Das ist wohl einmalig im europäischen Fußball: Ein Stadion wird komplett renoviert und erweitert – auch durch die Fans! Sie besorgen sich Farbe und Pinsel, bekommen den Schlüssel vom Eingangstor und gestalten die Gegengerade einfach selbst! Nur ein Beispiel dafür, warum der FC St. Pauli für viele der coolste Fußballclub der Welt ist. Wir haben Torhüter Philipp Tschauner einen Tag lang begleitet.

Um acht Uhr morgens klingelt der Wecker. Philipp Tschauner macht sich bereit für einen neuen Tag auf dem Fußball-Platz. Ein Tag voller Adrenalin und Leidenschaft. Auch wenn für den Torwart des FC St. Pauli heute „nur“ Training auf dem Programm steht: „Leidenschaft gehört überall im Fußball dazu: ob beim Training, Krafttraining oder auf dem Platz. Das sollte man immer verkörpern.“ Lange braucht der 28-Jährige nicht im Bad, 20 Minuten nach dem Aufwachen sitzt er schon unten am Frühstückstisch. Es gibt, wie fast jeden Morgen, Kaffee und Knäckebrot. Dann steigt der gebürtige Franke ins Auto, fährt zum Trainingsplatz. Der ist nur zehn Minuten entfernt.

Motivation durch Fangesänge

Die mehrheitlich jungen Spieler ziehen sich in der Kabine des neu gebauten Trainingszentrums um. Philipp ist damit beschäftigt, seine Finger zu tapen. Dann geht es raus auf den grünen Rasen: Die erste Trainingseinheit des Tages kann losgehen. Im Hinterkopf hat Philipp schon jetzt das nächste Heimspiel am legendären Millerntor. „Als Torwart kannst du diese Stimmung vielleicht ein Stück mehr genießen während des Spiels. Einige Fangesänge nehme ich auch ganz bewusst wahr, weil sie mich noch mehr motivieren. Es macht einen noch wacher, wenn du diesen Support spürst“. Flutlicht, Dom, Hells Bells – ein Besuch am Millerntor ist immer etwas ganz besonderes. Auch nach dem großen Umbau.

Starke Zeichen gegen Diskriminierung

„Das Stadion hat an neuem Charme gewonnen. Meine Lieblingsecken sind auf jeden Fall die beiden Tore. Für mich ist es das Größte, vor der Nord- und Südtribüne im Tor zu stehen. Eine besondere Kraft und motivierende Stimmung geht von der neuen Gegengeraden aus. Mit ihrer imposanten Größe für 13.000 Zuschauer und der Lautstärke der Fans kann die Gegengerade einen erheblichen Einfluss auf das Spiel nehmen“, erzählt Philipp. Die Fans selbst haben sich bei der Neugestaltung des Hexenkessels richtig ins Zeug gelegt. Sie verschönerten die komplette Gegengerade, bemalten die Wände mit kreativen, bunten Kunstwerken. Darunter gibt es auch Statements gegen Diskriminierung. Das politische und gesellschaftliche Engagement macht den Fußball-Club aus Hamburg nahezu einmalig in Europa: „Der Verein und die Fans setzen sich für Lampedusa -Flüchtlinge oder gegen Homophobie ein. Das finde ich toll“. Auch die bunt gemischte Fanszene im Hamburger Stadtteil beeindruckt Philipp immer wieder: „Zu Autogrammstunden kommen der Bankvorstand, der Obdachlose, der Familienvater und der Punk. Die stehen alle in einer Reihe und wollen ein Autogramm von dir. Das ist für mich das Besondere an diesem Club und an St. Pauli“.
100% Einsatz – dann werden auch Fehlpässe verziehen

Es ist mittlerweile zwölf Uhr mittags. Philipp und seine Mitspieler gehen wieder rein, ab unter die Dusche. Viele fahren dann nach Hause, legen sich etwas hin. Denn in drei Stunden stehen sie wieder auf dem Platz: zur zweiten Trainingseinheit. „Es gibt nichts Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Deswegen gab es bei mir noch nie den Moment, dass ich keine Lust aufs Training hatte.“ Philipp muss sich manchmal zwicken. Das Leben als Fußball-Profi empfindet er als großes Geschenk. Bei St. Pauli ist Fußball aber nicht nur rennen, schießen, jubeln. Es ist der Kampf, die Leidenschaft, die die Fans bei jedem Spiel erwarten: „Auf St. Pauli ist dir keiner böse, wenn du dich in alles reinhaust, dich verausgabst und alles gibst. Dann kannst du auch Fehlpässe spielen oder Chancen verballern.“ Diese bedingungslose Leidenschaft zeigt der Keeper auch beim zweiten Training. Das ist um fünf Uhr beendet. Jetzt freut sich Philipp „auf den obligatorischen Gang in die Sauna“. Danach steigt der Fußballprofi perfekt gestylt in seinen Wagen. Der Arbeitstag ist beendet. Morgen früh geht es weiter...voller Leidenschaft und Einsatz für den Verein.