DER MENSCH im 21. Jahrhundert sitzt zu viel. Er sitzt am Schreibtisch, er sitzt in der Schule, er sitzt am Computer, er sitzt vor dem Fernseher, er sitzt beim Telefonieren. Den Weg zur Arbeit legt er im Auto oder im Bus – sitzend – zurück, vor dem Treppensteigen bewahren ihn Aufzug und Rolltreppe. Das trifft nicht nur auf erwachsene Schreibtischtäter zu, sondern mehr und mehr auf Kinder – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.

Das Gehirn braucht Sauerstoff, Herz und Kreislauf auch. Die Knochendichte lässt messbar nach, wenn die Kindheit vor allem sitzend und in geschlossenen Räumen verbracht wird. Übergewicht, Diabetes, Rückenleiden gehören in das Gefolge des sitzenden Lebensstils. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen möchte man doch spontan alle Stühle und Sessel aus dem Haus verbannen und eine Runde um den Block rennen. Genau darum geht es beim Familienaufstand. Mit diesem Spiel wollen die Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb) und die Universität Bielefeld jetzt die ganze Familie vom Hocker reißen.

Spielfeld Familienaufstand

ROTE PUNKTE sind gute Punkte – sie zeigen Bewegung an...


Der Praxistest

„Familienaufstand“ ist für Familien mit zwei Kindern konzipiert. Idealerweise handelt es sich um Kinder, die schon Abmachungen treffen können und ein Gefühl für Zeit haben. Bei uns sieht die Konstellation ein wenig anders aus. Unser Sohn ist noch nicht zwei. Er ist noch nicht paktfähig und kann keine Uhr lesen. Dafür sitzt er so gut wie gar nicht. Mein Mann arbeitet schreibend und lesend, sitzt viel, fährt aber weite Strecken mit dem Fahrrad. Unser Hund sitzt kaum, liegt viel auf dem Sofa, rennt viel und ist einer der Gründe, warum wir uns überdurchschnittlich viel bewegen. Ich will es trotzdem mit dem Praxistest versuchen und mache mich an den Sitzcheck.

Sitzcheck statt Sitzsack

Ziel des Spiels ist es, in Familien ein Bewusstsein dafür zu wecken, wie viel Zeit sie sitzend beziehungsweise in Bewegung verbringen. Erster Schritt und Hauptanteil des Spiels ist deshalb der „Sitzcheck“. Zu dem Zweck wird ein rundes Spielfeld, unterteilt in vier Tortenstücke mit Punkten, ausgedruckt und an den Kühlschrank gepinnt. Das Spiel ist einfach und gratis. Jeder Spieler bekommt ein Tortenstück zugeteilt, jeder Spielplan gilt für einen Tag. Gespielt wird an drei, vier Tagen pro Woche, gerne auch mehr. Die Tortenstücke sind unterteilt in vier Felder. Der äußere Ring mit den meisten Punkten, nämlich 16, ist reserviert für „Sitzdinge bewegt erledigen“.

Es geht nicht um Jugend trainiert für Olympia, sondern darum erst einmal das Sitzen zu unterbrechen.


Das bedeutet: Punkte gibt es fürs Telefonieren im Gehen oder Busfahren im Stehen. In Kategorie Zwei gibt es Punkte für „sich bewegen“, also etwa Spazierengehen oder Staubsaugen. Bei drei wird es schon sportlicher, es geht um „sich anstrengen“, etwa zügig gehen oder Fahrrad fahren. Kategorie vier ist die Königsklasse: „sich verausgaben“. Allerdings sind dafür nur drei Punkte am Tag vorgesehen. Einen Punkt gibt es für 15 Minuten Bewegung. Das stellt mich vor Probleme. Ich bin ein Bewegungsjunkie und finde eine Stunde „sich verausgaben“ am Tag zu wenig. Aber es geht ja auch nicht um Jugend trainiert für Olympia, sondern darum erst einmal das Sitzen zu unterbrechen. Also los, machen wir den Test!

Radfahren
BEWEGUNG in den Alltag zu integrieren ist wichtiger als olympische Leistungen 

Gibt es Punkte für Frühstück im Laufen?

Montag morgen starte ich frisch mit einem weißen Punkte-Tortenstück. Ich habe beschlossen, nur meine Punkte zu zählen. Mein Mann ist zu viel unterwegs, Kind und Hund zähle ich so mit. Der erste Tag beginnt mit einer klassischen Sitztätigkeit im Stehen, Gehen und Rennen: Frühstück für Mutter und Kind. Brötchen hier, Müsli da, Hund füttern, Kaffee kochen, Kakao im freien Fall auffangen, Kaffee retten, Nachschlag. Ich frage mich, ob das nun positive Punkte beim Sitzspiel oder Abzug bei der Lebensqualität bringt und gebe mir einen Punkt der Kategorie Eins. Das Kind düst eine Runde durch die Wohnung, ich renne aufräumend hinterher: ein Punkt Kategorie Zwei. Kind zur Kita mit dem Fahrrad: ein Punkt der Klasse Drei. Als der Junge umgezogen und abgegeben ist, habe ich den Eindruck, dass ich mir drei Punkte in der Königsklasse geben dürfte, so k.o. bin ich. Aber nein, dann sind die ja schon verbraten. Also weiter mit dem Fahrrad, Windeln kaufen. Mein Punktekonto füllt sich. Als ich um 10 Uhr an den Schreibtisch komme, bin ich sehr froh über einen Stuhl.

Ich frage mich, wie sich eigentlich die Schulstunde von 45 Minuten durchsetzen konnte.


Den fantastischen Schnitt von vier Punkten in zwei Stunden verderbe ich mir durch zwei Stunden am Schreibtisch. So kann es nicht weitergehen. Alle halbe Stunde, so wird empfohlen, soll das Sitzen unterbrochen werden. Ich frage mich nebenbei, wie sich eigentlich die Schulstunde von 45 Minuten durchsetzen konnte. Tatsächlich unterbreche ich das Sitzen häufiger. Im Homeoffice fällt das leichter als in der Käfighaltung eines Großraumbüros: Tee kochen, Telefonieren, Wäsche aufhängen, Brot schmieren, Apfel holen, weiterschreiben. Das Brot am Schreibtisch sollte auf meiner persönlichen Skala eigentlich schon wieder Punkteabzug geben. Aber für eine ausgedehnte Mittagspause außer Haus fehlt mir die Zeit. Dafür gibt es einen Hundespaziergang von einer starken Stunde. Ich frage mich, ob das stramme Marschieren als „Verausgaben“ oder „Bewegen“ gilt. Gebe mir dann aber vier Punkte der Klasse drei, weil ich mich nicht verausgabt fühle. Außerdem brauche ich die Vierer-Punkte für den Sport. 

Sitzen mit Kind – geht das?

Als ich nachmittags den Kleinen wieder von der Kita hole, hat der das sitzfeindliche Verhalten, mit dem ich mich gerade beschäftige offenbar schon komplett verinnerlicht. Er weigert sich, auf dem Fahrradsitz Platz zu nehmen, will „selber laufen“ und zwar ohne Hand. Das stellt mich vor eine sportliche Herausforderung. Fahrrad schieben, Kind davon abhalten auf die Straße zu rennen, Stein aufheben, Blume pflücken, zwei Schritte vor, einer zurück. Eine halbe Stunde später sind wir am Spielplatz. Dort Fußball gespielt und geschaukelt. Als wir völlig fertig zuhause ankommen, gibt es für die letzte Stunde vier Punkte der Kategorie drei.

Sport nicht vorgesehen

Abends will ich zum Sport. Ich überlege kurz, ob Abhängen auf dem Sofa nicht auch mal was wäre, entscheide mich dann aber für das Balletttraining und lasse Vater und Sohn zuhause. Das Training dauert 90 Minuten, Hin- und Rückweg jeweils 25 Minuten sportlich Fahrradfahren. Da stoße ich an die Grenzen des Spiels: Sport ist nicht vorgesehen. Ich will mal nicht so sein und gebe mir die drei Königspunkte für das Training und sechs Punkte der Klasse drei. Danach muss der Hund noch einmal 15 Minuten raus. Mein Punktekonto sieht ganz ordentlich aus. Trotzdem beschließe ich, das Experiment abzubrechen. 

Draußen mit Kind

LACHEN dabei nicht vergessen!


Spiel erfolgreich abgebrochen

Ich bin offensichtlich nicht in der Lebenssituation für den Familienaufstand. Ich sitze zu wenig. Mütter von kleinen Kindern und Hundehalter brauchen zum Aufstehen nicht animiert zu werden. Trotzdem halte ich das Spiel für sinnvoll. Wenn Familien sich nachmittags zusammensetzen, sich überlegen, was das gemeinsame Ziel auf dem Punktekonto ist und dann beschließen, statt ins Kino in den Wald zu gehen oder statt fernzusehen eine Runde um die Häuser zu drehen, ist das für alle Beteiligten nicht nur gesund, sondern auch noch nett. Hat es sich einmal durchgesetzt, Bewegung täglich zu integrieren, wächst normalerweise der allgemeine Bewegungsdrang. Wenn eine Familie dann irgendwann feststellt, dass ihnen die Couch doch wieder verlockender erscheint als der Spaziergang, kann jederzeit ein Spielplan an den Kühlschrank gepinnt werden.