Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Chaos. 

NEULICH IM AUTO telefonierte ich mit einer Freundin, deren Kind gerade mittagschlief. Sie hatte fünf Minuten Leerlauf und musste etwas loswerden. Sie hatte sich gerade wahnsinnig über eine typische Mom@Work-Situation aufgeregt. Das ging so: Sie war nachmittags um drei mal wieder spät aus einem Meeting gekommen und entsprechend gehetzt auf dem Weg zur Kita. Sie fuhr ihren Rechner runter, mit einer Hand noch am Telefonhörer, mit der anderen autoschlüsselsuchend, zog sich im Gehen die Jacke an, sprang in den Aufzug und traf dort auf eine Kollegin. Sagt die: „Ich hätte jetzt auch gerne frei.“ FREI! Das hatte sie gesagt. Wer den roten Kopf und die Schnappatmung in dem Moment nicht versteht, ist entweder kinderlos oder hat Personal. Ich versuche in solchen Augenblicken ruhig zu bleiben, von 20 rückwärts zu zählen und lächelnd zu entgegnen: „Ich auch.“ 

Manche Leute denken, dass Mütter sich, sobald sie das Büro verlassen, mit einem Latte Macchiato in nächste Café setzen


Die Mama-AG - Freizeit
AUS DEM BÜRO gleich ins Café: leider eine Fantasie...

Ich will überhaupt nicht jammern. Ich habe dieses Leben gewählt und würde es wieder und wieder tun. Aber ein Grund, aus dem arbeitende Mütter und kinderlose Kollegen gelegentlich aneinander vorbeireden ist das Wort „Freizeit“. Da verläuft eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Welten. Die einen denken, dass Mütter sich, sobald sie das Büro verlassen, mit einem schönen Latte Macchiato ins nächste Café setzen und sich mit anderen Müttern gepflegt über Bio-Baumwoll-Klamotten austauschen bevor sie ihre still puzzlespielenden oder chinesischlernenden Kinder wieder einsammeln, mit ihnen gemütlich nach Hause schlendern, um Grünkern-Puffer zu braten, Leo Lausemaus vorzulesen und, kaum ist das Kind im Bett, die Füße hochlegen oder Yoga machen.

Ich habe nichts gegen Latte Macchiato und auch nichts gegen Mütter mit Zeit. Genau so wenig habe ich etwas gegen Menschen ohne Kinder mit oder ohne Zeit. Aber das letzte Mal, dass ich einen gemütlichen Kaffee getrunken habe, dürfte in der Elternzeit vor zweieinhalb Jahren gewesen sein. Da war mein Säugling vermutlich gerade eingeschlafen.

Zwischen zwei Welten  

Die Mama-AG

Was arbeitende Mütter täglich leisten, ist nichts anderes als ein permanenter Wechsel zwischen zwei Welten, zwischen denen es keine Verbindung gibt. Neulich hatte ich wieder einen Tag, da kam ich vor lauter Wechsel kaum noch zum Atmen. Von Latte Macchiato ganz zu schweigen. Es war so: Morgens Frühstück mit Fritz. Wir bauen Brötchenkrokodile. Dann Wickeln, Zähneputzen, eine Diskussion um die Kleiderauswahl, Anziehen, schnell zum Kindergarten, Fritz möglichst ohne Hektik verabschieden, dann aber ganz schnell ins Büro. Ein dichter Tag mit getakteten Meetings. Brötchen am Schreibtisch. Dann wieder schnell zur Kita, Fritz holen, selbst Jeans anziehen und zum Kindergeburtstag von Freund Hugo. Danach schnell nach Hause, mit Fritz Schätze aus seiner Überraschungstüte vom Kindergeburtstag bestaunen. Übergabe Babysitterin.

Ich kann nicht so tun, als gäbe es keine Welt da draußen, nur meinen Mama-Stern und meinen Arbeits-Stern. 


Ich habe vier Minuten zum Umziehen und Frischmachen. Los zum Business-Dinner mit Themen von Coke bis zur aktuellen politischen Lage. Zurück nach Hause, nach Fritz sehen und ab ins Bett, der nächste Tag geht schließlich auch wieder früh los. Luft geholt habe ich an dem Tag nur im Auto. Und es war ein ziemlich normaler Tag.

Mama-AG – Freizeit - Yoga

YOGA fällt für Working Moms auch häufig aus...


So sehr ich oft über Berlin und die weiten Strecken fluche und die Fahrzeit als verlorene Zeit betrachte, so froh bin ich manchmal darum, ruhig im Auto sitzen zu müssen, und mich nur auf den Straßenverkehr zu konzentrieren und dabei mit Freundinnen zu telefonieren. Ich kann ja auch nicht so tun, als gäbe es keine Welt da draußen, nur meinen Mama-Stern und meinen Arbeits-Stern. 

Leben auf dem Mars

Manchmal frage ich mich wirklich, warum die Vorstellung, dass es Leben auf dem Mars geben könnte, die Leute so fasziniert. Dabei haben die meisten von uns nicht einmal eine Idee davon, dass es mitten unter uns Menschen gibt, die täglich vom Leben auf einem anderen Stern berichten können. Manchmal würde es reichen, sich im Aufzug einfach anzuhören, wie das so ist, wenn man zwischen zwei Sternen durch den Tag düst. Vielleicht würden wir uns dann alle ein bisschen besser verstehen? Neulich las ich einen netten Blogbeitrag, ich glaube gepostet bei Tollabea: „Zehn Mütter kleiner Kinder werden gefragt, was sie in ihrer Freizeit machen. Acht haben die Frage nicht verstanden, zwei sind eingeschlafen.“

Newsletter Abo