DER PRENZLAUER BERG ist seit Jahren Ihre Hood. Hier fühlt sich Anna Maria Mühe, 34, einfach am wohlsten. Nicht nur, weil der Berliner Stadtteil zu den beliebtesten „Mutti-Kiezen“ zählt, sondern weil es sich dort entspannt-unerkannt leben lässt – auch als bekannte Schauspielerin… Im Café erkennt sie dann allerdings doch sofort jemand: Kellner Marc, der sie zu ihrem reservierten Lieblingsplatz geleitet - dem Tisch auf der Empore am Fenster zum Park am Wasserturm.

Mit 15 wurde Anna Maria Mühe in einem anderen Berliner Szenecafé entdeckt. Regisseurin Maria von Heland lud das Teenager-Mädchen 2001 zum Casting ein – mit dem Ergebnis, dass Anna tatsächlich eine Hauptrolle in „Große Mädchen weinen nicht“ spielte. Inzwischen ist sie vor allem auf anspruchsvolle Rollen abonniert.

Ihre Begabung kommt nicht von ungefähr: Die gebürtige Ost-Berlinerin stammt aus einer Künstlerfamilie; ist die Tochter von Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann. Privat stellte das Schicksal die Schauspielerin bereits im Alter von 21 auf eine harte Probe: Beide Eltern starben damals innerhalb von nur elf Monaten. Eine Erfahrung, die Anna Maria Mühe bis heute prägt. Besondere Karriere-Highlights: „Novemberkind“, für den sie für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde oder „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“, in dem sie die Terroristin Beate Zschäpe spielt oder auch die deutsche Netflix-Produktion „Dogs of Berlin“. In ihrem neuesten TV-Projekt, der Mini-Serie „Die Neue Zeit“ spielt Anna Maria Mühe die Bauhaus-Künstlerin Dörte Helm. Ein Gespräch über Feminismus, verunsicherte Männer und das Leben als alleinerziehende Mutter einer sechsjährigen Tochter.

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?
„Coca-Cola Classic, bitte.“

In „Die Neue Zeit“ spielst du die Bauhaus-Künstlerin Dörte Helm. Warst du schon einmal selbst künstlerisch aktiv?

„Von künstlerisch zu sprechen, wäre übertrieben. Aber sicher kreativ: Als Kind habe ich viel gebastelt und gezeichnet oder auf dem Reiterhof Tonkurse mitgemacht. Etwas mit meinen Händen zu gestalten, fand ich immer schon wunderbar.“

Anna Maria Mühe in „Die neue Zeit“
BEWEGTE ZEITEN: Marcel Breuer (Ludwig Trepte, links) und Anna Maria Mühe als Bauhaus-Künstlerin Dörte Helm

Bastelst und zeichnest du auch mit deiner Tochter?

„Regelmäßig! Zum einen, weil es für die haptische und kreative Entwicklung eines Kindes wichtig ist. Zum anderen, weil es meine Tochter entspannt und runterholt. Mein Tipp an junge Mamas: Vor dem Schlafengehen macht Basteln deshalb besonders viel Sinn.“ (lacht)

August Diehl als Walter Gropius und Anna
BEWEGTE HERZEN: Walter Gropius (August Diehl) und Dörte Helm (Anna Maria Mühe)

Für deine Rolle musstest du dich intensiv mit der Geschichte des Bauhaus beschäftigen. Wie siehst du dessen Rolle in der deutschen Geschichte?

„Ich glaube, dass das Bauhaus in dieser Form nur stattfinden konnte, weil es in der Zeit zwischen den Weltkriegen gegründet wurde. Es war eine progressive, experimentelle und freigeistige Zeit, in der sich die Gesellschaft neu orientierte und ausprobierte: Das Bild der Frau gestaltete sich neu – aber auch die politische Einstellung vieler Menschen veränderte sich.“

„Ich musste mir meinen Platz als Frau nie erkämpfen, da ich mit starken Frauen aufgewachsen bin.“

Die Frauen im Bauhaus waren zweifellos Vorreiterinnen für die Emanzipation. Wie steht Feminismus im Jahr 2019 da?

„Wir sind schon recht weit gekommen – wobei es immer noch Luft nach oben gibt. Ich persönlich musste mir meinen Platz als Frau nie erkämpfen, da ich das Glück hatte, in einer Familie mit starken Frauen aufzuwachsen. Das prägt ungemein und deshalb habe ich mich als Frau nie benachteiligt gefühlt. Aber natürlich gibt es weiterhin viele Ungerechtigkeiten.“

Zum Beispiel?

„Dass Männer immer noch für die gleiche Arbeit besser bezahlt werden als Frauen. Sie bekommen zuweilen bis zu einem Drittel mehr an Gehalt und ich frage mich, wieso das weiterhin möglich ist…“

5 Lieblingssongs von Anna Maria Mühe:

Empfindest du es auch so, dass bei vielen Männern aktuell eine ziemliche Verunsicherung herrscht?

„Ich habe das Gefühl, dass vor allem junge Männer sich fragen müssen, wie sie ihre und die Rolle der Frau für sich definieren. Wir leben in einer Zeit, in der viele Grundfragen ganz neu aufgeworfen werden. Das ist natürlich eine Herausforderung.“

Haben Frauen zuweilen eine übertriebene Erwartungshaltung an den „modernen“ Mann?

„Das ist wahrscheinlich so. Einerseits möchten sie einen starken Beschützer, der sie auffängt – gleichzeitig muss er aber auch sensibel und einfühlsam sein und im Haushalt helfen. Es geht nach dem Prinzip „Back dir einen Traummann“. Aber den gibt es im echten Leben nun mal nicht. Heute sind viele Männer so verunsichert, dass sie nicht mehr die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen, weil sie denken, dass wir Frauen das uncool finden könnten.“

„Meine Tochter war von Anfang an Prinzessin. Aber wenn sie Peter Pan sein will, unterstütze ich sie auch.“

Findest du es uncool?

„Natürlich nicht! Ich kann eine starke und selbstbewusste Frau sein und es trotzdem schön finden, wenn Männer zuvorkommend sind. Das eine schließt das andere doch nicht aus.“

Wie bekommst du persönlich die Doppelbelastung als berufstätige Mutter hin?

„Zum Glück sehr gut. Das hat organisatorisch in den vergangenen Jahren alles bestens hingehauen. Wenn ihr Vater keine Zeit hat, habe ich auch einen tollen Kreis an Super-Nannys, so nenne ich meine engsten Freundinnen manchmal, die sich abwechseln. Sie kommen oft sogar zu Dreharbeiten mit, um mich zu unterstützen.“

Anna Maria Mühe in „Die neue Zeit“
BEWEGUNG am Bauhaus: Lyonel Feininger (Ernst Stötzner, l.), Dörte Helm (Anna Maria Mühe, M.) und Laszlo Moholy-Nagy (Alexandru Cirneala, r.) tanzen zur Bauhaus-Band

In welchen Lebensbereichen gibt es für berufstätige Mütter noch Nachholbedarf?

„Da ich in einer recht speziellen Berufskategorie arbeite, kann ich das nicht wirklich beurteilen. Ich kenne viele Mütter, die sich beschweren und sagen, dass sie sich über mehr staatliche Unterstützung freuen würden. In meinem Beruf als selbständige Schauspielerin könnte mir der Staat allerdings nicht wirklich helfen. Ich muss das alles selbst organisieren.“

Was sagst du zum Trend der genderneutralen Erziehung?

„Die mag grundsätzlich richtige Ansätze haben, ist mir aber zu dogmatisch. Denn ich glaube, dass vieles bei den Vorlieben von Mädchen und Jungen angeboren und nicht anerzogen ist. Ich sehe es sehr gut am Beispiel meiner eigenen Tochter: Die war von Anfang an gerne Prinzessin. Ganz egal, ob ich das nun wollte oder nicht. Aber wenn sie Indianerin oder Peter Pan sein will, unterstütze ich sie insofern, dass sie das auch leben kann.“

Yogastunde in „Die neue Zeit“
LOTUS in Weimar: Bauhaus-Künstler wie Johannes Itten, Paul Klee oder Wassily Kandinsky waren dem Yoga ebenso zugetan wie Dörte Helm (Anna Maria Mühe)

Bist du ein politischer Mensch?

„Ich bin politisch sehr interessiert. Alles Radikale ist mir aber suspekt. Ganz egal, ob wir nun von ganz links oder ganz rechts sprechen. Wir Menschen sollten weich bleiben – ohne uns dabei selbst zu verlieren oder etwas von unserer Autonomie abzugeben. Trotzdem muss es möglich sein, andere Meinungen zuzulassen. Du musst sie ja nicht annehmen oder teilen, aber zumindest anhören und reflektieren.“

„Brauchen wir eine komplette Gleichstellung der Frau, eine erzwungene Quote? Ich weiß es nicht.“

Wie definierst du für dich das Wort Feminismus?

„Es gibt eine laute Form des Feminismus. Ich trete weder aggressiv auf, noch schimpfe ich über die Männer oder bin der Meinung, dass man sie bekämpfen muss. Als so eine Feministin sehe ich mich nicht. Aber ich bin sehr gerne Frau. Es geht nicht darum, gegeneinander zu sein, sondern miteinander auf Augenhöhe zu leben.“

Bleibt die hundertprozentige Gleichstellung von Mann und Frau eine Utopie?

„Mir ist es vor allem wichtig, dass jede Frau und auch meine Tochter die Möglichkeit haben, das Leben nach ihren persönlichen Vorstellungen zu gestalten. Wenn sie Karriere machen und ein Unternehmen leiten möchte, dann ist das super. Und wenn sie Mama von drei Kindern und Hausfrau sein will – auch toll. Das Wichtigste ist, dass am Ende jeder mit sich und seinem Leben im reinen und glücklich ist. Glück definiert jeder Mensch für sich anders. Brauchen wir dafür eine erzwungene Quote? Ich weiß es nicht.“

Anna Maria Mühe
EIGENER KOPF: Anna Maria Mühes Rolle ist mit fiktionalen Elementen an die Biografie von Dörte Helm angelehnt

Aktuell erlebt der Feminismus herbe Rückschläge. Die Abtreibungsgesetze in einigen US-Bundesstaaten wurden vor gar nicht langer Zeit massiv verschärft…

„Und das ist Wahnsinn! Aber unter Trump scheint ja aktuell leider alles möglich zu sein. Alles, was wir bislang für undenkbar hielten – er tut es und setzt am Ende noch einen drauf. Aber das alles beweist nur, dass wir uns nie sicher fühlen und unsere Rechte nie als garantiert betrachten dürfen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf eine Coke treffen?

„Mit Robert De Niro, um ihn auszufragen wie er die Anfänge seiner Karriere erlebt hat, wie er sich auf seine Rollen vorbereitet und wie sich Hollywood im Laufe seiner Karriere verändert hat.“

„Die Neue Zeit“ läuft am 15., 16. Und 17. September 2019 jeweils in einer Doppelfolge ab 22:15 Uhr im ZDF. Außerdem abrufbar in den Mediatheken von ZDF und arte.

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