Ein Gespräch mit Holger Hoffmann, Bundesgeschäftsführer Deutsches Kinderhilfswerk e.V.

WENN HOLGER HOFMANN auf einen Spielplatz geht, ist sein Interesse beruflicher Natur. Sein Sohn ist 18 und damit dem klassischen Spielplatzalter entwachsen. Eigentlich. Denn so ganz lassen wir Spielplätze nie hinter uns. Sie prägen unsere Kindheit und Jugend, hier lernen wir klettern, balancieren, experimentieren, streiten, teilen. Später verbringen wir als Eltern viel Zeit zwischen Schaukel und Wasserpumpe und bestimmt werden wir als Großeltern wieder zum Anschubsen gebraucht.

Zum Beispiel auf  dem Pippi-Langstrumpf-Spielplatz in Berlin-Charlottenburg. Hier treffen wir Holger Hofmann, den Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Drei mal drei macht sechs

Ein großer Garten mit Büschen, Bäumen, hier und da ein Klettergerät mit Rutsche, Netzen, Leitern, Stangen, Brücke – und mittendrin die Villa Kunterbunt mit Kletterparcours. Der Pippi-Langstrumpf-Spielplatz ist wirklich wild und kunterbunt. Im Auge des Fachmanns ist er schon sehr gelungen aber noch nicht perfekt: „Es gibt kaum rechte Winkel und wenig ist hier ordentlich und gerade. Das ist toll. Aber es ginge noch mehr.“ Die Treppe zum Gerüst etwa ist einfach nur eine Treppe. Spannender wäre sie, wenn die Abstände variieren würden und Kinder schon beim Aufstieg ein bisschen gucken müssten, wie sie mit dem Chaos klarkämen. Das Leben ist schließlich auch nicht gerade.

 

Spielplätze sollen ein wenig Unordnung in das durchorganisierte Kinderleben bringen.


Chaos, sagt Hofmann, kommt in der Kindheit viel zu wenig vor. Spielplätze sollten ein wenig Unordnung in das durchorganisierte Kinderleben bringen. „Ein Spielplatz ist für Kinder gleichzeitig ein sicherer und ein wilder Ort. Hier lernen sie Koordination, Bewegung, Miteinander. Sie lernen, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, auf eine Rutsche zu kommen und sie erfahren, dass sie immer wieder hinfallen und aufstehen können. Außerdem ist der Spielplatz meist der erste Ort, an dem Kinder frei sind.“ Von Kindern, die frei die Villa Kunterbunt erkunden, kann an dem Nachmittag allerdings keine Rede sein. Die meisten kommen in Begleitung ihrer Erziehungsberechtigten. Und da sieht der Experte ein Problem. Pippi Langstrumpf wird beneidet weil sie den lieben langen Tag tun und lassen kann was sie will. Sie muss nicht zum Englischkurs, zum Ballett oder zum Geigenunterricht. Außerdem klettert ihr niemand hinterher.

Kinder haben ein Recht auf die eigene Beule. Klingt hart, ist aber logisch.


Natürlich müssen Einjährige noch begleitet werden. Aber irgendwann sollten Mütter und Väter lernen, ihren Kleinen auch etwas zuzutrauen. „Ein Spielplatz ist nicht nur ein wichtiger Ort für Kinder, sondern auch für Eltern. Kinder loszulassen ist mit Ängsten verbunden. Am besten halten Eltern sich fern. Nur so werden sie erleben, dass es funktioniert. Kinder haben eine gesunde Einschätzung, was sie sich zutrauen können und was nicht.“ Problematisch wird es nicht, wenn die Kinder selbst klettern, sondern wenn sie von ihren Eltern angewiesen werden: „Kinder haben ein Recht auf die eigene Beule. Klingt hart, ist aber logisch. Wer mit zwei Jahren nicht hinfällt, hat mit sieben Jahren ein Problem. Reflexe bilden sich nicht von heute auf morgen und später wird das Hinfallen schmerzhafter. Tatsächlich stellen die Unfallkassen fest, dass es im Schulsport zu deutlich mehr Verletzungen kommt, weil überbehütete Kinder nicht lernen, mit Risiken umzugehen.

 

Pippi-Langstrumpf-Spielplatz, Berlin
HERR NILSSON ist auch dabei

Ein Äffchen und ein Pferd

Angst muss man im Zusammenhang mit den Spielplätzen nicht nur den Eltern nehmen, sondern auch den Kommunen. Dort regiert unter anderem die Angst vor Jugendlichen, die sich auf Spielplätzen breitmachen. Dabei kommen Jugendliche meist erst auf dem Spielplatz, wenn die jüngeren Gäste längst zuhause sind. Sie setzen sich, quatschen und gehen wieder. Auch Jugendliche brauchen einen Platz und wenn ihre Interessen ernstgenommen werden, nehmen sie auch Rücksicht auf ihre Umgebung. Schwieriger wird es, wenn man versucht, Kinder und Jugendliche durch Öffnungszeiten, Zäune und Reglementierungen fernzuhalten. Gerade Jugendliche sehen es als sportliche Herausforderung, sich Beschränkungen zu widersetzen. Und wenn sich Nachbarn über Lärm beschweren, wünscht sich Holger Hofmann von den Kommunen, dass sie sich, statt Verbotsschilder auszupacken, vor die Kinder stellen und ihre Interessen vertreten – so wie es die UN-Kinderrechtskonvention vorsieht.

Unser Einmaleins

Die Straße ist als Aufenthaltsort für Kinder längst verschwunden und Brachflächen gibt es in Städten kaum noch. Selbst auf dem Land, das gelegentlich als Kulisse für die romantische Verklärung der idealen Kindheit herhalten muss, gibt es für Kinder wenig Raum. Spielplätze sind – in der Stadt und auf dem Land – die letzte Bastion kleiner Eroberer. Dabei sind sie nicht nur wichtig für die Kinder, sondern für die ganze Gesellschaft. An keinem anderen Ort findet eine solche Durchmischung der sozialen Sphären statt. Hier machen Kinder den ersten Schritt, um sich ihre Stadt und ihre Welt zu erschließen. Fehlt der erste Schritt, gerät die Entwicklung ins Stolpern.

Die Welt wie sie uns gefällt

Wenn Holger Hofmann sich an seine private Spielplatzzeit erinnert, denkt er vor allem an die Begegnungen mit fremden Kindern. „Auf dem Spielplatz konnten die Kleinen – und wir als Eltern – komplett neue Situationen erleben. Spielen die Kinder miteinander, streiten sie sich, verstecken sie sich? Es war immer wieder spannend.“ Spannend bleibt die Situation auch auf dem Pippi-Langstrumpf-Spielplatz in Charlottenburg. Eine Vierjährige schickt ihren Vater weg, weil sie alleine an der Wasserpumpe matschen will. Das ist ein Anfang. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.