Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Kegel. 

Das Ende der Routine 

ES GAB MOMENTE in meinem Arbeitsleben, da dachte ich, alles würde immer so weiterlaufen. Arbeiten in Vollzeit? Eine Selbstverständlichkeit. Mal ändern sich die Aufgaben, mal das Team; wenn es gut läuft bekommt man irgendwann mehr Verantwortung. Geschäftsreisen strukturieren den Monat, Besprechungen den Tag, alles wunderbar. Es dürfte ziemlich lange her sein, dass ich so dachte. Vermutlich drei Jahre. Noch im Mutterschutz dachte ich: easy. Ich komme zurück und mache weiter wie immer. Dann kam Fritz und auf einmal verstand ich, wovon alle sprachen.

Ein Kind bedeutet das Ende der Planbarkeit. Und oft das Ende der Vollzeitstelle.


An der gläsernen Decke  

Die Mama-AG

Mit Selbstverständlichkeiten und Routine ist Schluss, wenn die Verantwortung für ein Kind dazukommt. Selbst mit Super-Tagesmutter, perfekter Kita und gleichberechtigtem Familienleben ist klar: Ein Kind bedeutet das Ende der Planbarkeit. Und – zumindest oft – das Ende der Vollzeitstelle. Das bedeutet in den meisten Fällen, dass Frauen hoffnungsfroh aus einer verantwortungsvollen Vollzeitstelle rausgehen und bei ihrer Rückkehr nach sechs, zwölf oder achtzehn Monaten auf einer Teilzeitstelle geparkt werden. Bei mir war das zwar zum Glück nicht so. Ich habe mich direkt für 30 Stunden verpflichtet, um meinem Arbeitgeber entgegen zu kommen. Aber viel zu oft habe ich bei anderen Müttern gesehen: Für sie war es vorbei mit der Verantwortung im Job. Führungspositionen sind mit 20 Stunden nicht zu wuppen. Weil der rechtliche Anspruch besteht, bekommen die Frauen irgendeine Stelle, auf der sie täglich irgendeinen Kram erledigen, bis am Nachmittag das Kind aus der Kita geholt werden muss. Beförderungen, Geschäftsreisen, Überstunden: No way. Das also ist sie: die gläserne Decke. 
 

Manche Stellen brauchen 40 Stunden Arbeitszeit. Ein Kind passt eigentlich nicht dazwischen. Es geht aber doch. 


Tandem statt Teilzeit

Die Gegebenheiten kennen wir alle. Manche Stellen brauchen 40 Stunden Arbeitszeit. Mit Kind ist das schwer zu schaffen. Eigentlich. Es geht aber doch! Das habe ich neulich von einer Freundin erfahren. Sie kam aus der Elternzeit und wollte wieder einen Job mit Verantwortung übernehmen. Den gab es aber nicht für 20 Stunden. Eine Abteilung so zurechtzuschneiden, dass der Bereich klein genug für sie wäre, schien zu aufwändig, eine Stelle ohne Führungsaufgaben hätte sie gelangweilt und frustriert. Wofür hat sie die letzten Jahre alles gegeben? Zum Glück fand sie eine Kollegin, die vergeblich versuchte, eine Vollzeit-Führungsposition mit ihrem Familienleben zu kombinieren. Der Impuls kam schließlich vom Chef: Tut euch doch zusammen. Gesagt, getan. Die beiden arbeiten seit zwei Jahren im Tandem und alle Beteiligten sind mit der Lösung glücklich: Die Tandemfahrer, der Chef, die Mitarbeiter und die Familien.

 Zwei strampeln, zwei lenken

Natürlich mussten meine Freundin und ihre Kollegin sich erst einmal zusammensetzen und überlegen, wie sie ihren Arbeitsalltag praktisch organisieren. Es gab ja keine Vorbilder. Dann hat sich alles prima zurechtgeruckelt: Beide arbeiten 20 Stunden zwischen Montag und Donnerstag, wenn Freitags etwas zu tun ist, teilen sie sich das auf. Zu wichtigen Meetings gehen sie gemeinsam, zu anderen alleine, Urlaubszeiten sprechen sie ab und den Überblick behält die gemeinsame Assistentin.

Mama-AG – Tandem – Coca-Cola Journey
BEIM TANDEM muss nichts im Alleingang entschieden werden 

Weil beide Frauen unterschiedlich aufgestellt sind, arbeitet jede an den Aufgaben, die ihr am nächsten liegen. Außerdem halten sie sich über alles auf dem Laufenden und besprechen wichtige Entscheidungen. Strategie und Personalentwicklung beschließen sie gemeinsam. Dadurch entfallen lange Übergaben und beide haben immer jemanden, mit dem sie sich beraten können. Nichts muss im Alleingang entschieden werden und als besonderes Bonbon lernen sie auch noch viel voneinander. Selbst im Krankheitsfall wissen Chef und Mitarbeiter, dass eine Tandempartnerin immer am Platz ist. Ideal. Im Grunde ist es eine ganz einfache Rechnung: Die Chance, jemanden zu erreichen ist immer doppelt so groß wie bei einer einzelnen Person. Für die Firma sind die beiden so etwas wie der Hauptgewinn. Zwei Köpfe zum Preis von einem!

Für den Chef ist das Tandem ein Hauptgewinn. Er bekommt zwei Köpfe zum Preis von einem.


Endlich gefunden: die eierlegende Wollmilchsau

Mit der Erreichbarkeit und den Köpfen ist es beim Tandem wie mit allem. Zwei Köpfe denken besser als einer, vier Augen sehen mehr als zwei und zwei Bewerber erfüllen mehr Kriterien als einer. Wer Stellenausschreibungen liest, denkt eigentlich immer, dass er das Profil zu 100 Prozent nicht ausfüllen kann, zu 80 Prozent aber schon. Zu zweit geht das einfacher. Wenn jeder 80 Prozent mitbringt, sind das schon 160. Kein Wunder, dass der Chef meiner Freundin sich freut. Er hat mit dem Tandem die eierlegende Wollmilchsau gefunden. Natürlich sagt auch meine Freundin, dass die Aufteilung bei ihrem Tandem schon ein Glücksfall sei. Ein Argument gegen das Tandem-Modell ist das nicht. Auf der Suche nach dem Glücksfall sind wir schließlich alle.

Das Muster-Tandem gibt es nicht 

Kein Tandem ist wie das andere. Meine Freundin und ihre Kollegin sagen selbst: Letztlich muss jedes Tandem das Zusammenarbeiten individuell organisieren. Aber es ist eine große Chance, das überhaupt organisieren zu können. Jedes Tandem muss darauf achten, wer wie strampelt und wer wann lenkt. Und natürlich muss jeder potentielle Tandempartner überlegen, ob das Teilzeitmodell überhaupt zum eigenen Leben und zur eigenen Arbeitsweise passt. Einzelkämpfer sind auf einem Zweierfahrrad nicht gut aufgehoben. Aber viele andere schon.

Dabei geht es nicht nur um Mütter. Kinder sind schließlich nicht der einzige Grund, aus dem Arbeitnehmer – Männer und Frauen gleichermaßen – von der Vierzigstundenwoche runterwollen. Der eine will sein Kind öfter sehen, der andere will eine Ausbildung zum Yogalehrer machen, der dritte vielleicht seine Memoiren schreiben, seinen Schrebergarten pflegen oder mehr mit dem Hund spazieren gehen. Die „Work-Life-Balance“, so heißt es doch immer, wird für Arbeitnehmer immer wichtiger. Letztlich entscheiden sich die Talente, also Frauen, Männer, Mütter, Väter, für den Arbeitgeber, der ihnen ein flexibles Arbeitszeitmodell bietet UND einen Job, der mehr ist als eine Teilzeit-Beschäftigungstherapie.

Für mehr Experimentierfreude

Das Tandem ist vielleicht nicht für jede Situation geeignet. Aber Situationen ändern sich. Ich habe es gesehen. In vielen Konstellationen ist das Tandem einen Versuch wert. Mir scheint, dass viele Talente frustriert und gestresst in der Teilzeitfalle enden und dann nur noch Dienst nach Plan machen. Mit der Kreativität und Weiterentwicklung ist es dann vorbei. Es geht gerade noch um das „Drin-bleiben“. Wir brauchen aber unsere Kreativität, den Antrieb und unsere Ideen. Und ganz bestimmt brauchen wir mehr Kreativität in Sachen Teilzeitlösung. Übrigens gibt es immer mehr Tandems. Es gibt sie in Großkonzernen, in mittelständischen Unternehmen und in kleinen Firmen. Es gibt sogar schon eine Agentur, die Tandems vermittelt und Arbeitgeber berät. Vielleicht ist das die Zukunft, oder zumindest ein Teil davon. Bei Coca-Cola gibt es übrigens auch schon erste Experimente in dieser Richtung. Ich bin gespannt wie es weitergeht.

Kürzlich habe ich mit einer Expertin über Tandems gesprochen. Das Interview findet ihr hier.  

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