Kämpferisch, kompromisslos, leidenschaftlich: Der FC St. Pauli ist mehr als ein normaler Fußballverein. Rund 280 Fanclubs hat der Hamburger Kiezclub mittlerweile. Sogar in Indien fiebert die Fangruppe „Raj Pauli“ mit dem Zweitligisten mit. Die Journey-Redaktion hat einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des Kultvereins geworfen. Wir haben mit Spielern, Fans und Mitarbeitern gesprochen. Sie alle verbindet die absolute Hingabe für ihren Club.

„Ein Tag beim FC St. Pauli“

9.00 Uhr:

Biggi

Wer satt ist friert nicht - Biggi sorgt dafür, dass die Kiebitze auch bei eisigen Temperaturen ihre Mannschaft anfeuern können


Seit zwei Stunden ist Birgid Hönig jetzt schon unterwegs  - aus Liebe für den FC St. Pauli. Um sieben Uhr hat sie mit dem Fahrrad Brötchen geholt und sie zuhause belegt: mit Käse, Schinken und Mett. Jetzt brüht die 58-Jährige frischen Kaffee in ihrem kleinen, neuen Verkaufsraum am Trainingsgelände: „Für die Journalisten und Kiebitze.“ Das sind die eingefleischten St. Pauli-Fans, die fast täglich beim Training zugucken. Für sie verkauft „Biggi“ nachmittags auch Kuchen. Und die Eltern der Jugendmannschaften versorgt sie abends natürlich auch noch: „Ich bin seit 20 Jahren Fan und durch Höhen und Tiefen gegangen. St. Pauli ist wie eine zweite Familie für mich. Ich gehöre dazu.“ Bei den Heimspielen am Wochenende ist „Biggi“ übrigens Ordnerin im Millerntor-Stadion...
 

10.05 Uhr:

Die Spieler kommen zum Vormittagstraining aus der Kabine. Torwart Philipp Tschauner ist heute früh um acht Uhr aufgestanden. Nach dem Frühstück (Knäckebrot und Kaffee) ging's zum Trainingsgelände. Es sind für ihn nur zehn Minuten mit dem Auto. Eine Stunde lang bereitet sich der 28-Jährige auf das Training vor, dehnt seine Muskeln, legt sich an Schulter und Fingern Tapeverbände an. Damit schützt er sich vor Verletzungen. Der Franke spielt seit 2011 beim Kiezklub und weiß, was die Fans erwarten: „Ob beim Training, im Kraftraum, in der Kabine oder beim Spiel: Leidenschaft gehört zum Fußball überall dazu. Gerade wenn man einen Teamgeist aufbauen will, ist Leidenschaft ein sehr wichtiger Faktor.“ Darum ist der 1,96-Mann auch heute voll motiviert bei der Sache: „Es gibt nichts Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Deswegen gab es bei mir noch nie den Moment, dass ich keine Lust aufs Training hatte.“
  

11.23 Uhr:

Gerd Lüdemann

Fan seit mehr als 6 Jahrzehnten: Gerd Lüdemann hat schon vieles gesehen


Gerd Lüdemann schaut beim Training nicht nur auf Philipp Tschauner. Der 73-Jährige sieht zum Beispiel auch, wie die Spieler durch einen LKW-Reifen schießen, der zwischen zwei Bäumen eingeklemmt ist. Schusstraining mal anders. Seit seinem 11. Lebensjahr ist Lüdemann St. Paulianer. Er kann sich keinen anderen Lieblingsverein vorstellen: „Es lohnt sich ins Stadion zu gehen, alleine um das Einlaufen der Spieler zu sehen. Wenn „Hells Bells“ von AC/DC ertönt: Was die Fans da veranstalten, das ist phänomenal. Das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Etwa 20 Fans sind an diesem sonnigen Wintertag zum Trainingsgelände an der Kollaustraße gekommen. Die meisten davon sind Rentner und Schüler.


12.34 Uhr:

Marisella Hirschmann

Rot, gelb, grün oder Toaster - Marisella weiß, was bei den Fans gerade in ist


Etwa sieben Kilometer vom Trainingsgelände entfernt liegt das legendäre Millerntor-Stadion, mitten in St. Pauli. Die Reeperbahn liegt quasi um die Ecke. Hier ist nicht nur an Spieltagen Betrieb. Mitarbeiter haben im Stadion ihre Büros, Greenkeeper pflegen den Rasen, Stadionführer zeigen den Fans die neuen Tribünen. Auch Marisella Hirschmann arbeitet hier. Im Fanshop verkauft sie Pullover, Trikots, CD's oder Kugelschreiber: „Sowohl die eingefleischten Fans als auch die Touristen kaufen hauptsächlich den Totenkopf in allen möglichen Farben und Formen“, erzählt Marisella. „Auf T-Shirts, Toastern, Collageblocks oder Taschen: Hauptsache Totenkopf.“ Das Kultlogo aus Totenkopf, gekreuzten Knochen und St. Pauli-Schriftzug wurde Ende der 80er Jahre entworfen – zunächst als T-Shirt-Motiv für den Stadtteil. Mittlerweile ist es DAS Symbol des Kiezclubs.
 

13.44 Uhr:

Timo Schultz beim Training

Mittendrin statt nur dabei, Schulle (ganz rechts in rot) ist noch immer top in Form!


Timo Schultz sitzt im ersten Stock des neuen Trainingsgeländes. Hier nennen den Co-Trainer alle nur „Schulle“. Der 36-Jährige ist auf St. Pauli eine Institution. Seit 2005 im Verein, seit drei Jahren auf der Trainerbank: „Nach Fußball-Profi ist das, was ich jetzt machen darf, mein absoluter Traum“. Seit acht Uhr ist Timo Schultz schon auf dem Gelände, hat sich nach dem ersten Training schnell etwas zu Essen geholt. Jetzt bereitet das Trainerteam die Nachmittagseinheit vor: „Idealerweise geben alle Spieler beim Training 100 Prozent. Ich weiß aber auch, dass es mal solche und mal solche Tage gibt. Generell will sich aber jeder Spieler verbessern, und dafür gibt es ja das Training“.  Er selbst macht bei vielen Übungen mit – 90 Minuten hält „Schulle“ aber nicht mehr durch: „20 Minuten mitmachen beim Training, ist kein Problem. Wenn die jungen Spieler ihre Haken schlagen, komm' ich aber nicht mehr hinterher“, lacht der ehemalige Mittelfeldspieler.


Shane Wiese

Immer der erste auf dem Platz: Shane Wiese sorgt für ein perfektes Trainingsgelände


14.13 Uhr:

Shane Wiese ist schon seit 7.30 Uhr auf dem Trainingsgelände. Der Platzwart und Hausmeister trägt seine Leidenschaft quasi im Nachnamen. Er stellt sicher, dass die Profis optimale Trainingsbedingungen vorfinden. Dafür lockert der 41-Jährige den Rasen, schließt Grasnarben und geht geduldig mit seiner Rasengabel Meter für Meter die Trainingsplätze auf und ab: „Die Rasengabel ist die Mutter aller Gabeln und mein täglicher Begleiter. Ohne die bin ich nie auf der Anlage unterwegs. Löcher und Unebenheiten finden sich nämlich überall und nirgends auf den Naturplätzen.“ Zeit, sich das Training anzugucken, hat Shane Wiese in der Regel nicht. Aber bei den Heimspielen ist er natürlich immer im Stadion.


15.23 Uhr:

Die Spieler stehen wieder auf dem Platz. Die meisten waren mittags zuhause - haben gegessen, sich etwas hingelegt. Jetzt ist auch Dennis Daube wieder da. Der 24-Jährige ist in Hamburg geboren und war schon als Kind Fan des FC St. Pauli. Seit der Jugend spielt er jetzt schon bei seinem Lieblingsclub: „Mein erstes Spiel mit den Profis war ein ganz besonderes Erlebnis. Am Millerntor aufzulaufen ist etwas Einmaliges“. Heute kann der Mittelfeldspieler nicht mit seinen Mitspielern trainieren, sondern macht Einzeltraining. Denn wegen einer Verletzung muss er noch pausieren. Dennis freut sich trotzdem, jeden Tag seine St. Pauli-Familie zu sehen: „Wir sind eine Supertruppe und haben auch privat viel Spaß miteinander. Wir gehen ab und zu ins Kino zusammen, gucken Champions League oder machen einen Playstation-Abend.“
  

16.31 Uhr:

Frank Schwolow

Frank Schwolow hält seinem Verein die Treue- ein Fan mit Leib und Seele


Frank Schwolow trägt seine schwarze St. Pauli-Kappe - natürlich mit dem Totenkopf-Logo. Angeregt unterhält er sich mit den anderen Kiebitzen. „Ich komme oft zum Training. Ich sehe immer wieder, wie freundlich die Spieler und Trainer sind“, erzählt der 74-Jährige. „Wenn sie aus der Kabine kommen, dann lächeln sie und geben uns sogar die Hand.“ Der Rentner fährt oft zu Auswärtsspielen und freut sich über die Kameradschaft unter den Fans. „Biggi“ kommt vorbei und bringt Frank Schwolow einen heißen Kaffee. Es ist kalt an diesen Nachmittag. „Wir Fans reden hier so viel miteinander. Vom Training kriegen wir gar nicht viel mit“, lacht der eingefleischte St. Paulianer aus Norderstedt.
  

17.43 Uhr:

Christoph Pieper

Kennt keinen Feierabend: Medienchef Christoph Pieper


Christoph Pieper war gerade noch beim Training und kommt  wieder an der Geschäftsstelle am Millerntor an. Täglich betreut der Medienchef am Trainingsgelände drei bis acht Pressevertreter und koordiniert ihre Interview-Anfragen. Jetzt beantwortet der 41-Jährige E-Mails und bereitet Meetings mit der Geschäftsleitung vor. In wenigen Minuten fährt er nach Hause. Aber auch nach Feierabend ist der FC St. Pauli oft noch Thema im Hause Pieper: „Das Telefon ist immer an. Denn Medienanfragen können rund um die Uhr kommen. Am späten Abend gucke ich oft noch die Hamburger Online-Medien durch, ob und wie über den Club berichtet wird.“





Sönke Goldbeck

Wie der St. Pauli berühmt wurde, weiß Sönke Goldbeck ganz genau


18.55 Uhr:


In den Katakomben des Millerntor-Stadions trifft sich der Vorstand des Vereins „1910 V. Museum für den FC St. Pauli“. Der gemeinnützige Förderverein arbeitet unter anderem an der Planung und Finanzierung eines Museums auf der Gegengeraden. „Das Museum wird das Gedächtnis des Vereins und soll die unglaubliche Geschichte erzählen, wie ein Hamburger Stadtteilclub zu einem der bekanntesten Vereine Europas wurde“, sagt Vorstandsmitglied Sönke Goldbeck. Ohne große Titel und ohne großes Geld. „Aber mit Leidenschaft, politischem Engagement und einer sportlichen Achterbahnfahrt“, erzählt der langjährige St. Pauli-Fan.