Tor! Tor! Tor! Murat und Dimitrij fallen sich glücklich in die Arme. Sie leben beide im Berliner Stadtteil Spandau, einem Stadtteil, in dem Menschen verschiedener Nationalitäten zuhause sind. Diese Vielfalt kann auch zu alltäglichen Streitigkeiten unter Jugendlichen führen. Hätten Murat und Dimitrij nicht ihren gemeinsamen Sport, würden sie sich vermutlich aus dem Weg gehen. Jetzt spielen sie zusammen in einer Mannschaft –  Fußball verbindet. Dass das gemeinsame Kicken Spaß macht, hat Can Akca ihnen gezeigt. 2006 gründete er die Bolzplatzliga: Hier können Jungen und Mädchen einfach mitspielen. Dabei geht es um mehr als Fußball: Es geht darum, Toleranz zu leben.

Spandau ist ein Stadtteil im Westen Berlins mit einer hohen Anzahl an Migranten, die sich nicht immer wohlgesonnen sind. „Früher gab es hier viele Schlägereien“, sagt Can. „Heute ist das anders. Viele kennen sich vom Fußballspielen und haben dadurch ihre einstigen Rivalen schätzen gelernt.“ Bei der Bolzplatzliga kann jeder mitspielen – seit April 2007 gibt es auch Mädchenmannschaften. Die Liga ist ähnlich organisiert wie die Bundesliga; gespielt wird von April bis Oktober. Unterteilt in fünf Altersgruppen ab zehn Jahren gibt es bei den Jungen insgesamt 73 Mannschaften und bei den Mädchen 13. Dabei gelten die „Käfigregeln“: Jeweils drei Feldspieler und ein Torwart stehen sich 30 Minuten pro Spiel gegenüber, gewechselt wird fliegend. Schießt ein Spieler den Ball über den Zaun, erhält die andere Mannschaft einen Elfmeter. Bei Fouls, Beleidigungen oder Handspiel müssen die Jugendlichen eigenständig das Spiel stoppen, denn einen Schiri gibt es nicht. „Dadurch lernen sie miteinander zu kommunizieren, fair zu spielen und Konflikte eigenständig zu lösen“, so Can. „Mit der Bolzplatzliga bieten wir ein Freizeitangebot, dass zu mehr Toleranz, Gewaltfreiheit und Völkerverständigung beiträgt.“
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Die Bolzplatzliga bringt Jugendliche verschiedener Herkunft im Berliner Stadtteil Spandau zusammen.


Vom kleinen Sportprojekt zur Kiezliga

Angefangen hatte alles 2006, als Can die Gelegenheit bekam, in Berlin Spandau ein Sportprojekt aufzubauen. „Mein Cousin Mustafa Akca war damals Quartiersmanager in Spandau. Um das Viertel aufzuwerten und sozialen Problemen entgegenzuwirken kam die Idee auf, ein Sportprojekt ins Leben zu rufen. Also habe ich mit zwei Kumpels die Bolzplatzliga gegründet.“ Heute hat er sechs Mitarbeiter, die die Spiele betreuen und unter der Woche Schulen besuchen, um die Schüler in ihren Pausen über anstehende Turniere zu informieren. „Mittlerweile ist die Liga eine feste Institution in Spandau geworden. Es ist schön zu sehen, wie Jugendliche, die vor sieben Jahren das erste Mal mitgespielt haben, immer noch aktiv dabei sind – sie unterstützten die Jüngeren und organisieren ihre eigenen Spiele“, so Can. Der 35-Jährige ist in Deutschland geboren, verbrachte die Grundschulzeit jedoch in der Türkei: Seine Eltern planten, dorthin zurück zu gehen. Dann jedoch machten sie sich in Deutschland selbstständig und entschieden zu bleiben. „Also holten sie mich als Neunjährigen wieder zurück und steckten mich in einen Fußballclub – das war das Beste, das mir passieren konnte. Nicht nur, dass ich dort viele Freunde gefunden habe, ich habe dort auch Deutsch gelernt. Beim Bolzen erziehen sich die Jugendlichen gegenseitig und lernen viel voneinander.“

Freundschaften über Berlins Grenzen hinweg

Auch außerhalb von Berlin gibt es Straßenfußballprojekte. Meist zum Ende einer Saison veranstaltet die Bolzplatzliga städteübergreifende Turniere und lädt andere Teams aus Stuttgart, Dortmund oder München ein. Manchmal reisen sie aber auch selbst in andere Städte. Ein Highlight für Can, vor allem aber für die jungen Spieler war ein Turnier in München 2010: „Oliver Kahn ist Schirmherr der dortigen Straßenfußballliga ,buntkicktgut’“, erklärt Can. „Er war beim Turnier dabei und hat am Ende auch den Pokal übergeben. Die Spiele fanden zudem auf dem Trainingsgelände von Bayern München statt – das war natürlich ein Riesenereignis.“ Für solche Turniere wird ein Allstars-Team zusammengestellt. „Leider können wir nicht 500 Kinder mit auf Reisen nehmen. Also vermerken wir, wer immer zu den Spielen kommt und wer fair spielt“, sagt der Liga-Leiter. „Es kommt nicht immer der beste Spieler mit, sondern der, der unsere Werte am besten verinnerlicht hat – quasi als Belohnung.“
Can ist hauptberuflich Theaterleiter und engagiert sich nebenbei für die Bolzplatzliga. „Für mich ist die Liga ein echtes Herzensprojekt. Es ist so schön zu sehen, was sich in den vergangenen sieben Jahren verändert hat“, sagt Can. „Mit dem Engagement machen wir die Kinder glücklich.“ Der Outdoor-Fußballplatz ist für viele Jugendliche mehr als  ein Ort zum Bolzen; in der Liga finden die Kids auch ein zweites Zuhause. Hier warten Bezugspersonen, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.