Gerade haben Jogis Jungs beim Heimspiel in Stuttgart die norwegische Elf mit 6:0 besiegt. Schön an diesem Abend waren nicht nur die Tore. Schön war es auch im Stadion. Die deutschen Fans zeigten sich von ihrer besten Seite – mit einer beeindruckenden Choreographie. Wer denkt sich so etwas aus und organisiert es? Der Kopf hinter diesen Inszenierungen ist Stadion-Choreograph Karsten Daebel vom Fan Club Nationalmannschaft. Wir haben ihn einen Tag begleitet, Anfang Juni, beim WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino. Er steht nicht auf dem Platz, aber auch er gehört zum „Team Nationalmannschaft“.

Stadion-Choerograph Karsten Daebel
BEWEGT DIE MASSEN: Karsten Daebel denkt sich Fan-Choreographien für DFB-Länderspiele aus

8.05 Uhr: Das Abenteuer Länderspiel beginnt! Seit 2010 ist Karsten Daebel jetzt
schon Stadion-Choreograf. Die bunten Aufführungen im Stadion sind immer wieder echte Highlights und zeigen, wie leidenschaftlich Fußballfans ihrem Hobby nachgehen. Normalerweise reist Karsten einen Tag vor dem Spiel an, das ist heute aber nicht nötig. Mit im Auto von Mannheim nach Nürnberg sitzt Vater Wolfgang, 72 Jahre alt. Natürlich auch eingefleischter DFB-Fan. „Der ist jetzt seit ein paar Spielen dabei, war auch bei der EM in Frankreich und ist eine Superhilfe. Trotz des Alters. Perfekt. Macht Spaß mit ihm.“


11.10 Uhr: Karsten und Wolfgang kommen am Nürnberger Stadion an und treffen sich mit dem Rest des Choreo-Teams. Alles Freiwillige. Heute sind 25 Fußballfans aus ganz Deutschland angereist, in der Regel sind es noch mehr. Die meisten nehmen sich für ein Länderspiel extra zwei Tage frei. „Respekt an alle, die das machen“, sagt Karsten.

11.30 Uhr: Das Team lädt den Bus mit den Materialen aus. Heute wollen sie eine riesige Deutschland-Fahne auf der Tribüne ausrollen. 70 mal 40 Meter groß, aus Stoff, in Schwarz-Rot-Gold. „Das Ding ist superschwer!“ Karsten und Co. rollen die Blockfahne zunächst auf dem Vorplatz des Stadions aus. Dann tragen sie sie mit vereinten Kräften in die Arena.

Deutschlandfahne im Stadion
BANNER BLOCKIERT: Die Fahne geht durch viele Hände. Nicht immer reibungslos

14.40 Uhr: Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Karsten und Vater Wolfgang gehen mit den anderen in den nahegelegenen Biergarten. Bei Bier und Wurst reden sie meist über...Fußball. Natürlich! „Wir sprechen über die neusten Transfers, das deutsche Team, aber weniger über künftige Choreografien. Manche von uns gucken sich auch gerade die Stadt an, aber ich war schon mehrfach hier.“ Der Fan von Waldhof Mannheim genießt die Zeit beim DFB-Team – eine große Familie. Auch sein Papa ist froh, in Nürnberg zu sein. „Ihm macht es auch super viel Spaß. Nicht nur, mit seinem Sohn Zeit zu verbringen, sondern auch das Erlebnis und das Spiel.“

16.30 Uhr: Karsten und sein Team machen sich auf den Weg ins Stadion. In seiner Zeit im Fan Club Nationalmannschaft hatte er schon viele tolle Erlebnisse. Im Ausland ist es für sein Team schwerer, die Choreografien umzusetzen. Denn dort ist der DFB nur Gast, es gibt andere Sicherheitsauflagen und Örtlichkeiten. „Der DFB hilft aber, wo er kann und diskutiert mit den Gastgebern.“

Deutschlandfahne im Stadion
FÜR DIESEN AUGENBLICK: Beim Anpfiff wird die Fahne schon wieder eingerollt

17.25 Uhr: Noch vor dem offiziellen Einlass betreten die Choreografen das Stadion, umgehen so die Schlangen. Vor den Blöcken, in denen die Choreo später stattfindet, verteilt das Team Zettel an die Fans. Sie erklären, was sie vorhaben und wie die Zuschauer dabei helfen können. Mal halten sie Papptafeln und Fähnchen hoch, mal liegen Folien auf ihren Sitzen. Heute muss der Block in der Gegengerade helfen, die
schwere Fahne nach unten zu ziehen – damit der ganze Block schwarz-rot-gold wird.

„Ich hoffe, dass es nachher keinen Windstoß gibt und alle mitmachen.“


19.30 Uhr: Die Anspannung steigt bei Karsten Daebel. „Ich hoffe, dass es nachher keinen Windstoß gibt und alle mitmachen.“ Er und sein Team machen sich vor jedem Länderspiel Gedanken über mögliche Choreographien, schicken Vorschläge und Motive an den DFB, müssen die Materialien bestellen. Sie fragen auch schon mal die Fans der Nationalmannschaft, welche Choreo sie sich wünschen. Letzte Teamsitzung vor Anpfiff. Dann wird es ernst.

20.37 Uhr: „Du hoffst, dass alles geklappt hat und du nichts vergessen hast. Du bist schon manchmal nervös kurz vorher. Aber eigentlich ist es selten, dass nicht jeder mitmacht“, sagt Karsten Daebel und lässt mit seinem Team die Riesenfahne hinunter.
Stück für Stück wird sie abgerollt. Die Zuschauer helfen mit und verschwinden unter
dem Stoff. Das restliche Stadion jubelt, die Spieler laufen in diesem Moment mit
ihren Einlaufkindern ein. Alles scheint perfekt zu klappen. Doch dann der Schock.

Am Ende ist der gesamte Block schwarz-rot-gold.

20.38 Uhr: Die Fahne hat bereits fast den kompletten Oberrang bedeckt. Doch in der Mitte hakt es plötzlich. Der goldene Teil der Fahne wird für einen Moment nicht komplett ausgerollt. Doch kurz darauf geht es weiter. Am Ende ist der gesamte Block schwarz-rot-gold. „Beinahe hättet ihr erlebt, wie ein einziger unwilliger Mann die gesamte Arbeit zerstört hätte“, erklärt Karsten. „Er stand im Oberrang einfach nur in der Mitte und hatte die Arme nach oben gestreckt und das Banner blockiert. Es kann schon reichen, dass das Banner einknickt und sich verhakt oder seine vorbestimmte Laufrichtung verlässt.“

20.45 Uhr: Anpfiff. Doch Karsten und Co. haben noch keine Zeit, das Spiel zu genießen. Sie haben das Riesenbanner auf der Tartanbahn wieder eingerollt und bringen es zusammen in den Bus. Nach wenigen Minuten kommen sie zurück ins Stadion. „Dann sind wir Fan und gucken uns das Spiel an.“

22.36 Uhr: Nach dem deutlichen 6:0-Sieg geht es für Karsten zurück nach Mannheim. Seine dreijährige Tochter liegt schon längst im Bett, wenn er das Haus betritt. Aber das Erlebnis Länderspiel hat sich wieder gelohnt. Manchmal, so sagt er, würde er sich noch größere und aufwändigere Choreos wünschen. Das sei jedoch eher in den Bundesliga-Stadien umzusetzen. Aber beim nächsten Heimspiel ist der 39-Jährige natürlich wieder dabei. Mit Vater Wolfgang und einer neuen Choreographie.