Gedanken zum Weltdiabetestag am 15.11.2013 von Diabetesberater Sven-David Müller, Medizinjournalist und Gesundheitspublizist

Die Welt überzuckert. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO leben weltweit fast 300 Millionen Menschen, die unter Diabetes mellitus leiden. In Deutschland sind schon fast zehn Prozent der Bevölkerung von der chronischen Stoffwechselstörung mit dem Kardinalsymptom Überzuckerung (Hyperglykämie) betroffen. Während und nach dem zweiten Weltkrieg war in Nord- und Mitteleuropa kaum ein neuer Diabetes-Fall zu beklagen. Warum hat sich das in den letzten 60 Jahren so extrem verändert? Die Antwort ist einfach: Unser Wohlstand und unsere Bequemlichkeit machen uns krank und führen zu Diabetes mellitus Typ 2. Und das ist die häufigste Form des Diabetes mellitus.

Volkskrankheit Diabetes?

Volkskrankheit Diabetes ist die Devise der Medizin und in den Medien. Ist das wirklich so oder macht uns nur die Pharmaindustrie krank, um mehr Kunden für ihre Arzneimittel zu haben, wie es immer wieder vom Bluthochdruck oder erhöhten Cholesterinwerten behauptet wird? Nein – Diabetes mellitus überzieht die Welt immer mehr. Aber die Krankheit wird von vielen Fehleinschätzungen beherrscht. Denken wir an Diabetes mellitus, denken wir an Insulinspritzen, Zuckerkrankheit und Diät. Und alle drei Gedanken sind praktisch falsch. Das Gros der Diabetiker spritzt kein Insulin, die Bezeichnung Zuckerkrankheit führt in die Irre und eine strenge Diät muss auch kein Diabetiker einhalten.

Eine diabetesgerechte Ernährungsweise ist nichts anderes als eine gesunde ausgewogene Kost. Ein Zuckerverbot für Diabetiker spricht die Deutsche Diabetes Gesellschaft analog der anderen Fachgesellschaften nicht mehr aus. Warum auch? Haushaltszucker (Saccharose) steigert den Blutzuckerspiegel langsamer als Weißbrot oder Kartoffelbrei. Der glykämische Index und die glykämische Ladung haben diese Erkenntnisse gebracht und werden zunehmend beachtet. Bedauerlicherweise bezeichnen noch immer viele den Diabetes als Zuckerkrankheit. Die wörtliche Übersetzung von Diabetes mellitus aber ist honigsüßer Hindurchfluss. Bei Diabetikern ist nicht der Zucker krank, sondern die Blutzuckerregulation funktioniert nicht. Es kommt zur Überzuckerung im Blut – der Blutzuckerspiegel steigt auf Werte oberhalb von 126 mg/dl an. Die Ursache dafür ist aber in der Regel nicht ein Insulinmangel, sondern eine Insulinresistenz bei extrem hoher Insulinproduktion.

Die Lösung liegt in der richtigen Prophylaxe

Die Lösung des Diabetesproblems ist in der Prophylaxe zu suchen und zu finden. 

Durch erbliche Faktoren, Übergewicht und Fettsucht (Adipositas), Bewegungsmangel sowie Fehl- und Überernährung wird immer mehr Insulin benötigt, die Insulinwirkung an den Zellen geht aber zurück. Ein Teufelskreis beginnt. Irgendwann ist die Resistenz gegenüber dem in den Beta-Zellen der Langerhans´schen Inseln produzierten Insulin so groß, dass die Blutzuckerwerte ansteigen. Die Ursache für den Diabetes mellitus ist niemals in einer zuckerreichen Ernährungsweise zu finden, sondern vielmehr in einer allgemeinen Fehl- und Überernährung. Gesättigte Fettsäuren aus tierischen Produkten, Fast Food, Weißmehlprodukte und Snacks sind Hauptursachen.  

Die Lösung des Diabetesproblems ist in der Prophylaxe zu suchen und zu finden. Ein optimales Präventionsprogramm ist:

  • viel Alltagsbewegung und dreimal wöchentlich 45 Minuten Sport (erhöhen den Energieverbrauch) 
  • tägliche Spaziergänge an frischer Luft und Ausnutzung der Sonnenstrahlen (wichtig für die Vitamin-D-Produktion zur Diabetesvorbeugung)
  • Stressabbau durch Autogenes Training (beugt einer Überproduktion von Cortison und anderen Hormonen vor, hilft beim Abnehmen und verhindert oder verringert die Insulinresistenz)
  • reichlich Gemüse und Frischobst (versorgen den Körper mit lebenswichtigen Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen – in Gemüse und Frischobst steckt einfach viel Gesundheit)
  • Bevorzugung von ballaststoffreichen Getreideprodukten wie Vollkornhafer (versorgen den Körper mit sättigenden Ballaststoffen und wertvollen sekundären Pflanzenstoffe, die wie Beta-Glukan den Cholesterinspiegel senken können und beim Abnehmen helfen)
  • ausreichende Proteinaufnahme über fettarme Milchprodukte (liefert reichlich sättigendes Eiweiß) sowie mageres Fleisch (liefert wichtige Aminosäuren, die dem Muskelabbau auch bei der Gewichtsabnahme vorbeugen)
  • reichliches Trinken

Ausreichend Trinken – zum Beispiel Getränke mit Süßstoffen

In der Ernährungsaufklärung wird dem Trinken zu wenig Platz eingeräumt und so ist es leicht erklärlich, warum viele Menschen viel zu wenig trinken. Optimal sind 2 Liter täglich. Wasser und Mineralwasser sowie Schorlen (Mischungsverhältnis 1 Teil Saft und 2 Teile Mineralwasser) und wenig zuckergesüßte Softdrinks sind gut geeignet, den Flüssigkeitsbedarf des Menschen sinnvoll zu decken. Bis zu vier Tassen Kaffee oder Schwarztee schaden der Gesundheit nicht. Studien zeigen, dass der Austausch von Zucker durch Süßstoffe insbesondere bei Softdrinks helfen kann, das Gewicht zu senken. Daher sollten Menschen, die Diabetesfälle in ihrer Verwandtschaft haben, auf Zucker im Kaffee oder Tee verzichten und mit Süßstoff süßen. Bei Limonaden und Cola-Getränken können sie auf die fast kalorienfreien süßstoffgesüßten Alternativen zurückgreifen. Süßstoffe wie Aspartam, Acesulfam Kalium, Saccharin, Cyclamat oder Steviolglycoside haben keinen Einfluss auf die Hunger-Sättigungs-Regulation, den Blutzuckerspiegel und können in normalen Mengen auch von Kindern und Jugendlichen bedenkenlos aufgenommen werden. 

Kreative Küche - oder besser eine Schmalhans-Diät?

In der Küche sollte nicht Schmalhans, sondern Kreativjan Küchenmeister sein. Leckere Eintöpfe, aromatische Früchtesalate, deftige Gemüsepfannen, kräftige Hülsenfruchtsuppen oder schmackhafte Pilzaufläufe sind ein wahrer Gaumenschmaus, der nicht auf die Hüften schlägt, nachhaltig sättigt und für Diabetiker und Menschen, die es nicht werden wollen, perfekt geeignet ist. Gerichte mit reichlich Wasser – wie Suppen, Eintöpfe und Co. – sind optimal. In Suppen steckt vornehmlich Wasser und das hat bekanntlich keine Kalorien. Durch Gemüse und Obst erhält das Gericht reichlich Ballaststoffe und das macht langfristig satt. Zudem zeigen Studien, dass viel Obst und Gemüse Diabetes vorbeugt. Die Veggies sind außerdem auch optimal für alle Diabetiker. Die Zeiten, in denen Diabetikern süßes Obst wie reife Bananen oder Weintrauben versagt wurde, sind längst vorbei. Es war nie sinnvoll oder durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. In der Prophylaxe des Diabetes mellitus und zum Abbau von Übergewicht und Adipositas allgemein sollte die Energiezufuhr zwischen 1.200 und 1.600 Kilokalorien täglich liegen. Weniger ist hier nicht mehr! Übergewichtigen Diabetikern ist das gleiche anzuraten. Sie sollten eine kalorienbewusste Ernährungsweise einhalten. Die Brot-, Berechnungs- oder Kohlenhydrateinheiten müssen nur insulinpflichtige Diabetiker einhalten. Von der BE-Berechnung nimmt man nämlich nicht ab!

Es gibt keinen leichten und schweren Diabetes

Oftmals ist von leichtem und schwerem Diabetes zu hören und zu lesen. Das ist der vierte Kardinalfehler im Verständnis der Erkrankung. Es gibt keinen leichten und schweren Diabetes. Der früher als Altersdiabetes bezeichnete Typ 2 Diabetes mellitus ist genauso ernst zu nehmen, wie der jugendliche Diabetes mellitus (Typ 1 Diabetes mellitus). Alle Diabetiker sind bei schlechter Blutzucker- und Blutdruckeinstellung von Folgekomplikationen bedroht, die insbesondere das Herz, die Augen, die Nieren und die Nerven betreffen. Bedauerlich ist, dass viele Ärzte Diabetes mellitus Typ 2 nicht hinreichend ernst nehmen. Es gibt keinen leichten Diabetes! Jeder Diabetiker sollte sich und seine Erkrankung ernst nehmen. Andernfalls kann er zum Tod durch Herzinfarkt (im Rahmen der diabetischen Makroangiopathie in Kombination mit Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und diabetischer Polyneuropathie), zur Dialysepflicht (Endstadium der diabetischen Nephropathie), Amputation der unteren Extremitäten (diabetischer Fuß) oder Erblindung (Endstadium der diabetischen Retinopathie) führen. Durch eine gute Schulung sollten Betroffene erlernen ihren Diabetes zu beherrschen, damit sie nicht von ihm beherrscht werden. Gute Schulung und Einstellung beugen Folgekomplikationen vor und ermöglichen ein normales Leben bei normaler Morbidität und Mortalität. Würden alle Menschen auf einen bewegten Alltag achten, sportlich sein, mehr Gemüse sowie Obst essen und sich mehr entspannen, gäbe es weniger Diabetiker und die Diabetiker selbst wären besser eingestellt. Und darauf einen knackigen Apfel!

Über den Autor:

Sven-David Müller leitet das Zentrum und die Praxis für Ernährungskommunikation, Diätberatung und Gesundheitspublizistik (ZEK) in Nidderau bei Frankfurt am Main. Für seine Leistungen in der Ernährungsaufklärung wurde er vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet 162 Buchtitel in 11 Sprachen von ihm. Sein populärwissenschaftlicher Schwerpunkt in der publizistischen Arbeit liegt im Themenbereich Stoffwechselkrankheiten. Der aus Presse, neuen Medien, Funk und Fernsehen bekannte Experte ist staatlich anerkannter Diätassistent, hat angewandte Ernährungsmedizin studiert und ist Diabetesberater der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Er ist Herausgeber des Werkes „Diätetik und Ernährungsberatung – Das Praxisbuch. Das anerkannte Fachbuch hat sich zum Standardwerk für Diätassistenten, Ernährungswissenschaftler, Ernährungsmediziner und Diabetologen entwickelt und erscheint bereits in der 5. Auflage. Die von Sven-David Müller entwickelte „Müller-Diät“ ist im Verlag Schlütersche erschienen und hat schon hunderttausende schlanker gemacht. Mit der Diabetes-Ampel macht der Diabetesberater, der seit 1977 Typ 1 Diabetiker ist, Diabetikern die Ernährung leichter.