Dieser Gastkommentar von Hendrik Steckhan ist am 19.11.2013 im Handelsblatt erschienen. Hendrik Steckhan ist Geschäftsführer der Coca-Cola GmbH und meint, der Wettbewerb um die besten Talente muss sich an der gesellschaftlichen Realität orientieren.

Die Wissenschaft ist in der Frauenfrage gespalten. Das folgt aus einer Untersuchung der Universität Konstanz zur Frage, ob gemischte Führungsteams wirtschaftlich erfolgreicher sind. Elf von 25 Studien zeigen einen positiven Zusammenhang, fünf einen negativen und neun überhaupt keinen. In der unternehmerischen Praxis ist die Frage jedoch längst entschieden. Eine McKinsey-Studie zu wirtschaftlichem Erfolg und Diversity in Vorständen belegt, dass Firmen mit größerer Vielfalt deutlich höhere Kapitalrenditen und Betriebsergebnisse erzielen. In den USA setzt sich diese Erkenntnis immer mehr durch: Mit einem Frauenanteil von 14 Prozent lag das Land schon 2011 hinter Schweden auf Platz zwei.

Für einen Global Player im Markt für Güter des täglichen Bedarfs ist Diversity nicht bloße Option, sondern betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. 50 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen. Sie treffen rund 70 Prozent der Kaufentscheidungen weltweit und generieren einen Umsatzwert von knapp 15 Billionen Euro im Jahr. An diesen Wünschen sind Mitarbeiterinnen dichter dran.

Auch die Demographie spricht eine klare Sprache: Bis 2025 wird für Deutschland ein Mangel von fünf Millionen Arbeitskräften erwartet. Mindestens eine Million davon könnte durch einen höheren Frauenanteil in der Wirtschaft gestellt werden. Die Voraussetzungen hierfür sind gerade für leitende Positionen so gut wie nie. Heute sind weltweit 56 Prozent aller Hochschulabsolventen Frauen. Aber sie bewerben sich häufig erst dann auf eine Stelle, wenn sie glauben, nahezu alle Ausschreibungskriterien zu erfüllen. So wird manchmal Selbstkritik und Bescheidenheit zum Karrierehemmnis.

Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen wird zunehmen, je mehr sie die besten Talente mobilisieren. Erfüllende Aufgaben, Verantwortung um Job und Flexibilität wünschen sich alle, Rang und Gehalt sind manchmal eher zweitrangig. Wir brauchen noch mehr Flexibilität, mit den sich ändernden Realitäten der Lebens- und Familienphasen während eines Berufslebens produktiv umzugehen. Das Unternehmen sollte Talente unterstützen, für sich selbst realistische Karriereoptionen zu entwickeln. Denn Weiterentwicklung setzt die persönliche Entscheidung voraus, was und wann er oder sie selbst dafür investiert.

Dieser Ansatz ist Teil der Unternehmenskultur, der ich zugehöre. Mittlerweile sind vier von neun Mitgliedern der Geschäftsleitung der Coca-Cola GmbH Frauen – in einem LeadershipTeam aus fünf Nationen. Weltweit sind bei Coca-Cola über 30 Prozent Frauen in gehobenen Management-Positionen. Bis 2020 wollen wir fünf Millionen Frauen dabei unterstützen, entlang unserer Wertschöpfungskette selbst Unternehmerinnen zu werden.

Frauen sind Grundpfeiler für unternehmerisches und nachhaltiges Wachstum. Niemand kann sich Talentverschwendung leisten. Es muss das bestmögliche Talent zur richtigen Zeit den richtigen Job bekommen. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft. Frauenförderung darf nicht einfach nur als Teil von Diversity-Programmen verstanden werden, sondern muss von der Unternehmensführung als Normalität vorgegeben und als Teil einer  "Total Diversity" gelebt werden. Denn eine Wachstumsstrategie ohne Vielfalt wird es in Zukunft nicht mehr geben.

 

Hendrik Steckhan ist Geschäftsführer der Coca-Cola GmbH. Coca-Cola ist Mitglied und Patron der Amerikanischen Handelskammer Deutschland.