Wenn der Himmel hinter den Dünen voller Drachen ist, kann das Meer nicht weit sein. Es braucht nur einen Hauch von Wind und schon zieht es sie hinaus: Kitesurfer haben die Strände der Welt erobert. 
Bunte Drachen weisen den Weg zum Wasser – Fehmarn im Sommer. Die Ostsee-Insel hat sich zu einem Paradies für Kitesurfer entwickelt. Bernd Hiss steht am Strand und verfolgt das Treiben mit stiller Freude. Er hat einen großen Anteil daran, dass ein immer mehr Funsportler die große Freiheit auf dem kleinen Brett suchen und mit einem Lenkdrachen über die Wellen reiten. Sein durchtrainierter Körper lässt ahnen, dass er jede freie Minute nutzt, um auf dem Board zu stehen. 
Tolle Fullscreen-Impressionen vom Kitesurfen hier!
Kitesurfen
Bernd Hiss nutzt jede freie Minute, um auf dem Board zu stehen.

Liebe auf den ersten Schritt

Bernie Hiss ist ein Inselgewächs. Die Liebe zum Wasser liegt in seinen Genen, die Familie lebt seit 400 Jahren auf Fehmarn. Mit sechs Jahren lernt er Segeln, mit zwölf geht er Surfen und mit 14 Jahren baut er sein erstes eigenes Surfbrett. 1999 gewinnt er die Deutsche Meisterschaft im Windsurfen. Zu Hause tüftelt Bernie Hiss unermüdlich am perfekten Brett.
Kurz darauf ändert eine Begegnung auf Hawaii alles. Kitesurfen gilt damals noch als Risikosport, nur ein paar verwegene Extremsurfer versuchen sich an der Kombination aus Schirm und Brett. Einer davon ist Robby Naish, jüngster Surfweltmeister aller Zeiten. Der Hawaiianer leiht ihm seine Ausrüstung. Die Liebe entflammt sofort, als Bernie Hiss den ersten Fuß aufs Board setzt. 

Ist Fliegen wirklich schöner?

Kitesurfen Slalom Men
Slalom Men

„Damals waren das alles „Danger-Freaks“, erzählt Bernie Hiss heute lachend, „ich hab mich dabei fast umgebracht.“ Gleichzeitig fasziniert ihn das Gefühl für die Kraft der Elemente, die er auf dem Board um sich herum spürt – bis heute. Ein fast schwereloses Dahingleiten, traumhafte Wellenritte und schier endlos hohe und lange Sprünge, die mit dem Surfbrett unmöglich sind. Der Schritt vom Kiteboard an die Werkbank ist dann nur noch ein kleiner. 2001 beginnt Bernie Hiss mit seiner eigenen Produktion. Aus seiner Werkstatt macht er eine Hightech-Schmiede. Jahrelange Erfahrung im aktiven Sport und unzählige Nächte in seiner Garage geben den Weg vor und führen seine Marke Core schließlich zum Erfolg am Markt. „Früher gab es Hunderte verschiedene Handys, dann kam das iPhone. Ähnlich ging es mit unseren Boards und den Kites“, erklärt Bernie Hiss. Heute könne eigentlich jeder Kitesurfen lernen, sagt er. Das Alter spiele keine Rolle und das Gewicht eigentlich auch nicht mehr. 45 Kilo sollten es schon sein, damit der Sprung nicht zum Endlosflug wird, und auch Schwergewichte könnten den Sport lernen. Es sei aber immer wichtig, den Respekt vor den Naturgewalten nicht zu verlieren. 
Kitesurfen Manuela Jungo
Manuela Jungo

Auspacken und los geht’s!

In Zukunft werden wir wohl immer mehr bunte Drachen an den Stränden sehen. Schon organisatorisch sei der Sport gegenüber dem „normalen“ Windsurfen klar im Vorteil, sagt Hiss. Früher ging es mit dem VW Polo und sperrigem Equipment ans Wasser und erst nach längerer Vorarbeit konnte man endlich aufs Brett steigen. Beim Kiten dagegen reicht ein 4 Kilo leichter Rucksack für den Kite, die Bretter sind mit  einer Länge von rund 1,30 Metern und einem Gewicht von bis zu drei Kilo leicht zu transportieren. Bernie Hiss hat inzwischen 18 Mitarbeiter in seiner Firma, die die Boards und Kites immer weiter entwickeln. Dass das nicht im Simulator geht, sondern ausschließlich im Selbstversuch, freut die Angestellten. Ein gewisses Suchtpotenzial muss jeder mitbringen. Und dann kann es ganz schnell gehen, sagt Hiss.