Sie sind mitten unter uns, um die Ecke, über die Straße, am anderen Ende der Stadt, für jeden wahrnehmbar und doch sind es geheime Orte: Spielplätze. Wer keine Kinder hat, weiß nichts von diesen Parallelwelten, von ihren Bewohnern, ihren geheimen Regeln, von Grabenkämpfen im Sandkasten. Unsere Autorin verbringt dort ihre Nachmittage.

GESTERN WAR ICH mal wieder auf dem Spielplatz. Eigentlich ein schöner Tag, nicht zu heiß, nicht zu kalt, der Spielplatz angenehm bevölkert, die Eltern entspannt. Alles hätte gut werden können. Allerdings waren etwa sechs Kinder zwischen zweieinhalb und dreieinhalb zusammen. Alle kannten sich, alle mochten sich, aber alle hatten einen Kita-Tag hinter sich und alle befanden sich in der Phase, die unter Wissenden mit bedeutungsschwangerem Nicken „Terrible Two“ genannt wird.

„Mal hat der beste Freund sich die Lieblingsschaufel ausgeliehen, mal sind die Dinkelstangen alle“

Terrible Two ist die Umschreibung für Kinder zwischen zwei und drei Jahren, die aufgrund verschiedener entwicklungsbiologischer Zustände aus heiterem Himmel komplett ausflippen können. Süße kleine Mädchen und wohlerzogene Jungs werfen sich strampelnd auf den Boden, bewerfen ihre Freunde und Eltern mit Sand, sie kratzen, beißen, spucken und sind schlicht nicht mehr ansprechbar.

Neulich auf dem Spielplatz - Keks
KEINE ALLZWECKWAFFE, aber manchmal hilfreich: der Keks

Der Auslöser tut dabei meist überhaupt nichts zur Sache. Mal hat der beste Freund sich die Lieblingsschaufel ausgeliehen, mal sind die Dinkelstangen alle, mal sitzt ein fremdes Kind auf der Schaukel. Alles Dinge, die das Kind normalerweise abnicken würde. Aber hier: Ausnahmezustand. Erst bei einem Kind, dann bei der zugehörigen Mama, dann kommen die Tipps von der Zuschauerbank, dann fängt das nächste Kind an und so weiter. Gestern verließen wir den Spielplatz teils schweißgebadet, teils betroffen und alle ein wenig ratlos.

„Also los. Hoch von der Bank und sich vorsichtig dem tobenden Rumpelstielzchen nähern.“ 

Wer jemals versucht hat, auf ein Kind im Trotzmodus einzureden, der ahnt, wie es sein muss, Nachrichten ins All zu schicken und lange auf Antwort zu warten. Im Grunde weiß der Sprechende nie, ob das Kind gerade unter vorübergehender Taubheit leidet, was je nach Lautstärke des Gebrülls schon mal vorkommen kann, ob es ein akustisches Problem, ein Verständnisproblem, ein Kooperationsboykott oder sonst etwas ist. Kurz: Mama redet gegen die Wand. Wenn es dumm läuft, erfährt sie nicht einmal den Grund für die Weltuntergangsstimmung.

Was also kann sie tun? Tatsächlich scheint es so zu sein, dass es bei den Kleinen ein entwicklungsbiologisches Problem gibt. Wenn die sich mal so richtig in Rage gebrüllt haben, sind sie neurologisch schlicht nicht mehr in der Lage, selbst die Bremse zu ziehen. Das liegt wohl daran, dass das Hirnareal, das für die Affektkontrolle zuständig ist, noch keine ausgereifte Verbindung zum dem Bereich hat, der die Emotionen explodieren lässt. Besonders schrecklich werden diese Szenen, wenn die dazugehörenden Erziehungsberechtigten dann auch noch lostrotzen, auch wenn bei ihnen die nötigen Schaltungen funktionieren dürften.

Kind dreht durch, andere Eltern schicken mitleidige, auffordernde Blicke und gelegentlich auch Tipps. Alle Augen sind auf uns gerichtet. Also los. Hoch von der Bank und sich vorsichtig dem tobenden Rumpelstilzchen nähern.

1. Kekse

Keine Sorge, es geht nicht darum, dem Kind bei jeder Gelegenheit einen Keks reinzuschieben und ihm beizubringen, dass Zucker gegen jeden Kummer hilft. Aber manchmal hat die miese Stimmung einen furchtbar banalen Grund: Hunger. Kinder, vor allem mit buddeln, schaukeln, rutschen beschäftigte Kinder haben manchmal kein Gespür dafür. Wenn eine Erdbeere oder ein Cracker reicht, um die Katastrophe zu überwinden, war es das.

Neulich auf dem Spielplatz - Kuscheln
HILFT eigentlich immer: Kuscheln

2. Kuscheln  

Keiner will ein Kind auf den Arm nehmen, das wild um sich schlägt und sich gerade benimmt wie der erste Mensch. Aber manchmal hilft das schon. Auf dem Spielplatz gibt es unendlich viele Gründe, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Das verursacht Stress. Und Stress bauen die Kleinen am besten auf Mamas Arm ab. Einmal in den Arm nehmen, Tränen trocknen, Unwetter vorbei.

3. Tempo rausnehmen

Manchmal fängt der Tag schon damit an, dass wir die Kinder ständig antreiben. Anziehen, Jacke an, losgehen, ab zur Kita, wieder umziehen, abholen, wieder umziehen, schnell auf den Spielplatz. Im Grunde ist das schon für uns Stress genug. Für die Kleinen ist es das auch. Hinzu kommt, dass sie noch gar nicht verstehen können, warum es einen Unterschied machen sollte, ob man eine halbe Stunde später loskommt. Abgesehen davon, dass eine halbe Stunde eine total abstrakte Größe für sie ist. Manchmal haben sie Recht. Und manchmal können wir tatsächlich etwas mehr entschleunigen als wir denken: Wen kümmert es, wenn wir auf dem Weg zum Spielplatz bummeln oder ob wir zehn Minuten länger bleiben? Meistens niemanden. Beugt aber Trotzanfällen bei Mutter und Kind vor.

4. Kompromiss

Mama will gehen, Kind nicht. Selbst nach einem total entspannten Nachmittag ist spätestens jetzt der Zeitpunkt für einen Wutanfall. Vor allem, wenn beide Seiten auf ihr Recht bestehen und keine Einigung in Sicht ist. Show down im Sandkasten. Besser funktioniert der geordnete Abgang, wenn Mutter und Kind verhandeln. Das hat den Vorteil, dass der Kleine sich ernstgenommen fühlt, Mama kein kreischendes Kind wegtragen muss und alle ihren Teil bekommen. Wenn wir unseren Partner bitten, schnell zu kommen, sagt der in der Regel „Ich schreib noch eine Mail“ oder „Ich trinke gerade noch den Kaffee aus“. Es ist in jedem Fall wahrscheinlicher, dass er antwortet: „Nur noch kurz die Welt retten“, als „Schon zur Stelle“. Kinder machen das nicht anders. Nur, dass wir „Nur noch kurz rutschen“ nicht so recht akzeptieren können. Sollten wir aber. Ein guter Kompromiss wäre: Noch zwei Mal rutschen und dann geht es ohne Meckern nach Hause.

Neulich auf dem Spielplatz - Gehen
MAMA will gehen, Kind nicht: Selbst nach einem entspannten Nachmittag ist spätestens jetzt der Zeitpunkt für einen Wutanfall

5. Gehen

Das Kind arbeitet sich in eine Megaszene hinein, nichts geht mehr? Dann ab durch die Mitte. Manchmal hilft es, den Ort zu wechseln, manchmal kann das Kind vor versammeltem Publikum auch einfach nicht aus seiner Rolle. Außerdem werden auch Mütter in der Regel nicht entspannter, wenn sie gerade die Hauptattraktion auf dem Spielplatz werden und jeder Anwesende zu denken scheint: „Zum Glück ist das nicht meins“. Wenn sich eine Straße weiter eine Bank anbietet, kann man immer noch versuchen, rauszufinden, was eigentlich der Punkt ist. Manchmal ist der Punkt dann auch schon vergessen. Dann können beide in Ruhe nach Hause gehen.

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