Auf dem Rad durch die milde Sommerluft gleiten, gemeinsam mit Freunden ans Ziel kommen – doch was ist, wenn die eigenen Augen Hindernisse auf dem Weg nicht erkennen? Radfahren mit Sehschwäche scheint unmöglich. Thomas Nicolai aber hilft blinden und sehbehinderten Menschen aufs Rad: mit seinem Verein Tandem-Hilfen.

Los ging es im Sommer 2004: Dreitausend Kilometer lagen vor Thomas Nicolai, seiner Frau und einem befreundeten Paar. Athen hatten sie sich zum Ziel gesetzt, erreichen wollten sie die Stadt von Berlin aus mit dem Tandem. Schon seit Jahren liebt Thomas das Fahren auf dem hinteren Sitz: Nur so kann sich der heute 63-Jährige auf dem Rad fortbewegen – denn seit seiner Kindheit sieht er schlecht. „Tandemfahren bietet blinden und sehbehinderten Menschen eine sichere Möglichkeit, sportlich zu sein und die Welt zu erleben.“ Weil er seine Freude am Fahren mit anderen teilen möchte, gründete Thomas 2009 den Verein Tandem-Hilfen.

Mithilfe von Sponsoren hatten der passionierte Radler und seine Crew vor der Reise Geld für Computer, Blindenstöcke, Haushaltsgeräte und auch Tandems gesammelt. „Unterwegs haben wir Blindeneinrichtungen wie Begegnungsstätten, Schulen und Bibliotheken besucht, die diese Hilfsmittel bekamen“, sagt Thomas. So machten die Reisenden unterwegs in die griechische Hauptstadt unzählige interessante Begegnungen – und kamen schließlich ohne eine einzige Panne ans Ziel.

Kinder sind nach den ersten Metern begeistert

2006 ging es für die Gruppe nach St. Petersburg. Dort angekommen, war für Thomas sofort klar, warum sich jeder der vielen Kilometer gelohnt hatte. „An einer Schule, die wir besuchten, fuhren wir mit blinden Kindern auf dem Tandem um das Gebäude herum“, erzählt er. „Sie hatten zuvor noch nie auf einem Tandem gesessen und waren nach den ersten Metern Fahrt vollkommen begeistert.“

Seitdem geht die Reise weiter mit allen, denen das Fahren Spaß macht. Bei den regelmäßigen Tandem-Camps des Vereins geht es für Blinde, Sehbehinderte und ihre Tandempartner immer wieder aufs Rad. Auch die Menschen, die Thomas in verschiedenen Ländern während der Tour nach St. Petersburg kennenlernte, nehmen gern an diesen Sommertouren teil: „Schon beim ersten Tandem-Camp 2005 haben viele zueinandergefunden, halten den Kontakt bis heute und besuchen sich auch untereinander“, erzählt Thomas. Gewachsen ist eine Gemeinschaft, in der alle willkommen sind: So ließ sich auch ein 77-Jähriger nach 40 Jahren erstmals wieder zum Radfahren motivieren – und stieg am Ende einer langen Tour begeistert vom Tandem.

Tandemfahren ist Entspannung

Lebensfreude auf zwei Rädern ist das, was viele sehbehinderte Menschen durch die Initiative von Thomas erfahren. Es sind Menschen, die ansonsten kaum Chancen auf das befreiende, sportliche Erlebnis hätten, das aus dem Leben des Berliners nicht mehr wegzudenken ist. Als kleiner Junge versuchte er sich auf dem Fahrrad – trotz schwacher Sehkraft. „Nachbarn haben meine Eltern immer wieder gefragt ,Wie könnt ihr nur?’. Aber auf dem Dorf gab es kaum Verkehr, da war das nicht so gefährlich.“ In der Stadt hingegen fürchtet er selbst als Fußgänger ständig Stolperfallen – wo steht ein Verkehrsschild, welche Bordsteinkante gilt es als nächstes zu überwinden? „Tandemfahren ist dagegen Entspannung, weil ich mich auf meinen Vordermann verlassen kann. Ich selber kann ja nichts falsch machen“, erklärt Thomas.

Tandempiloten gesucht!

Steigen Menschen mit Sehschwäche das erste Mal aufs Tandem, fühlen sich die meisten zunächst wackelig. Wichtig ist, dass der Fahrer auf dem Vordersitz das Rad sicher im Griff hat. Unter den rund 40 Mitgliedern des Vereins Tandem-Hilfen gibt es bereits viele erfahrene Piloten. Doch davon kann es nicht genug geben.

Viele Ziele hat Thomas auf seiner Route noch vor sich. So zum Beispiel der Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerks von Tandempiloten, die bei Anruf spontan zur Radtour mit Sehbehinderten bereit sind. „Viele Blinde haben ein Tandem, doch nicht immer einen Partner“, so der Hintergrund der Idee. Im Verein erhalten neue Piloten eine Einweisung, bei der sie erfahren, welche Hilfe Sehbehinderte während des gemeinsamen Ausflugs brauchen könnten. Dann kann es losgehen.

Gemeinsam fahren und ankommen

Auch mit Kindern und Jugendlichen hat Thomas noch viel vor: An Schulen im In- und Ausland will er weiter fürs Tandemfahren werben. „Vor allem in Inklusionsschulen warten viele Chancen, denn hier stehen für blinde und sehbehinderte Schüler die möglichen Piloten schon bereit.“ Zwar gebe es bereits viele Sportangebote für Schüler mit Sehschwäche – doch das Tandemfahren, bei dem man ins Gespräch kommt, sich aufeinander einstellt und zusammen ans Ziel kommt, ist für ihn etwas ganz Besonderes. Was Tandemfreund Thomas ins Rollen gebracht hat, soll nicht wieder zum Stillstand kommen: „Wenn man nichts macht, dann ändert sich nichts.“ Deshalb wird Thomas weiter auf Lehrer und Eltern zugehen – und Sehbehinderten zeigen, dass auch sie Rad fahren können.

Und dann war da noch...

...Feuerwehrmann Christian Rotsch aus Berlin, der die Anwohner und Passanten rund um die Feuerwache an der Oderberger Straße an besonders heißen Tagen des Öfteren mit einer kühlen Dusche erfreut. 

Christian Rotsch

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