Natürlich wollten sie eigentlich den ersten Platz. Enttäuscht waren die Bürgerinnen und Bürger von Sinn trotzdem nicht. Schließlich machten sie stattdessen die Plätze zwei, drei und vier – und dürfen jetzt ganze drei Spielstätten bauen und sanieren.

DIE IDEE entstand aus der Not heraus, sagt Bürgermeister Hans-Werner Bender.

Seine Gemeinde im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis wollte etwas für ihre Spielplätze tun und hatte kein Geld. Als so genannte „Schutzschirmgemeinde“ stand Sinn mit den beiden Ortsteilen Edingen und Fleisbach unter strengen Sparauflagen.

Spielplatzplanung in Sinn

SO WÜNSCHE ich mir meinen Spielplatz: Die Kinder waren an der Planung beteiligt

 Das Dorf hatte einmal über seine Verhältnisse gelebt und nun für Schaukeln oder gar Skater-Anlagen auf absehbare Zeit überhaupt kein Geld. Die Bürger von Sinn sind aber alles andere als auf den Kopf gefallen was organisierte Selbsthilfe angeht. Rainer Staska, Ausschussvorsitzender für Jugend, Kultur, Sport und Soziales, organisierte kurzerhand die Teilnahme am Klick-Wettbewerb der Fanta Spielplatz-Initiative – und zwar mit Erfolg. Schon zwei Mal hatten sie dort ohne große Anstrengung Zuschüsse für Spielplatzsanierungen gewonnen, dieses Mal wollten sie die Sache professionell angehen.

„Eine starke Netzgemeinde gibt es nicht ohne eine reale Dorfgemeinschaft.“

Sie bewarben sich nicht nur mit einem Projekt, sondern als drei Ortsteile mit drei Spielplätzen, genauer, mit zwei Spielplatzsanierungen und einer Skaterbahn. Die etwa 600 Kinder und Jugendlichen in Sinn sollten schließlich alle etwas vom Gewinn haben. Und ihre Eltern auch. Weil ein Spielplatz nicht nur ein Aufbewahrungsort für Kinder ist, sondern eine Begegnungsstätte für das ganze Dorf, sind in Sinn wirklich alle gefordert. Das war schon so, als das Dorf den Plan ausheckte, mit dem es gewinnen wollte. Und jetzt? Kümmern sich alle gemeinsam um das Gestalten der Spielplätze.

Fanta Spielplatz Initiative Sinn

ALLE packen mit an, wenn die Geräte kommen



Zwischen Facebook und Fanta

Aber zurück zum Anfang. Wer bei der Fanta Spielplatz-Initiative gewinnen will braucht eine starke Netzgemeinde um das Online-Voting für sich zu entscheiden. Eine starke Netzgemeinde gibt es aber nicht ohne eine reale Dorfgemeinschaft. So trafen sich die Bürger von Sinn nicht nur auf der Facebookseite „Fanta Spielplatz-Initiative Spielplatz Sinn, Edingen und Fleisbach“, sondern auch offline. Immer sonntags gegen 18 Uhr gab es auf einem der Spielplätze eine „Fanta-Klick-Besprechung“, erzählt der Bürgermeister. Hier wurde motiviert, überlegt und gemeinsam geplant und in der Mitte standen für alle Planenden eine Kiste Fanta und eine Kiste Bier. In der heißen Klick-Phase wurden die Sinner daran erinnert, dass sie auch immer schön für die beiden anderen Gemeinden mitstimmen, damit am Ende auch wirklich alle gemeinsam durchs Ziel gehen. „Das stärkt den Zusammenhalt ungemein und stachelt die Ortsteile auch untereinander an. Wenn die einen ein schönes Fest zum Spatenstich haben, wollen die anderen das auch schaffen. Gewonnen haben am Ende aber alle gemeinsam.“ Und gemeinsam geht es auch weiter.

Mein Spielplatz – dein Spielplatz

Wer erreichen will, dass ein Dorf seinen Spielplatz liebt, darf nicht über die Köpfe der anderen hinweg entscheiden, sondern mit ihnen, weiß Bender. Deshalb malen Kinder Pläne, Mütter bitten darum, dass nicht nur Kleinkind-Schaukeln gekauft werden und Väter packen mit an wenn die gemeinsam ausgesuchten Spielgeräte aufgebaut werden. „Das gewonnene Geld geben wir komplett für die Spielgeräte aus. Auch deshalb ist es wichtig, dass hier alle mit anpacken und aussuchen. Denn darum geht es hier: Wenn die Leute den Spielplatz selbst mitgestalten, dann fühlen sie sich da später auch zuhause. Das ist dann der Spielplatz, für den wir uns alle verantwortlich fühlen.“

Immer sonntags gegen 18 Uhr gab es auf einem der Spielplätze eine „Fanta-Klick-Besprechung“.

Wer mitklickt und mitfiebert hat später auch Lust auf den Spielplatz zu achten. Dafür, dass die Soziale Kontrolle in Sinn auch wirklich funktioniert, hat Bürgermeister Bender ein Beispiel aus dem letzten Jahr. Die freiwilligen Spielplatzgestalter hatten einen Spielplatz am Samstagnachmittag verlassen und fanden dort am Sonntagmorgen ein hässliches Graffito. Als der Bürgermeister sich nachmittags auf den Weg machte um sich die Schmierereien anzusehen, konnte er sie nicht mehr finden. Irgendwer hatte den Künstler ausgemacht und ihn zum Schrubben eingeladen. Weitere Kunstwerke blieben aus. So funktioniert das in Sinn.

Spielen mit Sinn 

Aber jetzt geht es erst einmal um die drei Gewinnerplätze von 2016. Ein Spielplatz bekam für die 5.000 Euro eine große Nestschaukel und eine Seilbahn. Einen Fußballkäfig zahlte die Gemeinde aus dem Haushalt. Ein anderer Spielplatz wurde um eine Spielhütte, eine neue Leiter und eine Sitzecke für Mütter und Väter erweitert. Außerdem soll eine Skateranlage entstehen. So haben alle etwas vom Erfolg der Spielplatz-Initiative: Kleinkinder, große Kinder, Mütter, Väter, Jugendliche. Weil die Gewinnsumme selbst nicht ausreicht, packen die Sinner mit an. Den Bodenbelag für den Fußballkäfig verlegen sie selbst, beim Aufbau der Geräte helfen sie mit und für die Skateranlage suchen sie noch Sponsoren. Die gewonnenen 10.000 Euro reichen nämlich nur für den Boden. Dass trotzdem Halfpipes und Bänke dazukommen, daran hat Bürgermeister Bender keinen Zweifel. Die Bürger von Sinn sind schließlich ziemlich pfiffig darin, Geld aufzubringen und den Wert durch ihr Engagement noch zu verdoppeln. Das macht Sinn.