Serien werden in beinahe jedem Smalltalk erwähnt. Wie kann man eigentlich ohne Abo dennoch in der Gesprächsrunde mitschwimmen und passende Anmerkungen machen? Immerhin hat noch nicht jeder Haushalt den Zugang zur neuen Serienwelt

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
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BIS VOR KURZEM hatte selbst ich als Digital Native kein Netflix. Immer häufiger war ich Außenseiter in Gesprächen. Ich kannte weder die Serien und Hauptdarsteller, noch hatte ich eine Ahnung, was Binge Watching bedeutet.

Ich war schon froh über meinen neuen HD-Kabelanschluss und musste mich über Wochen an das gestochen scharfe Bild gewöhnen. Wer hat auch schon die Zeit, um sich nach Kita, Arbeit und Telefonaten mit Mobilfunkanbietern noch zehn Folgen von „House of Cards“ anzusehen? Da gehen hier schon längst die Lichter aus, das Kind brüllt sich langsam in den Schlaf und als Eltern schafft man es dann bestenfalls noch, „Grill den Henssler" nebenher laufen zu lassen, während man sich gegenseitig über mögliche Tretminen im Gespräch mit Oma und Oma auf dem 90. Geburtstag informiert.

Lieber auf Wasser und Brot verzichten, als kein Netflix mehr zu haben.

Mittlerweile habe ich aber Netflix und somit auch schon die halbe Familie meinen Zugang. Das ist übrigens schon der erste Insider in Sachen flixe Streamingkultur: Wer Netflix hat, hat auch gleich noch den Bruder aus Berlin mit eigenem Profil bei sich im Konto. Es dürfen nämlich mehrere Geräte gleichzeitig das Abo nutzen. So finanzieren sich ganze WGs gemeinsam den Zugang. Lieber auf Wasser und Brot verzichten, als kein Netflix mehr zu haben.

Kommen wir aber zu den Serien. Wer noch „Shopping Queen“ und die „Tagesschau“ schaut, hat von Pablo Escobar sicher nur aus Dokumentationen bei ZDFinfo gehört. „Narcos“ ist aber eine der bekanntesten und beliebtesten Produktionen aus dem Hause Netflix. Der Erfolg des Streaminganbieters basiert smoit auf dem internationalen Drogenhandel und seit kurzem ist auch das Leben von Drogenbaron „El Chapo“ als eigene Serie verfügbar. Mit beiden Gangstern kommt man schon gut durch ein Gespräch. Wirft man dazu noch Pablos Lieblingsspruch „Plata o plomo“ ein, muss man zwangsläufig die Serie kennen. Das bedeutet „Silber oder Blei!“, was wiederum sinngemäß mit „Geld oder Leben!“ übersetzt werden kann. Das hat man als Fan längst bei Google nachgeschaut.

Rob Vegas – Serien
WO BIST Du gerade bei „Orange Is The New Black“? – „Längst durch, aber ich will die Überraschung nicht spoilern.“

Man wartet natürlich auch auf die neue Staffel von „House of Cards“, welche ja leider zuerst bei Sky Deutschland gezeigt wird. Darüber sollte man übrigens unbedingt sein Unverständnis äußern! Immerhin ist man Fan von Kevin Spacey in seiner Rolle des Frank Underwood, welcher in Washington immer wieder mit der Präsidentschaft spielt. „Die Parallelen zu Trump und dem realen Politikbetrieb sind ja mitunter frappierend.“ Dieser Einwurf macht sich ebenfalls gut.

Ohne Serienkenntnisse gilt man schnell als Apatosaurus der klassischen Unterhaltungswelt. Selbst wenn einem „GZSZ“, die Free-TV Premieren der Privatsender und „Schlag den Star“ genug an Berieselung nach der Arbeit sind, so muss man sich noch lange nicht vor aller Welt als Langeweiler outen.

Binge Watching bedeutet: Komaglotzen. Ganze Staffeln am Stück. Profis öffnen höchstens dem Pizzaboten die Tür.

Es genügen durchaus auch oberflächliche Kenntnisse zu aktuellen Serien, welche man natürlich parallel schaut. Um die Wartezeit auf neu produzierte Staffeln zu verkürzen. Natürlich hat man auch nicht das Wochenende damit verbracht, Katzenstreu zu kaufen und die Steuererklärung zu erledigen, sondern man hat natürlich intensives Binge Watching betrieben. Dieser sogenannte „Serien-Marathon“ oder auch: „Komaglotzen“ bedeutet: Man suchtet ganze Staffeln am Stück durch und öffnet zwischendurch bestenfalls dem Pizzaboten in Jogginghose die Tür. Wahrscheinlich würden Extremsportler in Sachen Netflix sogar auf die Hose verzichten, um Zeit zu sparen.

Dabei schauen wir natürlich auch ohne Abo gerade „Stranger Things“, „Orange Is the New Black“ und neuerdings auch „13 Reasons Why“, das in der deutschen Version „Tote Mädchen lügen nicht“ heißt. Wo man gerade bei der Staffel ist? Man hat sie natürlich längst durch, war mit dem Ende nicht ganz so zufrieden, will aber auch nicht die Überraschung spoilern. Zur Not einfach behaupten, dass man eben erst gelesen hätte, dass von jener Serie ja endlich eine neue Staffel angekündigt worden ist und man es kaum abwarten könne. So kommt man schnell aus der Nummer raus. Wie sagte Hannibal vom „A-Team“ immer so schön: „Besser ein hastiger Fluchtversuch, als ein versohlter Hintern.“

Letzte Ausflucht für alle, die um jeden Preis mitreden wollen: das Buch.

Mit diesem Wissen sollte man eigentlich jeden Smalltalk mit ein paar Phrasen, Titeln und Eigenheiten von Netflix bereichern können. Dabei will ich aber als ehemaliger Dino mit Kabelanschluss auch eine Warnung aussprechen. Dieses Netflix macht süchtig und hier im Haushalt wird kaum mehr klassisches Fernsehen geschaut. Die Serien sind verdammt gut geschrieben und ich mittlerweile in der Neuzeit der Unterhaltungskultur angekommen.

Einen letzten Tipp habe ich aber noch, falls man sich gar keine Infos zu Netflix merken kann und doch irgendwie mitreden will. Man kann einfach sagen: „Ich habe das Buch ‚The Operators’ gelesen, welches die Vorlage für den Netflix-Film ‚War Machine’ mit Brad Pitt war." Immerhin sind Bücher meist die Vorlagen für gute Serien.