SPÄTESTENS AB MITTE NOVEMBER bin ich ein traditionsgetriebenes Gefühlsbündel. Sechs Wochen bis Weihnachten. Noch so viel zu tun! Weihnachtskekse backen, acht Sorten mindestens, der Weihnachtsmarkt, ein Besuch reicht auf keinen Fall, die Wohnung schmücken, umfangreich. In dieser intensiven Vorbereitungssause habe ich nichts übrig für Experimente. Alles soll so sein, wie es schon immer war. Das Essen. Die Musik. Der Baum. Als meine Eltern nach meinem Auszug vor vielen Jahren beschlossen, nicht mehr jährlich eine Tanne ins Wohnzimmer zu schleppen, wurde mir kurz schwarz vor Augen. Nach einem Fest unter dem gusseisernen Wiederverwendungsmodell lobbyierte ich stärker für Tannengrün, als vor meinem vierzehnten Geburtstag für eine Stereoanlage.

Tannengrün

DIE ERSTE IDEE: Tannengrün in die Vase. Fertig!

Vor dem ersten Weihnachtsfest in den eigenen vier Wänden verbrachte ich zwei Tage mit Baumauswahl, Baumschmuckauswahl, Baumschmuckanbringung, Baumschmuckfoto. Bis auf einen Lametta-Ausrutscher 2003 kommt jedes Jahr dasselbe aufs Grün. Kugeln und Zapfen, Holz und Stroh. Das schlechte Gewissen, ein Baumleben für ein recht kurzes Vergnügen genommen zu haben, redete ich damit weg, dass ja die Elefanten fressen, was von der Tanne übrig bleibt.

 

 

Bücherregal

GEHALTVOLL: Bücher nach Farben sortieren

Die nächsten Weihnachtsfeste fernab vom Elternhaus steigerten jedoch das Verständnis für Tannenverzicht. Die Zeit, die fehlt. Die Nachhaltigkeit, die wichtig ist. Das eigentliche Fest, an dem ich dann woanders bin. Die Elefanten bekommen nun schon seit drei Jahren nichts mehr von mir. Doch wer sagt eigentlich, dass man eine ganze Tanne braucht? Kurz bevor der festliche Autopilot übernimmt, beschließe ich: Dieses Jahr gibt’s wieder einen Baum. Nur ohne Baum.

 

 

Kiefernzapfen

AUCH EINFACH: Kiefernzapfen an der Wand

Das Netz ist voller alternativer Weihnachtsbäume. Mit Leiter und Kugeln – wunderschön, aber die Wohnung doch zu klein dafür. Ein Berg aus grünen Büchern – inhaltsstark, aber fünfzig grüne Wälzer hab ich leider nicht. Die erste Idee ist einfach: Tannengrün in die Vase, fertig ist der Mini-Baum. Mit ein bisschen Schmuck sieht das ziemlich festlich aus. Ziemlich winzig aber auch. Geschenke drunter legen? Gar nicht drin. Schon hinter einer ausladenden Schleife könnte er verschwinden. Etwas Größeres muss her. Kurz experimentiere ich mit dem Weihnachtsbaum im Bücherregal. Groß ja, und mit der Kerze oben drauf, nicht schlecht. Ein echter Platzfresser aber auch. Doch immerhin weiß ich jetzt, wie viele grüne Bücher ich besitze.

Geklebter Baum

BESONDERS baumfreundlich: der geklebte Baum

Mein Blick fällt auf den Weihnachtsschmuck. Vielleicht lässt sich damit etwas arrangieren. Ich nehme goldbesprühte Kiefernzapfen und hänge sie im Dreieck an die Wand. Angetan vom eigenen Werk gerate ich kurz in einen Kleberausch. Weihnachtsschmuck, Klebeband, Dreiecksform – fertig ist der Weihnachtsbaum im Kugellook. Mit etwas Abstand sieht er aus wie ein Pfeil, der Richtung Himmel zeigt. Klein ist dieser Wegweiser aber auch. Aber da war doch noch grünes Klebeband...

 

 

Kugeln an der Wand

AUF KUGELN muss man auch ohne Baum nicht verzichten

Ich messe aus, male Bleistiftorientierung ans Weiß und klebe die Tanne einfach an die Wohnzimmerwand. Die Lust auf Lebkuchen steigt rasant. Diese Variante gefällt mir richtig gut. Groß genug, nimmt keinen Platz weg und ein Hingucker ist es auch. Wie ein Tatortbild von einem Weihnachtsbaum. Der bleibt jetzt an der Wand. Fürs Fest und vielleicht sogar darüber hinaus. Das Tannengrün kommt aufs Regal, das brauch’ ich vielleicht später noch. Falls ein Elefant vorbeikommt.