Beim Graphic Recording werden Diskussionen zu Comics. Die Zeichnungen dienen später als Inspirationsquelle – weil Menschen lieber auf Bilder schauen, als langweilige Protokolle zu lesen.  
Sophia trägt einen weißen Handschuh an der linken Hand. Ihr Stift huscht über das Papier, sie tauscht die Farben, der freie Platz auf dem Flipchart ist schon fast aufgebraucht. Gelegentlich tritt sie einen Schritt zurück und betrachtet ihr Werk, blickt über die Zusammenhänge. Wie von Zauberhand landen Diskussionsergebnisse auf der ehemals weißen Fläche, übersetzt in eine Sprache, die sich dem Betrachter auf den ersten Blick erschließt. Sophia Halamoda ist Graphic Recorder. Sie zeichnet Protokolle von Meetings, Diskussionen und Kongressen. 
Graphic Recording
Graphic Recorderin Sophia Halamoda in ihrem Element


Universalsprache: das Bild

Der Beruf, mit dem Sophia, wie hier beim Coca-Cola Happiness Kongress, ihr Geld verdient, ist den meisten Menschen, die ihr hier über die Schulter schauen, unbekannt. „Ich bin Illustratorin mit Schwerpunkt Graphic Recording,“ erklärt sie. Illustrationen kennen die Zuschauer aus Zeitungen und Kinderbüchern. Graphic Recording ist den meisten neu. 
Weil Zeichner, die Konferenzen in Bilder übersetzen, in Insiderkreisen immer beliebter werden, ist Sophia häufig ausgebucht. Dabei wusste sie, als 2011 der erste Auftrag zu ihr kam, selbst noch nicht, dass ihr Traumberuf überhaupt existiert. Gesucht wurde ein Illustrator, der bei einer Veranstaltung life mitzeichnet. „Ich habe es einfach ausprobiert. Das war aufregend und hat sofort großen Spaß gemacht. Wenig später habe ich andere Recorder kennen gelernt und ein Netzwerk gegründet. Seitdem kommt ein Job zum anderen.“ 

Mit der Katze fing es an  

So kam Sophia zu einem Beruf, der perfekt zu ihr passt. Schon als Kind hat sie die Welt um sich herum mit Stiften und Papier festgehalten. „Ich habe alles gemalt, was ich gesehen habe. In Restaurants habe ich Leute und ihre Gespräche gezeichnet, zuhause meine Mutter und den Tagesablauf meiner Katzen, draußen Straßen und Märkte. Das waren Zusammenfassungen und Pläne, ähnlich strukturiert, wie ich heute Konferenzen wiedergebe.“ Nach dem Abitur studiert Sophia Art Direction mit Schwerpunkt Werbung. Sie macht sich selbständig, dann geht es los mit dem Recording. 
Graphic Recording
Graphic Recording beim Happiness Kongress

Seitdem zeichnet Sophia bei Konferenzen zu unterschiedlichsten Themen. Bei manchen Aufträgen ist sie lange zuvor perfekt informiert, andere Auftraggeber melden sich kurzfristig. Wichtig ist für Sophia, dass sie zur Vorbereitung einen Ablaufplan erhält. Anhand dessen macht sie sich ihren Plan und teilt schon einmal grob den Platz auf ihrem Bild ein. Sind ihr Begriffe unklar, bittet sie ihren Auftraggeber um Erklärungen. Schließlich muss sie einen Zugang zum Thema finden. „Am wichtigsten ist, dass ich es strukturell verstehe. Ich muss wissen, wie die Dinge zusammenhängen und was für eine Lösung gesucht wird. Wenn ich zeichne, denke ich nicht darüber nach. Ich höre zu und schreibe auf, da merke ich schon, was wichtig ist.“
Gerade weil der Beruf noch als exotisch gilt, wird Sophia oft gefragt, was sie Berufsanfängern raten würden. „Ich gebe dann immer den Tipp, es einfach auszuprobieren, zu einer Schule, Stiftung, Organisation zu gehen und zu fragen, ob man mal üben kann. Wer Konferenzen oder Meetings mitzeichnet, merkt schnell, ob es das Richtige ist. Es gibt zwar auch Workshops und Kurse, doch ob man es wirklich kann, erfährt man in der Praxis.“ Allerdings, so gibt Sophia zu bedenken, kann es auch nicht jeder lernen. „Man muss der Typ dafür sein, strukturiert denken, kreativ sein und Inhalte sofort umsetzen. Manches davon kann man üben, anderes nicht.“ 

Ein Bild von einem Kongress

Graphic Recording
Ein Kongresstag in Farbe

Sophia selbst ist offensichtlich der Typ dazu. Wenn sie mitzeichnet, vergisst sie, dass ihr auch mal ein paar Hundert Menschen über die Schulter sehen. Sie blendet ihre Umgebung aus, strukturiert ihr Protokoll und findet die passende Bildsprache für den Anlass. Beim Happiness Kongress gelingt ihr das perfekt. Am Ende weiß jeder, der auf die großformatigen Bilder sieht, wie sich Lebensfreude wissenschaftlich umreißen lässt. Vermutlich wird es auch nach dem Kongress immer wieder vorkommen, dass jemand das Comic-Protokoll betrachtet. Lächeln garantiert.