Stricken ist in. Viele Menschen, die das Geklapper der Nadeln früher als spießig abgetan hätten, versuchen sich auf einmal an Pullis und Socken. Aber Stricken ist mehr als Kleidung - zumindest für Patricia Montag. Was sie aus Wolle erschafft, ist Kunst und Statement. Ihre Werke wärmen nicht den Körper, sondern den Geist.  

Berliner erleben zwischen Oktober und April viele graue Tage. Aber manchmal heben sie den Kopf und sehen: Wolle. Kleine bunte Zeichen, überdimensionierte Schals gewickelt um Bäume, umhäkelte Fahrradständer, farbenfrohe Liebeserklärungen an die Stadt. Mal prangt ein großes Spiegelei auf einer Brücke, mal macht ein Herz eine Treppe zur Bühne für Verliebte. Wer immer die bunten Grüße sieht, bleibt stehen, wundert sich, streichelt über das weiche Bild – und lächelt. Und damit haben die Kunstwerke ihr Ziel erreicht. Mancher ist allerdings gleich so angetan von den Wollgraffitis, dass er sich gar nicht von ihnen trennen mag: Viele der wollweichen Bilder verschwinden innerhalb von Tagen oder sogar Stunden von ihrem Bestimmungsort und führen von da an ein Dasein im Geheimen.

Masche für Masche

Warum aber macht sich jemand die Arbeit, Tage und Wochen an einem Kunststück zu stricken, das dann - nach wenigen Sternstunden in der Öffentlichkeit – wieder verschwindet? Warum strickt Patricia Montag nicht einfach Pullis wie andere Leute auch? „Ich habe das Stricken im Alter von sechs Jahren entdeckt und seitdem sehr viele Pullis gestrickt. Aber hier geht es um etwas anderes.“ Kein Mensch muss heute stricken, um Kleidung herzustellen, erklärt sie. „Es ist ein bisschen wie mit der Malerei, die nicht mehr abbilden musste, als die Fotografie aufkam. Stricken findet im Wollgraffiti eine neue Bestimmung. Es wird zur Kunstform.“ Für die Lehrerin entwickelte sich das Stricken vor etwa vier Jahren zur Kunstform. Patricia Montag unterrichtet Deutsch und Kunst an einer Schule. Als eine achte Klasse im Kreativkurs gerne stricken wollte, einigte man sich schnell darauf, dass es nicht um Topflappen und Socken gehen sollte, sondern um Wollgraffiti. „Für die Schüler hat das etwas Rebellisches. Und letztlich ist es das ja auch. Wir sprayen zwar nicht, weil ich niemals fremdes Eigentum beschädigen würde, aber wir markieren Orte mit einem Element, das dort nichts zu suchen hat.“ Als der Kreativkurs vorbei war, blieb die Kunstlehrerin in ihrer Freizeit beim Guerillastricken und entwickelte ihre Strategien immer weiter.

Kuschelige Störer

„Irgendwann wollte ich nicht mehr einfach etwas stricken oder häkeln und es irgendwo anbringen. Ich begann, Orte hervorzuheben, die mir etwas bedeuten.“ Die weichen Botschaften sind nicht einfach nur kuschelig, sie wirken als Störer in einer Umgebung, in der die Wolle irritiert. Dabei sind die eingehäkelten Botschaften nie provokant. Es sind im Gegenteil meist Liebeserklärungen an die Wahlheimat Berlin und viele andere Orte auf der Welt. Aber eben aus einem ungewöhnlichen Material und verbunden mit einem Arbeitsaufwand, den niemand so recht versteht. Wenn Patricia Montag den Fuß der Weltzeituhr am Alexanderplatz umstrickt und in vielen verschiedenen Sprachen „Ich warte“ einhäkelt, dann gibt sie dem beliebtesten Treffpunkt Berlins für eine kurze Zeit ein neues Gesicht, vielen Touristen ein beliebtes Fotomotiv und irgendeinem Wolldieb eine wunderbare Trophäe. Die Arbeit vieler Stunden bleibt meist nur einen kurzen Augenblick. Die Strickerin selbst frustriert das in keiner Weise. „Wenn ich mein Werk festgenäht habe, fotografiere ich es an dem Ort. Im nächsten Moment ist es schon nicht mehr meins. Ich überlasse es der Stadt und den Menschen. Mir geht es nicht darum, etwas für die Ewigkeit zu erschaffen. Manchmal schaue ich später vorbei und sehe nach, ob es noch da ist. Tatsächlich gibt es umhäkelte Fahrradständer, die schon seit einem Jahr bunt sind. Die meisten Dinge verschwinden aber schnell.“

Stricken für den Augenblick

Wer schon einmal lange an einem Pulli gestrickt hat, will danach lange etwas von dem guten Stück haben. Bei Patricia Montag ist das anders. Erstens strickt sie sehr schnell und zweitens geht es ihr vor allem um den Prozess, in dem ihre kleinen Botschaften entstehen und wieder verschwinden. „Es geht mir nicht um das Stricken selbst, sondern darum, dass ich mir etwas ausdenke, genau den richtigen Ort dafür finde und ihn mit allem Respekt anders in Szene setze. Meist fahre ich an einem Sonntag Morgen ganz früh los und bringe mein Werk an. Danach lasse ich es hinter mir.“ Abgeschlossen ist der Prozess damit aber auch für Patricia Montag noch nicht: Bei ihren Werken hinterlässt sie immer ihren Kontakt und viele Betrachter nutzen den auch. Sie mailen und erzählen von ihren Eindrücken oder sie posten Fotos von sich an dem bestrickten Ort. In jedem Fall bringt Patricia Montag die Menschen dazu, sich mit dem kuscheligen Kunstwerk zu beschäftigen, sich darüber zu unterhalten, zu fotografieren und zu lächeln. Und damit haben die Werke ihr Ziel erreicht.