Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: vegan leben

Hier hörst du die Kolumne von Piri Sonnenberg als Podcast:


HEUTE IST WORLD VEGAN DAY, der Weltvegantag, und ich habe beschlossen, mich endlich der geheimnisvollen Spezies der Veganer zu nähern. Bislang lebten sie für mich auf einem fremden Planeten, ähnlich wie Klingonen oder Romulaner in „Star Trek“. Zeit meinen Horizont zu erweitern!

Mein besseres Ich - veganes Essen
ENTSCHEIDUNG beim Einkauf: In diesem Fall eine leichte

Mit Ehrfurcht blickte ich seit jeher auf den vorbildlichen Lebenswandel dieser Sternenwesen, die alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren mit höchster Wachsamkeit vermeiden. Unermüdlich suchen sie nach Alternativen für Essen, Kleidung oder Kosmetik, die nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Umwelt zum Vorteil gereichen sollen. Ich würde gerne auch so durch und durch gut sein.

„Womit fange ich an? Milch, Eier, etwas Knackiges auf’s Brot. Ups! Schon reingefallen.“

Aber dazugehören? Ich, die mit Würstchen, Sonntagsbraten und Hektolitern Trost-Kakao auf Omas Ledersofa großgezogen wurde – wer würde mir, mit meinen horrend hohen Neandertaleranteilen Einlass in den veganen Himmel gewähren?

Ich fasse mir ein Herz. Den Mutigen gehört die Welt. Ich will 30 Tage konsequent vegan leben und mir über die Herkunft von allem bewusst werden, was ich mir tagein, tagaus reinpfeife, den Nagellack auf meinen Neandertalerpfoten inklusive. Ich will kein Leid mehr verursachen wegen meiner niedrigen Bedürfnisse wie Hunger oder Durst.

Mit klopfendem Herzen betrete ich den Bioladen. Womit fange ich an? Milch, Eier, etwas Knackiges auf’s Brot. Ups! Schon reingefallen. Gut. Von vorn. Reis-, Mandel-, Hafer-, oder Sojamilch. Brot geht, glaube ich, durch den TÜV, Anfängerfehler seien mir verziehen. Eier lassen wir schön bleiben und auf das Brot gibt es etwas Pflanzliches.

Mein besseres Ich - veganes Essen
AUCH AUS diesem Einkauf kann ein Dinner bei Kerzenschein werden

Ich laufe durch die Regale wie eine verwirrte Stubenfliege im Winter. So lange und orientierungslos, bis die Verkäufer Verdacht schöpfen, mich diskret im Auge behalten und immer dort, wo ich vorbeiflirre, auffällig lange die Dosen in den Regalen geraderücken. Nicht mein Problem. Ich folge meinem edlen Ziel. Tauche mit meinem Stoffbeutel in die unendlichen Weiten des veganen Universums. Meine Finger streicheln ehrfürchtig Packungen mit veganem Speck, Sojaschnitzel, Kassler und Cordon Bleu frei von Fleisch, Milch, Gluten, Laktose und sogar Palmöl, für dessen Anbau der Regenwald sterben muss. 

„Wie in aller Welt stellen sie vegane Chorizo her? Egal, das kommt alles mit.“

 

Ich will definitiv glückliche rosa Ferkelchen über die Wiese hüpfen sehen! Also wiege ich vegane Streichpastentöpfchen in der Hand, lese das Kleingedruckte auf pflanzlichen Genießerscheiben, für die ich mich nicht mehr schämen muss. Wie in aller Welt stellen sie vegane Chorizo her? Egal, das kommt alles mit.

Ich muss mir eingestehen, dass mir der Film, „Brust oder Keule“ mit Louis de Funès in den Sinn kommt. Pardon! Schmutzige Gedanken, schon wieder weggepustet. Im Film sind es die Bösen, die Lebensmittel mit künstlichen Massen herstellen, um die Menschen zu täuschen.

Bei Seidentofu halte ich inne, das klingt noch am ehesten nach einem candle light dinner. Beim Wein jedoch: Vorsicht! Da sind Hilfsmittel wie Hühnereiweiß, Milchprodukte, oder Gelatine von Rindern- oder Schweinen erlaubt. 

Mein besseres Ich - veganes Essen
KOSMETIK und Kleidung aus Tierprodukten sind für Veganer ebenfalls tabu
 

Ich flüchte mich in den Kosmetikwinkel. Hole mir frischen Mut, indem ich an dem Karton mit pflanzlichen Zitronengrasseifen schnuppere. Nun kann ich mich der nächsten Herausforderung stellen. Nie wieder soll blütenzarten Häschen bei Versuchen Haarspray in die empfindlichen Augen gesprüht werden! Nie wieder verängstigten Mäusen Duschgel in die Haut geätzt werden. Reumütig denke ich an meine klatschmohnrote Lippenstiftsammlung, deren wahrer Inhalt ... – nein, das mag ich nicht hinschreiben. Auch will ich kein Rinderfett in meinem Haar wissen und ganz bestimmt keine Fischleber in meinem Gesicht. Nochmal an der Rosenseife riechen, bis ich wieder klar im Kopf bin: Ich lasse für die nächsten 30 Tage die Kriegsbemalung bleiben und entscheide mich für die Zahnpasta mit Fenchel.

Kurz vor der Kasse kommt die Gesinnungskrise. Was mache ich eigentlich mit meiner Lederjacke und den Schuhen und Taschen aus Leder? Was ist mit meinen Wollpullovern und meiner liebsten Seidenbluse? Und was ist mit „Erbse“, meinem Hund, einer wilden Promenadenmischung? Soll er auch Veganer werden? Ich kralle mir das Hundefutter mit Soja, Gemüse und Hagebutten. Versuchen wir es.

Mein besseres Ich - veganes Essen
PEACE!
  

Feierlich breite ich meine Beute auf dem Küchentisch aus. Erbses Ohren sind aufgerichtet. Voller Neugier schaut er mich an. Seine schwarzen Olivenaugen glänzen. Noch weiß er nicht, was ihm blüht. Ich blicke mich in meiner Küche um. Alles Feinde. Es wird nicht einfach werden. Bislang habe ich viel zu wenig auf die Herkunft meiner Lebensmittel geachtet und bin nur meinen gefräßigen Gelüsten und Gewohnheiten gefolgt.

Cool bleiben, Piri, sagt mein besseres Ich. Fang einfach an. Lass die grünen Töpfe tanzen.

Ich will mein erstes veganes Essen zubereiten, erstmal für mich allein, um meine Liebsten sanft auf die ganze Wahrheit vorzubereiten. Plötzlich packt mich meine wilde Natur. Ich will noch ein letztes Mal etwas Verruchtes tun. Ich schnappe mir Erbse und eile die Treppen hinunter ins Freie. Ich lasse dem Hund und meinen Gedanken freien Lauf. Alle Grillfeste und Einkaufsexzesse, alle Lederwaren meines Lebens – was habe ich nicht alles gesündigt... und was für einen Spaß hat es gemacht...

Gierig überfalle ich meinen Späti an der Ecke. Ich schaufele Chipstüten, Trockenwürstchen, Schokoperlen mit inkorrekten Lebensmittelfarben in meine Tasche. Am Getränkeregal schnappe ich mir eine besonders hell leuchtende Limo.*

„Allet vegan!“ sagt der Verkäufer, als er stolz die Flasche hoch hält. „So wat wollen die Leute heute.“

Na dann. Beamt mich hoch, Veggies! Volle Kraft voraus auf die Schneidezähne! Schließlich haben auch die Zwerge mal klein angefangen. Es ist noch kein Veganer vom Himmel gefallen. Werde ich durchhalten? Ich atme tief durch.

Wenn alle Stricke reißen, bleibt mir das Reich der Flexitarier. Das sind Wesen, die manchmal Fleisch essen. Aber nur ein bisschen.

 

* ViO BiO LiMO ist biozertifiziert und vegan. Mit natürlichem ViO Mineralwasser, dem Saft sonnengereifter Früchte aus 100% kontrolliert biologischem Anbau und einem Spritzer Kohlensäure.