Blogs gibt es wie Sand am Meer zu jedem Thema. Um Euch eine Orientierung zu geben, stellen wir alle zwei Wochen einen unserer Lieblingsblogs vor. Heute: tittelbach.tv, ein Onlinemagazin, das sich ausschließlich der Fernsehkritik verschrieben hat.

TOTGESAGTE leben länger. Das Fernsehen wurde bestimmt schon ebenso oft totgesagt wie Tageszeitungen und Zeitschriften. Tatsache ist aber: das Fernsehen lebt weiter, trotz und wegen des Internets. Nur die Fernsehkritik stirbt in den Printmedien seit Jahren. Deshalb zog Fernsehkritiker Rainer Tittelbach 2009 ins Netz weiter.

Blogoskop

Der Fernsehbeobachter

Rainer Tittelbach war einmal freier Fernsehkritiker und schrieb für ein gutes Dutzend Zeitungen. Das Geschäft boomte, das Fernsehen auch. Die einzige Konkurrenz für TV-Movies und Serien war das Kino. Dann brach das Geschäft auf einmal ein. Tageszeitungen und Magazine kürzten ihre Medienseiten, die Kritik starb auf Raten. 2008 war es dann fast ganz vorbei. Der Kritiker Tittelbach suchte nach einem neuen Tätigkeitsfeld, das Fernsehen und die Fernsehkritik aber wollte er nicht aufgeben. Deshalb wählte er den Weg ins Netz. Tittelbach.tv sollte zuerst nur Werbeplattform für den Journalisten werden und ihn zurück in die Printwelt bringen. Dann wurde es ein Selbstläufer. Heute verlassen sich etwa 50.000 User (250.000 Visits pro Monat) auf die Kritik des Fernsehbeobachters“. Serien-Fans sind ebenso unter den Lesern wie Krimibegeisterte, Kitschliebhaber und die Fernsehleute selbst. Tittelbach.tv wurde für den Grimme Online Award nominiert, den Bert-Donnepp-Preis hat die Seite 2013 bekommen. Rainer Tittelbach selbst lebt inzwischen von seinem Online-Projekt. Er gestaltet die deutsche Fernsehkritik mit, sitzt seit vielen Jahren in der Jury des Grimme-Preises und arbeitet als Prüfer für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen.

Fernsehen ist mehr als Tatort

Tittelbach will nicht nur fernsehen und darüber berichten. Er will in der deutschen Fernsehlandschaft Spuren hinterlassen. Ich habe schon im Auge, die Fernsehkultur zu beeinflussen“, so der Kritiker. Es geht ihm in erster Linie um den Erhalt einer Artenvielfalt“ statt der vorherrschenden Krimi-Monokultur. Dabei hat Rainer Tittelbach überhaupt nichts gegen gut gemachte Krimis. Aber andere Formate sollen eben auch leben. Ich habe keine Genredünkel. Aber ich habe etwas dagegen, wenn die unterschiedlichen Genres und emotionalen Bedürfnisse unterschiedlich bewertet werden. Ein schöner Liebesfilm hat seine Berechtigung, ebenso wie eine Komödie. Nur ist der Umgang der Zuschauer mit Gefühlen und Komik sehr unterschiedlich. Spannung hingegen geht immer. Der Krimi ist der kleinste gemeinsame Nenner.“

Die einzigen Kritiken, die es heute noch in die großen Medien schaffen, sind die Tatort“-Kritiken am Sonntag


Dass Krimis immer gehen und anderes wenig vorkommt, sieht auch der Fernseh-Laie auf den ersten Blick: Die einzigen Kritiken, die es heute noch in die großen Medien schaffen, sind die Tatort“-Kritiken am Sonntag.

Fernsehen für die Artenvielfalt

Nicht nur die Einseitigkeit ist Tittelbach ein Dorn im Auge, auch den Umgang der Kritiker mit dem Fernsehen generell hält er bisweilen für fragwürdig. Er selbst will Filme als Kritiker nicht einfach nur runtermachen, sondern verschiedene Blickwinkel auf ein Werk zulassen. Ich versuche analytisch an die Sache zu gehen und mir einen Film im Zweifel lieber zwei Mal anzusehen.“ Nicht nur Handlung und Schauspieler findet er erwähnenswert, auch Erzählrhythmus, Spannungsbogen, Kamera und Schnitt werden betrachtet. Während andere darüber herziehen, dass die deutsche Serie nicht an die amerikanische herankommt, sieht sich der Fernsehbeobachter“ mitunter auch die Produktionsbedingungen an und versucht, nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe zu kritisieren. Die Serien-Bemühungen von ARD und ZDF in letzter Zeit, so findet er, haben das verdient.

Service für den Abend auf der Couch

Wer nicht weiß, was er am Abend machen soll und das Heimkino dem Ausgang vorzieht, der bekommt von Tittelbach nicht nur Filmempfehlungen auf Facebook, sondern auch andere Serviceleistungen: einen Überblick über die Angebote in den Mediatheken, Soundtracks, Wissenswertes über Reihen, Schauspieler oder Produktionsbedingungen. Nicht nur Neuheiten werden gepostet, auch erwähnenswerte Wiederholungen kommen immer wieder in den Blick. Tittelbach.tv verfügt inzwischen über ein Archiv von fast 4.000 Rezensionen. Die meisten stammen von Tittelbach selbst. Inzwischen hat er sich aber Verstärkung gesucht. Zur Seite stehen ihm Kritiker, die er schätzt. Natürlich hat jeder andere Vorlieben, doch prinzipiell soll in keinem der Texte respektlos mit dem Gegenstand umgegangen werden. Der Beweis dafür, dass das Fernsehen nicht tot ist, kommt also ausgerechnet aus dem Netz. Und auch die Fernsehkritik lebt. 

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„Ich lese kaum Blogs, dazu habe ich keine Zeit. Da schaue ich lieber einen Film mehr an. Gelegentlich schaue ich in den Medien-watch-Blog Altpapier.“ 

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Facebook, da sind die meisten meiner echten Freunde drin und viele geschätzte Kollegen. Dort poste ich auch aktuelle Filmtipps.“