Sie sind mitten unter uns, um die Ecke, über die Straße, am anderen Ende der Stadt, für jeden wahrnehmbar und doch sind es geheime Orte: Spielplätze. Wer keine Kinder hat, weiß nichts von diesen Parallelwelten, von ihren Bewohnern, ihren geheimen Regeln, von Grabenkämpfen im Sandkasten. Unsere Autorin verbringt dort ihre Nachmittage.

GESTERN HABE ICH es mal ernsthaft mit der Gelassenheit probiert. Gar nicht so leicht: Hinsetzen und die Kleinen einfach mal machen lassen. Es ging erstaunlich gut. Also für meinen Sohn und seine Freunde. Mir selbst war es offen gestanden ein bisschen langweilig. Ich fühlte mich, als dürfe ich nicht mitspielen. Ein bisschen überflüssig. Mit den Kitabekannten konnte ich mich auch nicht so gut unterhalten, weil die noch nicht das gleiche Gelassenheitslevel erreicht hatten und ständig ihren Kindern hinterhersprangen. Zu lesen hatte ich nichts dabei, mit dem Smartphone rummachen finde ich blöd. Also fing ich an, die Leute zu beobachten. Vor allem die Eltern.

„Geht auf den Spielplatz, nehmt zwei Schritte Abstand: Es gibt keine Individuen, es gibt Spielplatztypen.“

Irgendwie sind wir alle in dem Bewusstsein aufgewachsen, wir seien Individualisten, jeder von uns etwas Besonderes, eine eigene Klasse, unverwechselbar. Vergesst es. Geht auf einen Spielplatz, nehmt innerlich zwei Schritte Abstand und schaut euch um: Es gibt keine Individuen, es gibt Typen. Ich bin zwar noch ein bisschen unsicher, ob ich alle erfasst habe und ob es auch Mischformen gibt. Aber Käferforschern, dachte ich mir, geht es schließlich ähnlich: Irgendwann krabbelt ihnen ein Exemplar über den Weg, das sie noch nie gesehen haben. So ist das unter uns Biologen, Moralisten und Spielplatzbeschreibern. Eine Typologie ist immer eine Liste, die weitergeschrieben werden kann. Aber ich mache mal einen Anfang. Eines noch vorweg: Ich habe nicht die geringste Ahnung, zu welchem Typ ich gehöre, dafür fehlt mir der Abstand. Vermutlich habe ich von jedem ein bisschen was.

Neulich auf dem Spielplatz – Karriere-Mama

1. Die Karriere-Mama

Auf dem Spielplatz ist sie nur körperlich anwesend, Kopf und vor allem Ohr sind im Büro oder im Homeoffice: Das Smartphone hat sie am Ohr oder in der Hand, sie tippt schnell eine Mail oder sie verfolgt Telefonkonferenzen per Freisprecher. Wer ihr antwortet, weil er sich angesprochen fühlt und den Knopf im Ohr nicht gesehen hat, trifft auf einen leeren Blick. Selbst mit ihrem Kind verständigt sie sich fast ausschließlich über Gesten.

Der Vorteil: Sie hat garantiert immer ein aufgeladenes Handy dabei, falls mal ein Krankenwagen gerufen werden muss.

Neulich auf dem Spielplatz – Picknick-Profis

2. Die Picknick-Profis

Man erkennt sie an den riesigen Taschen. Während andere Eltern zwei Förmchen und eine Schaufel aus einer Handtasche oder einem Spielplatzbeutel zutage fördern, bauen die Picknick-Profis gleich nach Betreten des Spielplatzes ihre Infrastruktur auf. Dafür brauchen sie in der Regel mindestens eine Bank. Aus der Tasche kommen verschiedenfarbige Trinkflaschen und etwa 12 Tupperdosen. Darin befinden sich all die Herrlichkeiten, die Kühlschrank und Bioladen zu bieten haben: Apfelschnitze, Knabber-Eulen, Dinkelstangen, Gurkenscheiben, Haferkekse, Bretzeln. Normalerweise ist die Auswahl saisonal, regional, zuckerfrei und bio. In jedem Fall wird eine Vollverpflegung angeboten, mit der eine zehnköpfige Familie eine siebenstündige Zugfahrt überstehen könnte.

Der Vorteil: Liegt auf der Hand. Wenn das eigene Kind unterzuckert ist und deshalb schlechte Laune bekommt, hilft ein schneller Keks über eine Szene hinweg. Schließlich ist genug für alle da.

Neulich auf dem Spielplatz – Einheimische

3. Die Einheimischen

Oft sind sie ähnlich gut ausgestattet wie die Picknicker, nur haben sie einen Standort-Vorteil: Sie wohnen nebenan, und das weiß nach zehn Minuten auch jeder. Da wird noch schnell eine Schaufel geholt, ein anderes Shirt angezogen, das Elektro-Motorrad mit Sirene vom Hof gefahren oder Wasser-Eis aus der Tiefkühle gegriffen. Gelegentlich schaut der Kindsvater vorbei, die Freunde sind ohnehin schon alle da. Man empfängt praktisch im eigenen Garten.

Der Vorteil: Wenn man sich mit den Einheimischen gut versteht, haben sie viele Vorteile: eine Toilette in der Nähe, ein Zufluchtsort bei Regen, Kaffee.

Neulich auf dem Spielplatz – Übersetzer

4. Die Übersetzer

Niemand versteht Kinder so gut wie die eigene Mutter. Das beginnt schon mit den ersten Lauten, die von stolzen Mamas selbstverständlich für die Umwelt übersetzt werden. Leider können manche sich das Übersetzen danach nicht mehr abgewöhnen. Das Kind äußert irgendwas: Mama springt hin und erklärt, was es wirklich gemeint hat. Das vereinfacht die Kommunikation nicht immer. Vor allem gewöhnen sich die Kinder an den Simultandolmetscher. Bevor sie selbst das Wort an den Fremden richten, der mit Riesenspaß die Rutsche hochklettert und andere am Rutschen hindert, suchen sie den Blick der Übersetzungshilfe. Die kommt auch: „Der Jonas will auch mal rutschen. Außerdem klettert man nicht die Rutsche hoch.“ Vermutlich könnte der Jonas das auch selbst sagen. Er muss aber nicht. Außerdem kann man sehr wohl die Rutsche hochklettern wenn man bereit ist, mit den anderen zu besprechen, wer Vorfahrt hat. Ohne Übersetzer.

Der Vorteil: Manchmal frage ich mich selbst, ob ich mal eben aufstehen soll und eingreifen, weil die Kinder nicht zum Rutschen kommen. Wenn ein Übersetzer in der Nähe ist, kann ich sitzenbleiben.

Neulich auf dem Spielplatz – Helikopter

5. Die Helikopter

Viel beschrieben, viel gebasht: die Helikoptereltern. Sie stehen auch bei Vierjährigen noch gleichzeitig am oberen und am unteren Ende der Rutsche. Klettern ist nur erlaubt, wenn Mama oder Papa oder beide direkt unter der Leiter oder dem Gerüst stehen, andere Kinder kommen an das wirklich behütete Kind kaum heran und wenn, werden sie misstrauisch beäugt. Schon im Moment, in dem das Gegenüber die Schaufel nur beäugt, wird der Streit, der gar nicht aufkeimen kann, geschlichtet. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Spross doch zu einem Kratzer kommt, haben sie Minions-Pflaster und Desinfektions-Spray dabei. Auch sonst ist jede Eventualität bedacht: Matschhose und Gummistiefel gehören zur Grundausstattung sobald eine Wolke am Himmel steht, im Sommer wasserfeste Sandalen und Sonnenschutzanzug. Barfuß geht das Helikopterkind nur in die Badewanne.

Vorteil: Sie haben immer ein Pflaster, ein Feuchttuch oder ein Wechselshirt dabei. Sonst kein Vorteil. Helikopter fliegen den eigenen und anderen Kindern vor allem im Weg rum.

Neulich auf dem Spielplatz – Geschwister

6. Die großen Geschwister

Der Spielplatz ist nicht nur für Kinder da, sondern auch für ihre Eltern. Das nutzen die Eltern, die selbst lieber bester Freund oder allenfalls großes Geschwisterkind wären, wirklich aus. Sie schaukeln, rutschen, quietschen, brüllen und holen alles nach, was sie selbst offensichtlich in der eigenen Kindheit nicht geschafft haben. Vielleicht sind sie auch einfach nicht erwachsen geworden. Man erkennt sie oft daran, dass sie mit den Kindern im Partnerlook gehen. Geschwister-Mamas tragen gerne Hello-Kitty-Shirts, Geschwister-Papas die gleichen Turnschuhe wie die Söhne. Die Kinder finden das Benehmen ihrer Eltern als Baby lustig, als Kleinkind selbstverständlich und später peinlich.

Vorteil: Sollte mal jemand auf ein Gerüst klettern müssen, um Kinder wieder runterzuholen, sind die Geschwister-Eltern im Zweifel schneller und wendiger als alle anderen.

Neulich auf dem Spielplatz – Dokumentar-Filmer

7. Die Dokumentar-Filmer

Das Leben ist eine Truman Show, vor allem das Leben der Kinder, deren Eltern eigentlich gerne Dokumentarfilmer geworden wären. Mama und Papa sehen den Spielplatz und die eigenen Kinder in erster Linie durch ihr Smartphone. Es wird gefilmt, fotografiert, dokumentiert. Wer sie nicht sieht, hört sie rufen: „Benni, schau mal hierhin. Benni lächeln!“ Und Benni lächelt. Er kennt das Benehmen seiner Eltern schließlich, seit er auf der Welt ist. Ist eine Kamera in der Nähe, knipst er sein Lächeln an wie eine Lampe.

Vorteil: Dokumentarfilmer knipsen nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch jede Gruppe. So hat auch die Mama, die auf dem Spielplatz das Smartphone lieber in der Tasche lässt, eine Chance auf nette Bilder mit den Spielplatz-Freunden.

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