Fehlern um. Das konnte ich damals nicht so gut. Ich war sehr selbstkritisch, hatte Angst, Fehler zu machen. Das hat mich manchmal an den Rand der Verzweiflung getrieben. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich jetzt 41 bin und Mutter. Zumindest ist in den letzten fünf Jahren etwas Schönes in der Beziehung passiert. Ich weiß heute einfach, dass nach schlechten Zeiten auch wieder gute kommen. Es kann ja in einer Beziehung oder Freundschaft nicht nur Hochgefühle geben. Das ist nicht möglich und wäre auch nicht gut für uns. Es muss diese Berg- und Talfahrten geben, damit wir das Lieben und die Liebe zu schätzen wissen. Wir müssen nur versuchen, das Steuer in der Hand zu halten.“

Wie hat die Geburt deiner Tochter deine Arbeit verändert?
„Also im ersten Jahr habe ich nicht viel zu Stande gebracht. Da wollte ich nur Mutter sein. Ich brauchte auch nicht mehr. Außer vielleicht ein Stück Schokolade. Ich bin total froh, dass mich damals innerlich und äußerlich nichts gestresst hat und ich diese Zeit so genießen konnte. Ich hatte keine Existenzsorgen. Keine Angst, etwas zu verpassen. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar.“

6 Lieblingssongs von Annett Louisan:

Auf deinem neuen Album singst du über die Zeit der Schwangerschaft. Die Zeit des Wartens. Wie hast du die wahrgenommen?
„Emmylou ist ja ein totales Wunschkind. Vielleicht musste ich auch erst Platz in meinem Leben schaffen, damit sie zu mir kommt. Zumindest habe ich das so empfunden. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen, Mutter zu werden. Mein Mann und ich dachten auch immer, wir hätten noch so viel Zeit. Wir haben ein schnelles, exzessives, hedonistisches Leben geführt. Die Schwangerschaft war das Ende einer sehr ausgedehnten Adoleszenz. Ich habe ganz bewusst entschieden: Ich brauche mehr Sinn und mehr Zugehörigkeit in meinem Leben. Das Tempo rausnehmen. Das Glück nicht nur im Großen suchen. Etwa auf der Bühne. Sondern im Kleinen. Das sind die Ambivalenzen im Leben, die ich sehr spannend finde.“

Wie sehr ähnelst du im Muttersein deiner eigenen Mutter?
„Mehr als ich dachte oder wollte. Ich liebe meine Mutter sehr. Aber es gibt immer diesen Kampf der Abnabelung und Eigenständigkeit, den man in sich trägt. Ich habe sehr viel mehr Angst, als ich vorher gedacht hätte. Sehr viel mehr Schwierigkeiten mit dem Loslassen. Das überrascht mich. Und da bin ich meiner Mutter dann doch ähnlicher und kann sie dadurch viel besser verstehen.“

Annett Louisan – Selfie
ERSTMAL beobachten: Annett Louisans Selfie beim Interview in Berlin

Sie hat dich ja alleine großgezogen, mit Hilfe deiner Großeltern. Hast du da heute einen anderen Respekt vor als Mutter?
„Ja. Unbedingt. Sie war sehr jung. Sie war allein. In einer anderen Zeit. Das war sicher nicht immer einfach.“

Einen Song singst du aus der Sicht deiner Mutter. Wie ist es zu diesem Perspektivwechsel gekommen?
„Das Thema 'Mutter' ist die Mutter aller Themen. Damit sollte man sich schon einmal im Leben beschäftigt haben. Und bei mir waren solche Themen gerade aktuell, als ich das Album geschrieben habe. Ich bin in der Mitte meines Lebens angekommen und habe heute einen anderen Blick auf die Vergangenheit. Auf meine Familie. Auf mich selbst. Vielleicht war es einfach mal an der Zeit, autobiografischer zu werden in meiner Arbeit. Eventuell macht man so eine Platte auch nur einmal im Leben. Aber es hat jetzt gerade gut gepasst. Natürlich ist das auch etwas therapeutisch. Das kann ich gar nicht voneinander trennen. Auch wenn ich es früher geliebt habe, mit Rollen zu spielen und offen zu lassen, wieviel davon ich wirklich bin und wieviel Fantasie ist.“

Autobiografische Texte betreffen immer auch andere Menschen im engsten Kreis. Wie sehr denkst du darüber nach, was andere denken?
„Ich bin ja niemand, der andere denunziert oder direkt anspricht. Ich lasse immer noch viel Platz und Raum für mein Publikum. Ich glaube mittlerweile einfach: Je näher ich bei mir bin, desto näher bin ich auch meinem Publikum. Wir Menschen sind uns so viel ähnlicher, als wir manchmal denken. Diesen gemeinsamen Nenner bei Menschen habe ich immer gesucht.“

Annett Louisan – „Kleine große Liebe“

In einem Song singst du: 'Wir sind verwandt, mit dem Messer in der Hand'...
„In welcher Familie geht es schon perfekt harmonisch zu? Der Autor Eckhart Tolle hat mal gesagt: 'Wenn du glaubst, erleuchtet zu sein, besuche deine Familie und du wirst eines Besseren belehrt'. Ich brauche bei meiner Familie viel mehr Toleranz als bei anderen Menschen. Es gibt Themen wie Fremdenfeindlichkeit, die oft zu Streit führen. Manchmal geht es sogar so weit, dass man keinen gemeinsamen Nenner mehr findet und eine Pause braucht. Aber es ist eben auch wichtig, sich mit seiner Familie zu befassen. Ein bisschen Kontroverse ist auch gar nicht so schlecht. Daran wächst man ja auch wieder.“

Mit wem würdest du dich gern auf 'ne Coke treffen?
„Angela Merkel.“

Das antworten echt viele...
„Sie ist halt unsere Kanzlerin und das schon so lange. Das finde ich spannend. Donald Trump würde ich auch spannend finden. Oder David Bowie, wenn es noch ginge.“

Annett Louisan live:

19. Juli Weißenfels
20. Juli Rathenow
25. Juli AT-Latschach
27. Juli Zwickau
29. Juli Bad Hersfeld
30. Juli Friedrichshafen
31. Juli Calw-Hirsau
02. August Bad Elster

Weitere Daten hier.

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