Ich bin kein großer Freund von Knäckebrot, doch anscheinend können viele Jugendliche aktuell nicht genug davon bekommen. Immerhin hält die halbe Gesellschaft unter zwanzig Jahren ihr Smartphone unterwegs wie ein Knäckebrot vor den Mund. Nur warum? Welchen Vorteil bietet diese Art der Kommunikation?

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de
SEIT EINIGER ZEIT fühle ich mich mit Smartphone, Social Media Apps und Headset im Ohr einfach extrem oldschool. Habe ich etwa zwischen Pokémon Go und Fidget Spinnern mittendrin noch einen wichtigen Trend verpasst? Die Tagesschau hat mich auch nicht darüber informiert. Muss ich jetzt etwa auch mitmachen, um nicht wie ein klassisch telefonierender Greis zu wirken?

Vor allem aber habe ich bis vor kurzem lange nach dem Grund für diesen Trend gesucht. Man könnte so natürlich Sprachnachrichten bei WhatsApp versenden, aber müsste sie dann doch am Ohr wieder von der Gegenseite abhören. Da könnte man ja auch gleich anrufen?! Viele dieser Aliens tragen aber gar kein Headset. Ich war in einem Dilemma gefangen. Warum zum Henker hält man sein Smartphone wie ein Knäckebrot in der Hand vor dem Mund? Zum Glück konnte ich mich mittlerweile erkundigen. Ich habe mich getraut, blöd nachzufragen und erntete ein gewisses Unverständnis.

„Telefonieren ist so angesagt wie lineares Fernsehen“

Die einfache Lösung dieses Rätsels wirft gleichzeitig eine komplett neue Welt an Fragen auf. Damit werden sich noch in Zukunft tausende von Wissenschaftlern die Nächte um die Ohren hauen müssen. Junge Leute hassen es anscheinend vermehrt, klassisch zum Hörer zu greifen. Telefonieren ist angesagt wie lineares Fernsehen. Man versendet lieber schwedische Sprachnachrichten, als direkt mit einem Mitmenschen zu kommunizieren. So muss man kein Gespräch mehr in Echtzeit führen und die Stimmung der Gegenseite erraten, sondern kann einfach „Ansagen“ machen und sich eine gute Antwort überlegen. Vor allem aber birgt die Kommunikation per Sprachnachricht wohl auch noch den Vorteil, dass man sich keine Zeit mehr für ein ganzes Telefonat nehmen muss. Man kann einfach zwischen Snapchat-Video, den Hausaufgaben und einer Tafel Einhorn-Schokolade ein zeitversetztes Gespräch über den kompletten Tag führen.

Die klassische Telefonie nutzen dagegen nur noch Menschen, welche auch noch einen Walkman bedienen können. Die Frage „Kannst Du mich jetzt besser hören?“ ist damit bald Geschichte. Nie mehr schnell eine Ausrede aus dem Hut zaubern müssen, weil man keine Lust auf Kaffee und Kuchen bei Oma hat. Das Freizeichen dürfte schon in Kürze zum Weltkulturerbe erhoben werden. Es wird sogar, und da war ich wirklich geschockt mit meinen gerade einmal 33 Jahren, als sehr unhöflich empfunden, wenn man denn einmal tatsächlich angerufen wird. Wie soll man nur diesem Druck standhalten, wenn man sofort auf das Gesprochene der Gegenseite reagieren muss? Absolutes No-Go und anscheinend ein echter Stimmungskiller.

Rob Vegas
ECHTE REBELLEN greifen wieder zum Hörer und sprechen miteinander

Nach diesen Erkenntnissen bin ich immer noch ein wenig neben der Spur. Ich empfand das klassische Telefongespräch bislang immer als schnellste Art der Problemlösung. Man schreibe mir bitte keine Mail, sondern rufe doch einfach kurz durch. Zur schnelleren Genesung meines Selbstwertgefühls, werde ich wohl freiwillig meinem Papa zum achten Mal die Funktionsweise von WhatsApp erklären. Nur so kann ich mich jetzt noch halbwegs so fühlen, als sei ich ganz nah am Lifestyle zwischen Bibis Beauty Palace und der Instagram-Story von Sami Slimani dran. Zumindest meinem einjährigen Sohn bin ich noch auf lange Sicht beim Mario Kart überlegen.

„Die klassische Telefonie mit ihren gesprächstechnischen Kniffen wird zu einer echten Kunstform.“

Auf der anderen Seite wird so aber die klassische Telefonie mit ihren gesprächstechnischen Kniffen zu einer echten Kunstform. Anscheinend werden wir damit zu den neuen Jedis der Telekommunikation. Wie echte Rebellen nehmen wir einfach den Hörer ab, begrüßen unser Gegenüber mit einem „Hallo“ und sprechen miteinander. Wahrscheinlich wird es schon bald professionelle Coachings für diese Art der Kommunikation geben. Oder werden wir als aussterbende Spezies unter Artenschutz gestellt?