Véronique Witzigmann ist Unternehmerin, Autorin („Rettet die Tafelrunde!“) und Tochter des Jahrhundertkochs Eckart Witzigmann. Mit dem Coca-Cola Happiness Institut sprach sie darüber, wie gemeinsame Mahlzeiten auch ohne Stress gelingen und warum Erziehung am Esstisch zwecklos ist.

Frau Witzigmann, früher war es ganz normal, mehrmals täglich zusammen mit der Familie zu essen. Wie steht es heute um die gemeinsamen Mahlzeiten?

Viele Familien finden wegen der unterschiedlichen Zeitpläne nur noch abends für ein Essen zusammen – wenn überhaupt. Die Schulen enden teils erst nachmittags, viele Mütter arbeiten, dazu kommen oft noch die Hobbies der Kinder und Eltern. Ich glaube allerdings nicht, dass früher alles besser war. Wir müssen schauen, wie wir uns als Familie Haltepunkte setzen. Das ist auch eine Frage der Priorität. Wenn ich einmal pro Woche ins Fitnessstudio oder zum Fußball gehe, schaffe ich mir den Freiraum ja auch.
Viele fühlen sich dennoch gestresst, wenn sie neben Job und Familie jeden Tag eine Mahlzeit zubereiten sollen, die allen schmeckt.
Man sollte die Erwartungshaltung herunterschrauben und sich keinen Druck machen, dann klappt es auch. Schließlich muss es nicht immer das große Menü mit mehreren Gängen sein. Kleinigkeiten wie selbstgemachtes Pesto mit Nudeln oder ein frischer Salat sind schnell zubereitet, im Winter etwas Warmes wie eine schnelle Kartoffelsuppe oder Bratkartoffeln mit Spinat. Dabei kommt es weniger auf komplizierte Rezepte als auf die Qualität der Lebensmittel an.
Und wenn durch Job und Hobbies die Zeit fehlt, alle einmal täglich um den Tisch zu versammeln?
Wichtiger als die Quantität ist die Qualität. Wenn der Job nur am Wochenende Zeit lässt, dann muss ich die Priorität eben dort setzen. In meiner Familie haben wir früher auch immer nur am Wochenende zusammen gegessen, das ging gar nicht anders. Trotzdem gibt es einem Kind Sicherheit, weil es weiß: Jetzt kommt meine Zeit, dann sind die Eltern nur für mich da. Das ist besser als siebenmal die Woche nur halbherzig zusammen zu essen und nicht wirklich mit dem Kopf anwesend zu sein.
Wie profitieren Kinder von gemeinsamen Mahlzeiten?
Véronique Witzigmann

Véronique Witzigmann: Die Tochter des bekannten Sternekochs Eckart Witzigmann hat eine Leidenschaft für hochwertige Lebensmittel und ein harmonisches Beisammensein am Tisch


Beim gemeinsamen Tafeln fühlen sie sich geborgen und wissen: Hier kann ich von meinen Sorgen erzählen, jetzt gibt es Zeit für den Austausch. Nebenbei lernen die Kinder unbewusst von uns Erwachsenen. Oder wie Karl Valentin gesagt hat: „Erziehung ist zwecklos, sie machen uns sowieso alles nach.“ Wir sind die Vorbilder: Wie verhalte ich mich am Tisch, wie führe ich ein Gespräch, lasse ich den anderen ausreden? Wie führe ich Messer und Gabel, wie teile ich mein Essen mit den anderen? Wenn ich als Kind schon eine Tischkultur erlebt und gelernt habe, gibt mir das eine Sicherheit und ein Auftreten, das im späteren Berufsleben bei zum Beispiel Geschäftsessen zu Gute kommen. Mittlerweile gibt es auch Firmen, die ihren Lehrlingen entsprechende Tischkultur vermitteln. 
Am Familienesstisch geht es oft sehr emotional zu – wie wichtig ist Harmonie?
Ich würde empfehlen, Streitgespräche so gut wie möglich auszuklammern, ebenso wie zu viel Erziehung am Esstisch: das klassische „warum isst du keinen Salat, du hast das liegengelassen“ und so weiter. Der Familientisch ist sicher nicht der richtige Ort, um Konflikte auszutragen. Das Essen sollte eine Zeit sein, die man gern zusammen verbringt.
Ihr Vater Eckart Witzigmann wurde vom französischen Restaurantführer Gault Millau zum „Koch des Jahrhunderts“ gekürt und erhielt für sein Münchner Restaurant Aubergine mehrfach drei Michelin-Sterne. Wie sehr hat er Sie zum Kochen inspiriert?
Durch meinen Vater bin ich sozusagen erblich vorbelastet, die Liebe zum Kochen ist allerdings mehr durch meine Mutter, meine Großmutter und meine Großtante entstanden. Mit der Kochkunst von allen dreien beschäftige ich mich heute noch gern. Was mein Vater aufgebaut hat war etwas Großartiges. Ich selbst habe nie damit geliebäugelt Koch zu werden, aber er hat mich sehr geprägt in Bezug auf Achtsamkeit mit Lebensmitteln.
Was ist Ihre liebste Kindheitserinnerung ans Kochen und Essen?
Ich wollte immer gern mitrühren. Mein Vater hat ja viel gearbeitet und nicht so oft zu Hause gekocht. Einmal jedoch, da muss ich vier oder fünf gewesen sein, sagte er: Heute machen wir Schokoladenmousse, und du darfst mitmachen. Ich konnte kaum über die Küchenplatte gucken. Ich weiß noch genau, wie er die Schokolade geschmolzen und die Sahne geschlagen hat. Als wir dann gegessen haben, war ich so unglaublich stolz, dass ich mithelfen durfte. Das ist eine ganz warme Erinnerung.


Véronique Witzigmanns Einkaufstipp:

Ich trage immer eine kleine Karteikarte im Portemonnaie mit mir, auf der diverse Gerichte stehen. Wenn ich abends durch den Supermarkt flitze, muss ich nur kurz drauf schauen und habe eine Inspiration, was ich kochen könnte. Hilfreich kann auch ein Wochenplan sein, in den jedes Familienmitglied ein Wunschgericht eintragen kann. Grundsätzlich würde ich empfehlen, regional und saisonal einzukaufen: weil es Abwechslung bringt und meist auch günstiger ist.


Noch mehr zu Genuss und Lebensfreude:

Möchten Sie auch einen persönlichen Tipp für stressfreies Familienessen mit uns teilen? Tragen Sie ihn einfach im Kommentarfeld ein!