Ein Lächeln auf der Straße, eine Überraschungs-Party mit Freunden, die Sonne kitzelt dein Gesicht, ein unerwarteter Kuss. Egal ob kleine Freuden im Alltag oder große Gefühle: Es ist dein Augenblick. Sei ganz bei dir. Erlebe ihn. Taste The Feeling!

FERROPOLIS, die Stadt aus Eisen. Ein ehemaliger Tagebau, irgendwo im nirgendwo. Am Gremminer See. Bei Dessau. Bei Leipzig. Umfunktioniert zu einem Festivalgelände. Die Überbleibsel aus dem Industriezeitalter ragen wie geballte Fäuste in den Himmel. Das Melt! Festival. Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um elektronische Musik zu genießen.

Es ist mein erstes Mal. Mein erstes Mal Zelten (lässt man eine einmalige Übernachtung als Kind in Nachbars Garten außer Acht). Und es ist mein erstes Festival. Ich bin aufgeregt: Wie viele Leute werden dort sein? Werde ich einigermaßen gemütlich schlafen können? Wird es regnen? Wie funktioniert das mit den Duschen? Genügen unsere mitgebrachten Stullen? Und vor allem: Wird mir die Musik gefallen? Ich kenne bisher nur einen Bruchteil der Künstler.

Taste The Feeling - Festival - Zeltplatz
ANKOMMEN im Irgendwo: der Zeltplatz

Am Empfang bekomme ich ein Bändchen ums Handgelenk gelegt. Der Beweis, dass man tatsächlich dort gewesen, in eine andere Zeitlichkeit eingetaucht, in einer anderen Realität gelebt hat. Schon bei ersten Erkundung des Campinggeländes wird klar: An Glitzer, Konfetti und verrückten Outfits wird dieses Wochenende nicht gespart. Die Festival-Profis haben komplette Gartenausrüstungen eingepackt und glühen schon mit harten Beats vor. Ein leicht süßlicher Geruch legt sich sanft über den Campingplatz. Die Stimmung ist ausgelassen.

Meine erste Festival-Lektion: Konzentriere dich auf die einfachen Dinge. Übe Gleichmut. Lass dich treiben.

Mein Zelt, Modell „idiotensicher“, ist im Handumdrehen aufgebaut. Ich versuche, eine Freundin zu erreichen, die auch herkommen wollte. Der erste Anruf geht nicht durch. Sie ruft zurück – ich verstehe sie allerdings kaum. Endlich erreichen wir uns. Sie ist auf einem der anderen Campingplätze – es gibt vier. Das realisieren wir allerdings erst nach ein paar Minuten. Zumal wir doch beide einen grünen Pavillion in der Nähe gesehen haben. Leider eben auf einem anderen Campingplatz. Wir verabreden also einen unverfehlbaren Treffpunkt: am Eingang.

Meine erste Lektion: Konzentriere dich auf die einfachen Dinge. Übe Gleichmut. Lass dich treiben.

Taste The Feeling - Festival - Einhorn
TRAUM-SHUTTLE in den Mega-Soundtrack

Nur ein paar Stunden später haben wir uns bereits zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden, es aber immer noch nicht auf das eigentliche Festivalgelände geschafft. Die ersten Bands beginnen. Ich werde langsam nervös und möchte endlich starten. Der Shuttlebus bringt uns zum Eingang des Festivalgeländes. Menschenmassen pilgern mit uns zu den zahlreichen Bühnen. Das Gelände ist noch relativ leer, umso mehr kommt sein industrieller Charakter zum Vorschein. Es gibt mehrere Bühnen, einige davon liegen direkt am See. Eine Bühne mitten in einem kleinen Wald wurde mit Girlanden und Lichterketten in ein Meer aus Lichtern verzaubert. An den Kostümen und interessanten, schönen Menschen kann man sich kaum sattsehen. Über 20.000 Besucher sollen an diesem Wochenende hier sein. Einige haben sich zur Freude ihrer Leber Umhängetaschen aus Tetrapacks gebastelt. Andere sind mit Lichterketten behangen – ihre eigene Party-to-go.

Langsam dämmert es. Das M.I.A. Konzert beginnt und alles strömt zur Hauptbühne. Mit einem orangefarbenen Umhang, in dem sie wie Superwoman aussieht, verspiegelter Sonnenbrille und lässigen Sneakers eröffnet M.I.A. mein Melt! Festival. Die Stimme der Sängerin geht beinah unter in den ohrenbetäubenden Beats. Die Menge pulsiert. Ich versuche, im Gedränge weiter nach vorn zu kommen. Ein Typ aus dem Publikum kommt mit mir. Für ihn sei M.I.A. die schönste Frau der Welt, erzählt er mir. Wir kommen kaum voran.

Zweite Festival-Lektion: Du wirst nicht immer nass, wenn es regnet. 

Der Himmel erfrischt uns mit meinem kurzen Schauer. Dennoch habe ich das Gefühl, kaum nass zu werden.

Nach zwei, drei weiteren Auftritten an unterschiedlichen Bühnen mache ich mich, dann doch völlig durchnässt, auf den Weg zum Zelt. Wen oder was habe ich gehört? Ritchie Hawtin, Glass Animals, Kate Tempest? Ich kann sie nicht mehr auseinanderhalten. Alles fließt zusammen zu einem Mega-Soundtrack in meinem Kopf.

Taste The Feeling - Festival - Honne
DER TAGEBAU als Club: Braunkohlebagger auf dem Melt! Gelände

Mittlerweile ist es so spät, dass es fast schon wieder früh geworden ist. Die recht lange Schlange für den Bus reguliert sich am Ausgang erstaunlich schnell. Auf dem Campingplatz angekommen beginnt die Herkulesaufgabe: Wo genau war noch einmal das Zelt?

Dritte Festival-Lektion: Wisse, wo dein Zelt steht.

Müde, nass (und ein klein wenig genervt) finde ich irgendwann meine – Gott sei Dank wasserfeste – Unterkunft. Der Regen klopft sanft auf das winzige Dach. Ich schlafe schnell ein.

Mit müden Augen erwacht der Zeltplatz am Samstag gegen 12 Uhr. Wasserkocher blubbern, Elektromucke dröhnt asynchron aus allen Richtungen. Die Sonne strahlt scheinheilig, als hätte sie während der letzten regenreichen Wochen nur Kraft für diesen einen Tag gesammelt. Im Zelt staut sich die Wärme. Also: Ab in den zweiten Tag!

Die Zeit bis zum ersten Auftritt lässt sich durch Sonnenbaden und das Erkunden des anderen, großen Campingplatzes angenehm überbrücken. In einer Lounge kann man sich fake-und echte Tattoos stechen lassen, selber Blumenkränze basteln, oder sein Gesicht in Glitzer hüllen. Endlich geht es am Spätnachmittag weiter – und zwar Schlag auf Schlag: Die britische Band Honne haut ihre Hits raus: „Just Dance“ heißt der neueste. Das lassen sich die Leute nicht zweimal sagen. Dann NAO, die neue R’n’B-Queen aus East London. Und schließlich: Bilderbuch. Meine Lieblingsösterreicher kombinieren ihren unwiderstehlichen Überschmäh mit Rock und Hip-Hop-Beats, dass es nur so kracht. Die Menge tobt.

Vierte Festival-Lektion: Tanze!

Mittlerweile ist es dunkel geworden, die Kräne leuchten in saphirblauem Licht. Hin und wieder wird an verschiedenen Punkten auf den Kränen ein kurzes Feuer gezündet, dessen Wärme selbst aus der Entfernung sanft zu spüren ist. Jetzt spielt Bonobo, vor der Hauptbühne ist es zum ersten Mal komplett voll. Der britische DJ und Bassist schraubte jahrelang nahezu im Verborgenen an seinen feinen Downtempo-Sounds. Mittlerweile ist er ein Top-Act bei den großen Festivals. Ferropolis vibiriert. Der alte Tagebau ist jetzt ein riesiger Club. Als ich einige Stunden später wieder zum Zeltplatz laufe sind die noch spielenden Acts schon in warme Morgenröte getaucht.

Taste The Feeling - Festival - Discokugel
DIE NACHT vor dem Morgen danach: Öffentliche und private Light Show

Sonntag früh ist die Elektromusik auf unserem Zeltplatz verstummt. Aus dem Nachbarzelt ist leises, aber regelmäßiges Schnarchen zu hören. Wir machen uns schon morgens auf den Heimweg. Die Realität hat mich wieder. Leicht verstrahlt, übermüdet aber tiefenentspannt trete ich die Rückreise in den Alltag an. Die letzten 48 Stunden waren gefühlt wie ein Wochenende lang die Lieblingsmusik voll aufzudrehen und mit Freunden zu feiern. Jetzt erinnert nur noch das Bändchen an meinem Handgelenk an diese beinah surreale Parallelwelt. Bis zum nächsten Mal!