Christine lebt eigentlich in Berlin, sie ist aber meistens unterwegs. Mal hier und mal da, sie reist durch die Lande, macht verrückte Dinge, stellt Couchsurfing-Rekorde auf, besucht 40 Festivals im Jahr. Über den alltäglichen Wahnsinn führt sie digital Tagebuch und die Welt liest mit.

„Kann man vom Bloggen eigentlich leben?“ ist eine der meistgehörten Fragen im Leben von Christine Neder. Die Antwort ist Nein. Und Ja. Der Blog Lilies Diary hat in den letzten sechs Jahren kaum Geld eingespielt. Gleichzeitig lebt Christine ganz gut von den Aufträgen, die sie ihrem digitalen Tagebuch verdankt. „Ich habe noch keinen einzigen Auftrag bekommen, der nicht auf meinen Blog zurückzuführen wäre,“ erklärt die 27-Jährige. Ähnlich schwierig ist ihr Beruf zu beschreiben. Sie ist Bloggerin, Autorin, Journalistin, Filmerin, Social-Media-Beraterin, je nach dem, was sie gerade tut und wer sie fragt. „Mit „Bücher schreiben,“ können die meisten Menschen etwas anfangen, deshalb sage ich Autorin, wenn ich nichts erklären möchte.“

Schreiben offline, schreiben online

Christine Neder

Höhenflüge beim Schreiben: Christine Neders Laptop ist immer dabei.


Ihre Bücher entstehen aus dem Blog und den verschiedenen Reisen und Aktionen, die Christine sich ausdenkt. Mit dem Buch über drei Monate Couchsurfing „90 Nächte, 90 Betten“ wurde sie bekannt, im letzten Jahr feierte sie sich durch „40 Festivals in 40 Wochen.“ Im Moment arbeitet sie an ihrem dritten Buch, wenn sie nicht gerade unterwegs ist. Denn unterwegs zu sein, bedeutet online zu sein und Orte und Beobachtungen zu beschreiben. Unterwegs ist Christine etwa zwei Wochen im Monat. Den Rest der Zeit verbringt sie zuhause in Berlin. Dann pflegt sie den Blog, berät Blogger und Firmen in Sachen Blogger-Relations. Letztes Jahr hat Christine eine Produktionsfirma gegründet, die TV-Beiträge produziert. Zur Zeit läuft eine Art Verfilmung ihres Blogs auf „Punkt 12“. „Ich gehe zu Leuten, zum Beispiel einer Modebloggerin, einem Zimmermädchen oder einem Vater in Elternzeit, und berichte darüber.“

Leben verlinkt

Christine lebt online, sie dokumentiert, fotografiert, filmt und führt Tagebuch. „Lilies Diary“ entstand als Nachrichtenkanal für die Freunde zuhause, als sie keine Lust hatte, von einem Praktikum in New York Rundmails zu schreiben. Dann kam eins zum anderen, und ihre Leser sind längst nicht mehr die Freunde zuhause, sondern über 5.000 Freunde bei Facebook. Sie bloggte neben ihrem Modestudium her, „Lilies Diary“ verselbständigte sich. „Als sich die Couchsurfingidee entwickelt hat, bin ich in der Reiserichtung gelandet.“ Wenn Christine von Reisen berichtet, geht es nicht um touristische Ziele, sondern um subjektive Momente. Die Währung, in der Artikelqualität gemessen wird, sind Kommentare, Likes und Shares.

Surfen durch die Welt

Christine Neder

Andenken an eine skurrile Reise nach Japan


Nach Couchsurfing und Festivalmarathon reist Christine gerade ohne festes Thema. In diesem Jahr war sie beim Tangofestival in Finnland, beim Penisfestival in Japan, in Portland hat sie gedreht, außerdem war sie auf Pressereisen in Colorado, Äthiopien und auf den Seychellen. „Es gibt Reisen, die ich auf eigene Faust mache, es gibt Kooperationen, Pressereisen. Mal drehe ich, mal blogge ich, mal arbeite ich journalistisch.“ Dennoch entsteht nicht jeder Blogeintrag und nicht jeder Film am anderen Ende der Welt. Manchmal kommen Christine die besten Ideen am Frühstückstisch. „Ich gehe jeden Morgen auf Facebook und Instagram und sehe immer diese geposteten Frühstückstische mit Schnittblumen und Müslischüssel. Das macht mich wahnsinnig. Darüber habe ich mir ein paar spontane Gedanken gemacht und einen Artikel geschrieben, der sehr gut ankam. Es ist lustig zu sehen, was viel gelesen und gepostet wird. Ich habe mal ein Video gedreht, „Wie tanzt man zu elektronischer Musik.“ Das lief wahnsinnig gut, aber viele Leser haben die Ironie nicht verstanden. Die werden dann in den Kommentaren wirklich doof. Da möchte ich manchmal einen Benimmkurs anbieten.“

Privates kommt nicht ins Tagebuch

Bei anderen Menschen ist das Tagebuch der Ort für Dinge, die niemanden etwas angehen. Bei Christine ist es andersrum. Privates muss draußen bleiben. „Was ich schreibe, ist sehr persönlich, aber ich lasse vieles weg. Mein Privatleben wird streng gefiltert.“ Reisen, Schreiben, Posten, und wie geht es weiter? Genau so. Einen Job mit Anwesenheitspflicht kann sich die reisende Bloggerin nicht vorstellen. Gleichzeitig wünscht sie sich manchmal etwas Ruhe. Für Berlin, für die Freunde und für sich selbst. Sie sagt es und fliegt einen Tag später auf eine Bloggerreise nach Teneriffa, um ein Video zu drehen und zu bloggen. Essen, Strand, Landschaft, alles wird gepostet. Die Leser warten.