Wer erinnert sich im Zeitalter des Streamings noch an den Ursprung des Wortes Straßenfeger? Es wurde erfunden für einen Krimi mit dem Titel „Das Halstuch“, eine TV-Serie aus den frühen Sechzigern. Sie erreichte Einschaltquoten von 90 Prozent.
Damals gab es noch keine Videorekorder. Wenn man einen Film sehen wollte, musste man pünktlich zur Sendezeit auf dem Sofa sitzen. Wer keinen Fernseher hatte, ging zu Nachbarn oder Freunden. Fabriken ließen Schichten ausfallen, es fuhren keine Taxis. Deutschland war wie ausgestorben.
Es gibt noch immer solche Fernsehrituale. Zum Beispiel  kann man viele Deutsche am Sonntagabend nicht anrufen. Der „Tatort“ ist Pflicht. Wenn ich meiner Mutter erzähle, dass die Sendung gleich um 21:45 nochmal auf Einsfestival läuft, winkt sie ab. Vom Streamen in der ARD-Mediathek will ich erst gar nicht anfangen.
45 Jahre „Tatort“ – und mir ist noch immer ein Rätsel, warum die Deutschen vor dem Start in die neue Woche so viel Gewalt sehen wollen; denn meist gibt es ja noch den Mankell obendrauf. Vielleicht sind harmonische Wochenenden doch schwerer zu ertragen, als die meisten zugeben.

Der Programmchef liegt flach – und streamt

Ich selbst schaue praktisch überhaupt nicht mehr in Realzeit fern. Eigentlich nur noch bei Fußballweltmeisterschaften. Da treffe ich mich gern mit Freunden und Nachbarn.
Schon als der erste DVD-Festplattenrekorder ins Haus kam, war es für mich vorbei mit festen Sendezeiten. Erst schaute ich nur zeitversetzt und zappte über die Werbeblöcke. Doch mit der Zeit legte ich mir einen Filmvorrat an und wurde mein eigener Programmchef.
Neulich habe ich auch den Festplattenrekorder in den Ruhestand geschickt. Ich hatte Grippe und lag zwei Wochen lang flach. Ich konnte kaum mehr, als das iPad halten und machte intensive Bekanntschaft mit den Streaming-Diensten.
Zwei Staffeln „House of Cards“, eine Staffel „Homeland“, „Better Call Saul“, noch ein paar Filmklassiker – und schon war die Grippe vorbei!
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Teuer – und preisgekrönt: Streamingfilme

Die Angebote von Amazon oder Netflix sind zwar nicht lückenlos überwältigend, aber es ist mir nicht gelungen, ihre Server leer zu gucken. Stiftung Warentest hat kürzlich elf Anbieter auf dem deutschen Markt verglichen und festgestellt, dass die meisten Top-Filme weiterhin in der Videothek zu haben sind. Das hat mit der Verwertungskette zu tun. Die Verleiher lassen einen neuen Film natürlich zuerst im Kino laufen, wo er am meisten einbringt, dann kommt er als DVD oder BluRay in den Handel, dann in den Verleih, dann zu Streaming-Diensten und am Ende auf die gute alte Mattscheibe.
Nach wie vor ist für mich das Kino erste Wahl. Die große Leinwand, der fette Sound. Da bin ich old-school. Aber das eine schließt das andere nicht aus.
Laut einer Umfrage von „Spiegel online“ suchen heute rund 60 Prozent ihre Unterhaltung im Netz. Kommerzielle Streaming-Anbieter verfügen über enorme Mittel und produzieren ihre Filme mittlerweile selbst. Sie sind weder auf Hollywood-Studios noch auf Fernsehsender angewiesen. Die beiden ersten Staffeln von „House of Cards“ gelten als Meilenstein, nicht nur weil Netflix die rund 100 Millionen Dollar teure Produktion ins Netz stellte, ehe sie im TV lief, sondern auch, weil sie reihenweise Emmys und Golden Globes abräumte.
Good News Filmwelt im Netz / House of Cards

Sender, hört die Signale!

Kevin Spacey, der Hauptdarsteller, ist auch Produzent der Serie, gemeinsam mit David Fincher. Fincher sagte in einem Interview, die Arbeit an der Serie habe ihn gereizt, weil man darin viel komplexer erzählen und vielschichtigere Charaktere aufbauen könne, als in einem zweistündigen Kinofilm. Mit einem Wort: mehr künstlerische Freiheit. Ein Statement, das den gewaltigen Qualitätsschub amerikanischer Serien in einem Satz zusammenfasst. Früher war Kino Kunst und das Fernsehen bäh. Heute verschwimmen die Grenzen. Aber auch die deutschen Fernsehanstalten wie das ZDF hören allmählich die Signale und stellen Serien wie „Schuld“ oder „Das Team“ vor der Ausstrahlung komplett online.
All das verändert unsere Lebensgewohnheiten. Schon ist die Rede von einer neuen Form des Sehens, dem sogenannten Binge Watching. Wenn die nächste Folge einer Serie automatisch startet, kommt man überhaupt nicht mehr zum Abschalten. Und plötzlich ist es zwei Uhr morgens.
Wann versenkte man sich früher schon mal zehn oder zwanzig Stunden in eine Story? Wohl nur bei „Faust“ 1 + 2 oder bei Wagners „Ring des Nibelungen“. Heute genügt ein schneller Internetanschluss. Aber spätestens für die nächste Grippe habe ich mir etwas vorgenommen: Ich lese mal wieder ein Buch. Die besten Bilder sind immer noch die in unserer Fantasie.
Zum Weiterschauen:
Bei der Vielzahl der Streaming-Angebote ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Die wundervolle, Community-basierte Seite Mediasteak zeigt uns die „Filetstücke“ in den Mediatheken.