Den Begriff „Cosplay“ müssen viele Menschen erst mal googeln, auch wenn sie ihn vielleicht schon mal gehört haben. Dahinter verbirgt sich kein kosmisches Spiel, sondern eine besondere Kunst der Verkleidung. Venezianischer Maskenball trifft auf das Zeitalter der Videospiele.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
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WARUM VERKLEIDET SICH mein Sohn als Figur aus einem Videospiel und bastelt sich über Wochen aus Pappe und Nylon das Kostüm für die Comic Con? Cosplay ist heute ein echtes Event und Happening. Hat man sich früher noch beim Karneval als Feuerwehrmann verkleidet und wusste am Morgen darauf seinen Vornamen nicht mehr, so verzichtet die Jugend heute sogar weitestgehend auf alkoholische Getränke bei ihren Conventions. Die Kunst steht im Vordergrund und die Kostüme werden so exakt wie möglich an das Original aus dem Videospiel angepasst. Das ist übrigens oft gar nicht so einfach, denn Charaktere aus Videospielen haben ja nicht selten acht Beine, Frisuren mit doppelten Loopings und Kleider aus fernen Galaxien. Mitunter kann so ein Kostüm daher schon eine echte Wertanlage sein.

„Cosplay als Update für den Karneval? Natürlich nicht. Das Kostüm ist nur die halbe Miete.“

Schon 1983 fand das Wort Cosplay erstmalig Verwendung in Japan und beschrieb dabei eine Mixtur aus Kostüm und Spiel. Die Japaner haben als Urheber des Trends sogar eigene Regeln rund um das Cosplay erfunden. Einige Stars der Szene verkaufen mittlerweile Sammelkarten mit ihren Outfits. Sie werden als Highlight auf Veranstaltungen eingeladen, haben ihre eigene Fangemeinde und dürfen auch nicht ohne Weiteres ein anderes Kostüm anlegen. Sie sind für eine Zeit an den Charakter gebunden.

Rob Vegas: Cosplay – Bogenschützin
NUR EIN SPIEL? Manchmal ist Cosplay mehr als das

Muss es sich immer um Figuren aus Videospielen handeln? Mitnichten. Mittlerweile gibt es in der virtuellen Welt unzählige Helden. Angefangen hat es einst mit den Comicfiguren aus Asien. Wahrscheinlich schlagen mich jetzt gleich einige Cosplayer mit Schwertern aus Pappe, weil ich einfach das Wort „Comic“ benutzt habe. Natürlich sind es Manga und Anime. Ich bitte, dies einem alternden Mann nachzusehen. Hätten wir damit Cosplay für alle kommenden Generationen als Update des klassischen Karnevals entmystifiziert? Natürlich nicht. Ein einfaches Kostüm ist nur die halbe Miete.

„Cosplayer sind Teamplayer. Nicht selten führen sie ganze Szenen, Showkämpfe und bekannte Dialoge auf.“

Man kann Cosplayer leicht wegen ihrer Outfits belächeln, doch dahinter steckt viel Arbeit. Vor allem kennt die Liebe zum Detail oft keine Grenzen. Da wird mit Make-up experimentiert, selbst geschneidert und auch Lichteffekte werden exakt nachempfunden. Lara Croft ist da noch vergleichsweise einfach mit zwei Apfelsinen und engen Hotpants umzusetzen. Cosplayer sind aber nicht selten geradezu verliebt in ihre virtuellen Vorbilder. Da gibt es sogar noch eine leicht erotische Komponente, womit wir wieder beim Kölner Karneval angekommen wären. Nur träumen Cosplayer nicht vom wahllosen Beischlaf mit verkleideten Krankenschwestern, sondern von einer Affäre mit einem Charakter aus der virtuellen Welt.

Rob Vegas: Cosplay – Manga
TRAUMWELT: Manche Cosplayer verlieben sich in ihre virtuellen Vorbilder

Beide Vorstellungen dürften in der Realität oft zu Enttäuschungen am nächsten Morgen führen, doch gibt es im Land der aufgehenden Sonne sogar spezielle Cafés, wo die Gäste in Cosplay-Outfits bedient werden. Es ist eine eigene Subkultur und die Community weltweit über Social Media immer besser vernetzt. Vor allem aber sind Cosplayer auch echte Teamplayer. Nicht selten führen sie auf Events und Wettbewerben ganze Szenen, Showkämpfe und bekannte Dialoge auf der Bühne vor. 

Cosplay wirkt vielleicht auf den ersten Blick wie eine bunte Freakshow, aber die Macher nehmen ihr besonderes Hobby sehr ernst. Mich begeistert daran immer wieder der Gedanke, dass virtuelle Welten und Charaktere keine Grenzen kennen. Ich kann mich als Designer eines Videospiels wirklich austoben und selbst die Gravitation außer Kraft setzen. Ich kann verrückte Glanzeffekte für den Kampfanzug wählen, die Haare in allen Farben leuchten lassen und mir sogar eigenes Schuhwerk ausdenken. Es ist oft unmöglich, diese wahnwitzigen Figuren in der Realität abzubilden. Cosplayer aber nehmen sich dieser großen Herausforderung an. Ich selbst bin dagegen schon mit der Suche nach einem passenden Kostüm für den Karneval hoffnungslos überfordert.