Es sind französische Chemiker, die 1931 erstmals jene Teile der Steviapflanze isolieren, die für die Süße verantwortlich sind. Die erste wissenschaftliche Erfassung folgt 1971 Jahre später. In diesem Jahr wird in Japan auch erstmals ein Stevia-Produkt für den Handel produziert. Dort stehen Stevia-Produkte seit 40 Jahren im Regal. Nach detaillierten Prüfungen und zahlreichen Studien gibt Europas oberste Lebensmittelbehörde 2011 grünes Licht, Stevia auch bei uns auf den Markt zu bringen. Seither können wir auch in Deutschland Getränke mit der Süße der Stevia-Pflanze kaufen – zum Beispiel die neue Coca-Cola Life. Warum erst jetzt?
Susanne Kettler
Susanne Kettler

„Gut Ding will Weile haben“. Dieses Sprichwort kennt Dr. Susanne Kettler nur zu gut. Die Lebensmittelexpertin arbeitet als Direktorin für Wissenschaft und Lebensmittelrecht für Coca-Cola in Brüssel. Das EU-Zulassungsverfahren für die Nutzung von Stevia in Lebensmitteln war gründlich und hat eben diese Weile gedauert. Seit den 80er Jahren beschäftigte sich die EU-Kommission mit der Frage: Sind die süßen Komponenten der Stevia-Pflanze, die so genannten Steviolglykoside, so sicher, dass wir sie für Lebensmittel zulassen können? „Wir haben in Europa hohe Ansprüche bei der Sicherheitsbewertung. Die oberste Lebensmittelbehörde der EU entscheidet nach den höchsten Standards unabhängiger, wissenschaftlicher Bewertungen“, erklärt Kettler. „Sie geben sich grundsätzlich nicht mit ein paar Daten zufrieden, sondern klären alle Fragen im Detail.“ Weil die Forschung an den Süßkomponenten der Stevia-Pflanze erst in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen hat, nimmt das europäische Zulassungsverfahren ab 2007 richtig Fahrt auf. Denn seitdem liegen umfangreiche und langfristige wissenschaftliche Studien vor, die auch vor der obersten europäischen Lebensmittelbehörde bestehen.


Stevia: gut geprüft

Für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) steht die Gesundheit der Verbraucher über allem. „Kann eine neue Zutat gesundheitliche Auswirkungen haben? Kann sie sich negativ auf die Entwicklung des Menschen auswirken? Solche Fragen müssen bei jeder Zulassung in umfangreichen Untersuchungen geklärt werden“, berichtet die promovierte Ernährungswissenschaftlerin, die den Prozess in Brüssel von Anfang an verfolgte. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen wie Mediziner, Biologen und Chemiker führten dafür eine Vielzahl an Studien durch. Am Ende wiesen sie in über 150 Studien die Sicherheit von Steviolglykosiden in Lebensmitteln nach, und zwar für die ganze Familie: auch Kinder, Schwangere oder Diabetiker können Stevia verzehren – für die EFSA ein entscheidender Punkt. Wie bei allen Stoffen, die Lebensmitteln zugesetzt werden, hat die EFSA auch für Stevia gesetzliche Höchstmengen – das ist Standard.

Die Menge macht’s: auch bei Stevia

Die EFSA hat – auf Grundlage der Studien – den sogenannten ADI-Wert ermittelt: ADI steht für „Acceptable Daily Intake“. Dieser Wert gibt die Menge eines Stoffes an, die Verbraucher über ihre gesamte Lebenszeit täglich ohne irgendwelche Bedenken verzehren können. „Auf Grundlage von verschiedenen Sicherheitsfaktoren wird der ADI berechnet, der auch für sensible Verbrauchergruppen wie Kinder oder Schwangere gilt“, erkärt Kettler. Die strengen EU-Regeln und der lang dauerende Zulassungsprozess von vier Jahren zeigen, wie sicher Lebensmittel sein müssen, um in den Regalen und Kühlschränken deutscher Verbraucher stehen zu können. Mittlerweile haben Aufsichtsbehörden in über 65 Ländern Stevia-Extrakt als Lebensmittel zugelassen.

Produkte mit Stevia in der EU

Stevia-Süße ist in der EU momentan für 31 so genannte Lebensmittelkategorien zugelassen. Das liegt daran, dass nur für diese Produkte eine Zulassung beantragt wurde. Dazu gehören neben Getränken auch Soßen, Suppen, Desserts, Milchprodukte oder Lakritz. Außerdem kann man Stevia-Süße als Pulver oder Tabs im Supermarkt kaufen, und damit seinen Tee oder Kaffee süßen.
Wenn Hersteller Stevia in Erfrischungsgetränken verwenden, müssen sie eine weitere Vorgabe erfüllen: „Wenn ich Süßungsmittel in Getränken einsetze, müssen diese entweder frei von Zucker sein oder mindestens 30 Prozent weniger Kalorien enthalten“, berichtet Kettler.

Stevia: Süße mit Zukunft

Der lange Weg hat sich gelohnt, sagt Susanne Kettler. Sie ist in Brüssel mittlerweile
zur echten Stevia-Expertin geworden. „Stevia-Extrakt hat eine ganze Menge an Vorteilen. Es ist kalorienfrei und eine Alternative zu anderen Süßungsmitteln, weil es aus der Pflanze gewonnen wird. Es ist eine Zutat, die sich sehr gut in Erfrischungsgetränken einsetzen
lässt.“ Weitere Nahrungsmittelhersteller haben Stevia für sich entdeckt. Wobei nicht alle die Zulassung des Süßungsmittels schon 2007 bei der EU beantragt haben: „Die belgischen Waffelbäcker haben jetzt erst gemerkt, dass sie ihren Teig gerne mit Stevia süßen würden“, weiß Kettler. Sie haben den Gang durch die Brüsseler Zulassungsbehörde noch vor sich.