Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Kegel. 

Die Mama-AG

Das Kind als Kantinen-Thema

Jede Frau, die in Pausen mit Kolleginnen zusammensitzt, kennt die Situation: Während man mittelkonzentriert in seinem Kaffee rührt, erzählt eine junge Mutter voller Stolz, wie ihr Spross gerade laufen lernt, sich an Brei gewöhnt oder Förmchen durch den Sandkasten schmeißt. Früher war ich genervt von Kinder-Erzählungen, heute ertappe ich mich dabei, dass ich genauso erzählen will. Dabei frage ich mich immer wieder, wo verläuft die Grenze? Was ist eine launige Anekdote, die mal kurz für Heiterkeit sorgt und mit welchen Details gehe ich Müttern und Nicht-Müttern, Singles, fürchterlich auf den Keks. Jeder kennt Mütter, die mit schlafwandlerischer Sicherheit die Grenze regelmäßig überschreiten. Da erfährt das geneigte Umfeld alles vom Schwangerschaftstest über peinliche Szenen beim Geburtsvorbereitungskurs, die Geburt, die ersten Wochen, Ärger mit der Hebamme, Still- und später Abstillprobleme, erstes Greifen, nächtliches Durchschreien, erste Worte (Mama), Beikost, Robben, Krabbeln und natürlich – die Windeln. Ich verstehe, dass jede Mutter jeden Entwicklungsschritt ihres Sprösslings für einzigartig und vor allem mitteilenswert hält. Aber manchmal – sogar recht oft – denke ich doch: „Das will ich jetzt nicht wissen.“

INHALTLICH okay: Windeltratsch gehört dazu
INHALTLICH okay: Windeltratsch gehört dazu

Bei den Windeln hört es auf

„Es ist ein Klischee“, dachte ich immer. „Es ist Realität“, weiß ich inzwischen. Es gibt wirklich Mütter, die beim Mittagessen über Windelinhalte sprechen. Versteht mich nicht falsch. Ich habe ein Kleinkind und ich weiß, dass alles rund um das Wickeln wichtig sein kann. Aber ich finde, das bleibt hinter der geschlossenen Badezimmertür oder wo auch immer der Wickeltisch steht.

Dabei geht es mir gar nicht um die Windeln. Ich frage mich nur, wie viel ich aus dem Elternleben von Kollegen wissen und was ich selbst darüber erzählen möchte. Natürlich sprechen wir alle im Job über unsere Kinder. Das ist nett, lockert auf und gehört dazu. Aber nicht immer und nicht über alles! Ich fände es befremdlich, wenn ich von einer Kollegin nicht wüsste, dass sie ein Kind hat. Genau so befremdlich finde ich es, wenn Intimitäten aus dem Familienleben Dauerthema sind.

Wie viel Familienleben gehört in den Arbeitsalltag?

JOB ist Job und Spielplatz ist Spielplatz
JOB ist Job und Spielplatz ist Spielplatz

Ich kenne Frauen, die nicht erwähnen würden, dass sie Kinder haben oder haben wollen, weil sie befürchten, dass sie für manche Karriereschritte nicht mehr in Erwägung gezogen werden. Das finde ich schwierig, traurig und falsch. Diese Haltung zementiert ein Denken, gegen das sie sich eigentlich wenden wollte. Kinder sollen auch im Beruf sichtbar sein. Wenn die verschlafene Kollegin „Zähnchen“ murmelt, weiß ich, was ich an dem Tag von ihr erwarten kann. Wenn sie mir erzählt, wie das Kind zustande gekommen ist, finde ich das zu viel. Nicht nur, weil ich Dinge aus ihrem Leben erfahre, die mich nichts angehen, sondern weil es dabei nicht nur um das Intimleben der Frau geht, sondern auch um die Persönlichkeitsrechte des Kindes.

Auch Babys werden größer

Um das für mich selbst zu testen, frage ich mich immer, ob ich eine Geschichte über meinen Sohn auch dann noch erzählen würde, wenn er größer wäre. Das ist ein Nebenaspekt, wenn Mütter über Windeln plaudern: Babys und Kleinkinder können sich noch nicht wehren. Wenn sie ein paar Jahre älter wären, könnten sie selbst sagen, dass sie nicht möchten, dass Handybilder von ihnen auf dem Töpfchen im Büro gezeigt oder irgendwo gepostet werden. Bis sie uns das sagen können, müssen wir für sie entscheiden. Manchmal ist es besser, die abenteuerliche Geschichte von der ausgelaufenen Windel im Krabbelcafé für sich zu behalten. Oder sie einfach nur dem Kindsvater und einer Freundin zu erzählen – nicht der Quasiöffentlichkeit in der Kaffeeküche oder auf Facebook.

Alles zu seiner Zeit

Auch wenn es manchmal schwierig ist, sich nicht gleich am nächsten Morgen mitzuteilen – für uns habe ich inzwischen einen Weg gefunden. Im Job bin ich im Job und auf dem Spielplatz bin ich auf dem Spielplatz. Wenn aber auf dem Spielplatz etwas passiert, was wirklich nett und lustig ist und meine Kolleginnen in irgendeiner Form bereichern könnte, dann erzähle ich das auch. Manchmal bringt uns das zum Lachen, manchmal auch zum Lernen. Ich selbst habe durch diesen netten, lockeren und unterhaltsamen Flurtratsch mehr wertvolle Tipps bekommen, als in einen Ratgeber passen (Danke, Kolleginnen!). Und was sich nicht zum Nachahmen empfiehlt, das bleibt Geheimnis zwischen meinem Sohn und mir.

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