Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Chaos. 

Die Mama-AG

ES GIBT VIELE GRÜNDE, aus denen ich es spannend finde, für einen internationalen Konzern zu arbeiten. Ich arbeite gerne auf Englisch, ich arbeite gerne mit Kollegen aus anderen Ländern zusammen und ich arbeite auch sehr gerne mal im Ausland. Konferenz in Atlanta? Super. Besprechung in Brüssel? Her damit. Und das Seminar in London mache ich auch. Selbst wenn Auslandstermine oft dicht gepackt sind: Ich genieße es, zwischendurch mal aus Berlin rauszukommen, andere Luft zu schnuppern und Impulse von Kollegen mitzunehmen, die ein bisschen anders ticken als wir.

Reisen beflügelt – eigentlich

Früher habe ich manchmal die Gelegenheit genutzt und noch ein paar Tage oder auch Stunden drangehängt um mir in Ruhe anzusehen, wo ich konferiert habe. Aber das war einmal. Denn seit drei Jahren ist es vorbei mit den freien Nachmittagen in Brüssel und dem Tag in Atlanta. Auch eines der Dinge, die einem keiner verrät wenn man schwanger wird: Geschäftsreisen werden zur Herausforderung.

Eines der Dinge, die einem keiner verrät wenn man schwanger wird: Geschäftsreisen werden zur Herausforderung


Neulich war es wieder soweit. Ein Treffen mit den Europa-Kollegen in Brüssel. Es ging nur um zwei Tage und eine Übernachtung, also keine große Sache. Für mich aber ein logistischer Kraftakt. Mein Mann und ich sitzen dann erst einmal mit den Kalendern da und vergleichen, welcher Termin wie wichtig ist, wie lange dauert, wie viel Puffer eingebaut werden muss und wie sich das mit den Kindergarten-Zeiten verträgt. Wer bringt Fritz in den Kindergarten, wer holt ihn ab, wer ist am Nachmittag auf dem Spielplatz, wer bringt ihn ins Bett. Vor allem den Puffer lerne ich immer mehr zu schätzen.

Mama-AG - Geschäftsreisen

STRESS im Stau: Schaffe ich es rechtzeitig zum Kindergarten?


Es ist der blanke Horror, in einem Taxi auf dem Rückweg vom Flughafen im Stau zu stehen und zu wissen, dass man es nicht pünktlich zum Kindergarten schafft. Wenn der Papa sich freinehmen kann, ist das irgendwie zu schaffen. Wenn nicht und es keine Großeltern vor Ort gibt, wird es noch einen Grad schwieriger und zudem ganz schön teuer. 


Alle Kräfte mobilisieren 

Ich hatte immer schon einen Heidenrespekt vor Alleinerziehenden. Wenn ich beruflich weg muss, bin ich jedes Mal bereit, allen Alleinerziehenden einen Orden anzuheften. Schon mit einem engagierten Papa brauche ich pro Geschäftsreise mindestens noch eine Babysitterin und/oder einen Großelternteil als Sicherheit. Omis, Opis, Babysitter und selbst Papas werden nämlich gerne mal krank, wenn eigentlich alles durchgeplant ist und ich mit Rollkoffer in der Tür stehe.

Ich schaue in jeder freien Sekunde auf mein Handy, ob es irgendeinen Grund gibt, SOFORT abzureisen


Selbst wenn niemand hustet oder schnupft, alle Straßen frei und alle Puffer einkalkuliert sind, gibt es da noch ein Problem, an das ich früher nie gedacht hätte: Ich vermisse Fritz wie wahnsinnig, wenn ich ihn zwölf Stunden am Stück nicht sehe. Auch damit muss eine arbeitende Mutter erst einmal klarkommen. Statt meine ungewohnte Freiheit zu genießen, schaue ich in jeder freien Sekunde auf mein Handy, ob es irgendeinen Grund gibt, SOFORT abzureisen. Das ist noch nie passiert. Fritz fällt nicht ständig von der Schaukel und muss dann mit Gehirnerschütterung in Krankenhaus.

Fritz geht es in der Regel prima, wenn ich weg bin. Er geht mit der Babysitterin Eis essen, er lässt sich von Papa im Bett eine Extra-Jungs-Geschichte vorlesen und er freut sich wie toll wenn ich nach zwei Tagen zurück bin. Ich auch. Dann bin ich meist drei Tage damit beschäftigt, das Fritz-Vermissen zu kompensieren. Da ziehen wir praktisch auf dem Spielplatz ein. Und zwar auf dem allertollsten Spielplatz!

Ich vermisse mein Kind wie wahnsinnig. Auch damit muss eine arbeitende Mutter erst einmal klarkommen


Auch wenn die Vorbereitung ein reiner Stress ist und das Vermissen ein wirkliches Problem, so versuche ich doch zumindest auch das zu tun, was alle Freunde mir raten: Es ein bisschen zu genießen. Also nicht nur die Meetings mit den Kollegen, sondern auch die Tatsache, dass ich mich alleine in einer fremden Stadt bewegen kann, dass ich in einem frisch gemachten Hotelbett schlafe und nicht mitten in der Nacht von einem kleinen Mann geweckt werde, der vielleicht schlecht geträumt hat. Auch morgens (nach einer durchgeschlafenen Nacht!) kann es ganz großartig sein, wenn ich mich nicht in Stücke reiße, sondern ganz gemütlich dusche und mich an einen gemachten Frühstückstisch setzen kann. Wahnsinn! Kaffee trinken ohne mit einem Auge darauf zu schielen, ob gleich der Kakao umkippt und ich ihn vielleicht noch fangen kann. Das hat fast was von Urlaub.

 

Mama-AG - Geschäftsreisen

VIELLEICHT doch mal wieder einen Espresso in der Stadt?


Genieß das doch mal!

Wenn ich den Entspannungsfaktor gegen den Vorbereitungsstress rechne, komme ich trotzdem nicht umhin, zu sehen: Ein Wellnessaufenthalt ist das nicht. Unnötig zu sagen, dass Verlängern überhaupt nicht in Frage kommt. Noch einen halben Tag dranhängen zum Schlendern und Espressotrinken? Kommt nicht an gegen meine Wiedersehensaufgeregtheit. Vielleicht legt sich das irgendwann ein bisschen. Vielleicht werde ich es irgendwann hinkriegen, einen entspannten Nachmittag in Brüssel zu verbringen und die Ergebnisse meiner internationalen Meetings sacken zu lassen, bevor ich wieder im Mama-Modus loshetze. Aber im Augenblick gehört zu den schönsten Momenten der Geschäftsreise: das Heimkommen.

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