Blogs gibt es wie Sand am Meer zu jedem Thema. Um Euch eine Orientierung zu geben, stellen wir alle zwei Wochen einen unserer Lieblingsblogs vor. Diesmal: Raul.de, einen Blog über das Leben aus der Rollstuhlperspektive.
„Raul Krauthausen, Aktivist“, steht als Berufsbezeichnung auf Raul.de. Dort bringt Raul Krauthausen Geschichten und Gedanken rund um die Themen Inklusion, Behinderung und barrierefreies Leben ins Netz. Außerdem hat Raul den Verein Sozialhelden gegründet, ein Buch geschrieben, er jettet von Talkshow zu Podiumsdiskussion und arbeitet intensiv am Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung. Er ist so aktiv, dass einem beim Lesen schon die Puste ausbleibt. In der Tat ein Aktivist.

Das Leben aus der Rollstuhlperspektive

Als Raul.de online ging, war die Idee ganz einfach: Er wollte seinen Lesern für ein paar Minuten am Tag einen Einblick in das Leben eines behinderten Menschen verschaffen. Der Alltag mit all seinen Hürden, Problemen und möglichen Lösungen sollte eine Rolle spielen, der Blog sollte – barrierefrei – Begegnungen schaffen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. An diesen Begegnungen scheint es draußen in der Welt nach wie vor zu fehlen. Raul.de sprang in diese Lücke und berichtet seit dem über Reisen in barrierefreien Hotels, Inklusion an Schulen und Kitas, über Erlebnisse in Berlin und über die Wünsche, Träume und Perspektiven eines Rollstuhlfahrers.

Behindert sein und behindert werden

Raul Krauthausen – Coca-Cola Journey
Überraschungen inklusive: Raul.de

Manche Geschichten, die Raul erzählt, bergen Überraschungsmomente für den Leser ohne Rollen. Andere zeigen auf, dass vieles gar nicht so unterschiedlich ist. Das liegt vor allem daran, dass die Ideen und Wünsche sich doch bei vielen Menschen ähneln. Es geht um menschliche Grundkonstanten, die wenig damit zu tun haben, ob der Wünschende einen oder zwei Arme zur Verfügung hat, ob er sehen, hören oder Treppen steigen kann. „Im Grunde geht es darum, dass wir alle unser Leben leben wollen, wie wir es uns wünschen und vorstellen,“ sagt Raul. Ob die Verwirklichung gelingen kann, hat dabei nicht immer mit der Behinderung zu tun, sondern damit, welche Voraussetzungen der Mensch vorfindet. „Ich versuche immer einen Unterschied aufzuzeigen, ob man behindert ist oder behindert wird. Die meisten Menschen mit Behinderung werden eher behindert.“

Arbeit am Vorurteil

Behindert durch ganz verschiedene Faktoren. Bürokratische Willkür, nicht zugängliche Orte und Wege, Ärger mit den Krankenkassen und vor allem: Vorurteile. Diese Vorurteile abzubauen, daran arbeitet Raul auf seinem Blog, bei seinen Auftritten und bei Sozialhelden, einem Verein, der als Denkfabrik versucht, die Gesellschaft ein Stückchen weiterzubringen. Dort organisiert er Projekte wie Wheelmap, eine Onlinekarte für rollstuhlgeeignete Orte oder Workshops für Medienvertreter zum Thema vorurteilsfreie Berichterstattung.
Deutschland scheint Weiterbildung und auch ein bisschen Nachhilfe durchaus nötig zu haben. „Wenn über Menschen mit Behinderung berichtet wird, dann dominiert immer die Perspektive des Leids,“ so Raul. „Jemand ist „an den Rollstuhl gefesselt“ oder „trägt sein Schicksal tapfer“. Das andere Extrem ist der paralympische Held. Bei beiden Bildern geht vollkommen verloren, dass Menschen mit Behinderung Hobbys, Leidenschaften und auch schlechte Charaktereigenschaften haben.“ Befragt wird ein Rollstuhlfahrer immer nur zu seiner Behinderung, nie zu seinem Berufswunsch, der vielleicht mit der Einschränkung nicht das Geringste zu tun hat.

Werbung mit verschiedenen Rollen

Raul Krauthausen – Coca-Cola Journey
FÜR LESER mit und ohne Rollen

Dass in der Berichterstattung und auch in der Werbung noch einiges zu tun wäre, bis das Bild einigermaßen ausgeglichen ist, darauf weist Raul an verschiedenen Stellen hin. Er selbst hat Werbung studiert und zeigt immer wieder, wo Unternehmen und Produzenten offensichtlich nicht hinblicken. Kommt nämlich ein Mensch mit Behinderung in einem Werbespot vor, dann ist er immer ein Exot, nie ein Darsteller unter vielen. Spots wie den neuen Lift Werbespot zu Special Olympics findet er gut und wichtig, er wünscht sich aber auch Spots, in denen behinderte Menschen einfach unkommentiert als Teil der Gesellschaft vorkämen. Diversity, auf die beispielsweise in Bezug auf Migrationshintergrund in der Werbung immer geachtet wird, findet seine Grenze beim Thema Behinderung. „Etwa zehn Prozent der Menschen weltweit haben eine Behinderung. Aber es ist bisher undenkbar, dass auch nur in jedem zehnten Werbespot ein Gehörloser oder ein Junge mit Downsyndrom vorkommt. Da stehen wir in der Bildsprache in etwa dort, wo wir in den 60er Jahren in Bezug auf Farbige standen.“

Einseitige Betrachtung

Nicht nur in Werbung und Berichterstattung sieht Raul massiven Nachholbedarf. Auch auf Bühnen und in Filmen gibt es eine heftige Schieflage. Kommt ein Mensch mit Behinderung in einem Film vor, wie etwa im Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“, dann sind das fast ausschließlich Komödien, außerdem werden Behinderte immer von Nichtbehinderten gespielt. Ein Skandal, findet Raul, und noch dazu ein vermeidbarer. „Es gibt Schauspieler mit Behinderung, aber die Entscheider schrecken davor zurück, sie zu suchen, zu casten und zu engagieren.“ Dabei würde die Gesellschaft, so Raul, sowohl die Themen als auch die Besetzungen annehmen. „Ziemlich beste Freunde“ war einer der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre, der Autor hatte aber im Vorfeld große Schwierigkeiten einen Verleger zu finden. „Am Erfolg des Films sieht man, dass die Zustimmung in der Gesellschaft viel höher ist, als die Entscheider vermuten. Kein Mensch ist offiziell gegen behinderte Menschen. Aber vielen Menschen fehlen Begegnungen.“ Damit es zu Begegnungen und ganz nebenher auch zum Abbau von Vorurteilen kommt, dafür braucht es Blogs wie Raul.de.
Hast du einen Lieblingsblog? „Viele. Aber ich lese am liebsten Spreeblick.“
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