Die letzten Vorbereitungen für #GERNOR laufen, in wenigen Stunden füllt sich das Stuttgarter Stadion. Doch nicht nur Spieler und Fans bereiten sich auf einen solchen Tag vor - auch hinter den Kulissen läuft die Maschine heiß. Wir haben Marco Hagemann, der bei RTL alle Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft kommentiert, Anfang Juni in Nürnberg getroffen, als die Nationalelf ihr letztes WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino gespielt hat. Hagemann steht nicht auf dem Platz, gehört aber auch zum "Team Nationalmannschaft". Und so sieht ein Spieltag bei ihm aus:

8.20 Uhr: Marco Hagemanns Wecker klingelt schon in Nürnberg. In der Regel reist er einen Tag vorher an. Gestern hat er die Redaktion des kicker besucht, am Abend hat RTL ein Event veranstaltet. Jetzt geht der Kommentator erst mal zum Hotel-Buffet, liest die Zeitungen – zuerst natürlich den Sportteil. Sein Tipp für heute Abend? „7:0 für Deutschland.“

„Es ist schon ein heftiges Brett, was auf dich zukommt. Deswegen ist Konzentration ganz, ganz wichtig.“

10.45 Uhr: Marco Hagemann geht, bei sommerlichen Temperaturen, durch die Nürnberger City. Er versucht, an jedem Spielort die Atmosphäre aufzusaugen – lange vor Anpfiff. Er unterhält sich mit Fans, gerne auch mit den gegnerischen. Das gestaltet sich heute schwierig: San Marino ist halt nicht England oder Italien.

14.00 Uhr: Hagemann, früher selbst Landesliga-Fußballer, trifft in der Lobby des Mannschaftshotels den Co-Trainer Thomas Schneider auf einen Kaffee. Sie kennen sich seit Jahren. Die beiden sprechen über das Spiel, über die Aufstellung und die Taktik. „Es ist wichtig, von der Basis, also vom Kern der Mannschaft, die entsprechenden Informationen zu bekommen.“

Video: Die Vorbereitung

15.50 Uhr: Nächste Besprechung. Diesmal wieder im eigenen Hotel. Hagemann sitzt mit Tobias Genzler zusammen. Er ist seit Jahren seine rechte Hand. Analytiker. Ebenfalls Fußballfachmann. „Wir sprechen darüber, wie ich an das Spiel herangehen kann. Was ist die Geschichte dahinter? Was könnte ich dem Zuschauer vermitteln? Wie kann man das Spiel einordnen und welche Aussagekraft hat es“, erklärt Hagemann. Was sind Stärken und Schwächen des Gegners? Wie gehen die Teams taktisch vor? „Wir sind sehr akribisch, ähnlich wie das Trainerteam.“

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17.15 Uhr: Noch dreieinhalb Stunden bis zum Anpfiff. Auf zum Stadion! Dort trifft sich das RTL-Team zu einer letzten Ablaufbesprechung. Jetzt beginnt für Hagemann die Konzentrationsphase. Weil er später auch ein paar Minuten im Bild zu sehen sein wird, muss er noch in die Maske. „Das ist bei mir auf jeden Fall nötig“, sagt er.

19.45 Uhr: In 20 Minuten beginnt die Live-Sendung mit Vorberichten zum Spiel. Hagemann macht sich auf den Weg zu seinem Kommentatorenplatz. Er klebt drei DIN-A4-Zettel auf seinen Tisch. Auf zwei Blättern stehen die Aufstellungen, taktisch angeordnet. Auf dem dritten interessante Statistiken und Randgeschichten. „Das reicht aber aus“. 2004, bei seinem ersten Live-Kommentar, war das noch anders. Italienische Liga. Juventus Turin gegen Palermo. „Da hatte ich noch 25 Zettel dabei. Ohne Struktur. Ich hatte mich acht Wochen vorbereitet, hatte unendlich viele Geschichten im Kopf und wollte alle irgendwie unterbringen. Dadurch hab' ich am Ende fast das entscheidende 3:2 verpasst.“

Video: Die heiße Phase

 
20.05 Uhr: Die Liveshow bei RTL startet mit einem Blick ins VIP-Zelt. Während sich Moderatorin Laura Wontorra mit DFB-Chef Reinhard Grindel unterhält, checkt Marco Hagemann die drei Monitore an seinem Arbeitsplatz. Auf einem sieht er später das Spielgeschehen, auf dem anderen das RTL-Programm und der dritte ist der sogenannte Schnittmonitor. Damit kann „Hagi“ strittige Szenen nochmal nachschauen.

Die Sonne knallt ins Stadion, 25 Grad, blauer Himmel, bestes Fußballwetter

20.37 Uhr: „Schönen guten Abend, liebe Fußballfreunde. Willkommen aus dem Frankenland.“ Hagemann geht live auf Sendung. Die Sonne knallt ins Stadion, 25 Grad, blauer Himmel, bestes Fußballwetter. Die Polizeikapelle Bayern spielt die beiden Hymnen, die deutschen Fans rollen eine riesige Fahne aus. Dann kann es endlich losgehen.

20.45 Uhr: Anstoß. Hagemann ist jetzt hochkonzentriert. „Du musst aufpassen, dass dir nichts entgeht, hast die Regeln im Kopf und viele Informationen gespeichert.“ Aber es passieren während der Partie auch Dinge, die der Zuschauer nicht mitbekommt. Hagemanns Assistent Tobi meldet sich immer wieder über das Headset, wenn er auf dem Feld etwas Interessantes sieht. Ein Kollege aus der Statistikabteilung legt einen Zettel auf dem Tisch. „Bislang 6:0 Torschüsse.“ Der Regisseur gibt weitere Anweisungen. „Es ist schon ein heftiges Brett, was auf dich zukommt. Deswegen ist Konzentration ganz, ganz wichtig.“

21.35 Uhr: Halbzeit. Für Hagemann bedeutet das eine kurze Verschnaufpause. Er tauscht sich mit Tobi aus, schaut sich die Analyse bei RTL an. Manchmal verlässt er auch kurz seinen Platz, aus menschlichen Gründen. „Wenn die Toilette nicht ganz so weit weg ist, gehe ich kurz mal. Manchmal drückt man es auch einfach weg.“ Beim Kommentieren trinkt Hagemann jede Menge Wasser – da können zwei Stunden lang werden.

22.36 Uhr: „ ...in dieser Höhe völlig nachvollziehbar“. Das Fazit des Kommentators fällt nach den 92 Spielminuten eindeutig aus. 7:0 gegen San Marino hatte Hagemann am Morgen getippt. Ein echter Fachmann halt. Gedanklich schaltet er erst mal ab, Feierabend hat er aber noch nicht. Er schaut die Live-Übertragung zu Ende. Danach trifft sich das Team nochmal zu einer Abschlussbesprechung, die aber meist kurz ausfällt. „Man ist mit dem Kopf auch echt durch. Dann passiert nicht mehr viel.“

0.45 Uhr: Hagemann und ein paar Kollegen sitzen noch kurz an der Hotelbar, trinken Bier und Wein. Seit 18 Jahren arbeitet der Gütersloher beim Fernsehen. Viele Mitarbeiter sind zu Freunden geworden. Alt wird er an der Bar aber nicht. Der Tag war lang. Und auch die Stimme muss Hagemann schonen. Denn das nächste Spiel kommt bestimmt.

Video: Feierabend

MARCO HAGEMANN

wird 1976 in Gütersloh geboren und spielt als Jugendlicher beim VfB Schloss Holte in der Landesliga. Nach Anfängen als 15-jähriger Lokalsportreporter beim „Westfalen-Blatt“ wechselt Hagemann 2000 zum Deutschen Sport Fernsehen, moderiert vier Jahre später beim damaligen Pay-TV-Sender Premiere sein erstes Live-Spiel. Mittlerweile meldet Hagemann sich von Länderspielen bei RTL, der Bundesliga bei eurosport und der englischen Premier League auf DAZN. Nebenbei moderiert er einen Fußballtalk bei eurosport, für den er 2017 mit dem Deutschen Sport-Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Für seine Berichterstattung vom Tennis, seiner zweiten großen Leidenschaft, wurde er 2017 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Privat lebt Hagemann zwar in München, ist aber Fan von Borussia Dortmund.