Spickzettel wurden in meiner Jugend noch auf Papier geschrieben, anständig klein gefaltet und irgendwo seitlich im Schlampermäppchen versteckt. Wahrscheinlich kennt man heute aber nicht einmal mehr den Begriff der „Schlampermappe“. Aber das Spicken hat sich in der digitalen Welt extrem weiterentwickelt.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
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DANK NEUER Verwandtschaft in Kroatien werde ich auch über die dortigen neuen Trends unter jungen Leuten auf dem Laufenden gehalten. Da war ich neulich beim Videoanruf mit Dubrovnik doch sehr verblüfft über die neuesten Methoden in Sachen Spickerei. Einen kleinen Papierschnipsel in die Abdeckung des Taschenrechners einkleben? Ganz alter Hut! Dafür wurde ich erst mal ausgelacht. Heutzutage ist das Smartphone der Helfer in der Not bei Klassenarbeiten.

Ich wurde neugierig und fragte genauer nach, weil ich es einfach nicht verstehen wollte. Nennen wir meine Verwandte aus Kroatien an dieser Stelle ruhig Barbara. Immerhin nutzen clevere Lehrer mittlerweile auch das Internet zur Recherche. Mit ein paar Klicks würde man Babsi sehr schnell in meiner Kontaktliste bei Facebook finden. Babsi erklärte mir die neue Technik für den alten Mann von 1984 im Detail.

„Auch im Jahr 2017 darf man bei einer Klassenarbeit nicht einfach sein Smartphone auf den Tisch legen.“

Erst einmal wird eine Grafik mit den nötigen Notizen angefertigt. Dazu gibt es mittlerweile hunderte von kostenlosen Apps, oder man knipst ein Foto vom klassischen Papierzettel. Dieses wird dann als Bild für den Homescreen bei iOS/Android im System hinterlegt. Immerhin darf man auch im Jahr 2017 bei einer Klassenarbeit nicht einfach sein Smartphone dreist auf den Tisch legen. Es muss geradezu unsichtbar werden und so braucht es ein wenig David Copperfield für die Prüfungssituation. Babs steckt sich ihr präpariertes Smartphone mit Spicker auf dem Homescreen seitlich in den Socken. Wie bitte?! Da ist es ja vollkommen unzugänglich! Krabbelt jetzt etwa die Jugend der Welt bei jeder Klassenarbeit auf dem Boden herum, weil man angeblich schon wieder den Füller hat fallen lassen?

Mitnichten. Es ist viel einfacher. Babsi muss nun einfach gelangweilt ihr Bein anheben und den Fuß auf ihrem Oberschenkel ablegen. Das fällt nicht auf und gibt ganz nebenbei den direkten Blick auf den Bildschirm frei. Man muss lediglich den Socken etwas nach unten schieben und schon wird der Spicker sichtbar. Er verschwindet sogar wieder automatisch, weil das Smartphone nach einiger Zeit wieder in den Stand-by-Modus wechselt. Clever!

Spicken damals
FRÜHER: analoge Technik mit begrenztem Speicherplatz

Ich kam mir in diesem Gespräch vor wie ein Überlebender der Inka-Zeit. Als ob ich mein Abitur auf der Sonneninsel im Titicacasee gemacht habe. Nebenbei hatte ich letztens bereits erfahren, dass man im Unterricht auch keine Kreide mehr benutzt. Da gibt es jetzt Whiteboards und auch der verhasste Overhead-Projektor steht längst im Museum.

Allerdings wollte ich mich von Babsi nicht gänzlich aufs Abstellgleis schieben lassen. Mit ihrer Technik bräuchte es doch meiner Meinung nach gar keinen Spicker-Homescreen mehr. So könnte man doch einfach das Telefon entsperren und schnell die Lösung bei Google und Wikipedia finden. Wieder lachte sie mich aus. Nur Trottel würden sich durch auffällige Wischgesten verraten. Lehrer haben in den meisten Fällen immer noch ein Auge auf ihre Schülerinnen und Schüler. Daher würde zu viel Gefummel an den Socken auch nicht für extremen Juckreiz gehalten werden, sondern die smarte Spickerei auffliegen lassen. Es dürfe halt – wie früher – bestenfalls ein schneller Blick sein. Dazu eigne sich ein angepasster Homescreen perfekt.

Spicken heute
HEUTE: digitale Spickzettel-Kollektion bei pinterest.

Mich erinnerte diese Beschreibung an ein Gespräch mit einem Lehrer an meiner alten Schule: Er fand schon zu meiner Schulzeit das Spicken in Ordnung, weil es später im Leben niemals eine solche Situation geben würde. Heute haben wir 24 Stunden Zugang zu Informationen aus dem Netz und dürfen sie bei einer künstlichen Prüfungssituation nicht nutzen. Das erscheint vielen Schülern unzeitgemäß.

Beim nächsten Videoanruf muss ich Babsi nun erklären, dass ich ihre Methode im Online-Magazin von Coca-Cola veröffentlicht habe. Vielleicht können sie diesen Text ja mal im Deutschunterricht besprechen. Den hat sie nämlich diese Woche wieder.