Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Kegel. 

Kinder ändern alles! 

Die Mama-AG

Ich war nie so blauäugig zu glauben, dass ich ein Kind bekäme und alles würde so weitergehen wie immer. Also Arbeit, Familie, Beziehungen, Kollegen, Freunde, Ausgehen, Hobbys und so weiter. Wenn tatsächlich alles bliebe wie zuvor, bräuchte man ja kein Kind zu bekommen. Kinder werfen erst einmal alles um. Mami, Papi und alle anderen Beteiligten können dann sehen, wie die neue Grundordnung aussieht – die sich mit beinahe jedem Entwicklungsschritt wieder ändert. So weit, so klar. Ich hätte aber nicht gedacht, dass auch Freundschaften und eigentlich alle nahen Beziehungen sich ändern würden. Das tun sie aber. Nicht zuletzt, weil jede Frau und jeder Mann sich ändert, wenn eine Rolle dazukommt, die kein Mensch vorher üben kann: die Mama- und die Papa-Rolle.

Wenn Freundinnen Mamas werden

Freundinnen, die Kinder bekommen, fand ich früher oft ein wenig komisch. Sie hatten auf einmal andere Themen, konnten sich in Gesprächen nie besonders gut konzentrieren, weil Kinder eigentlich immer irgendwas wollen, und sie wurden plötzlich so Muddi-mäßig. Also zum Beispiel nicht Stillen, ewig Stillen, überbesorgt Fieber messen, Impfen oder nicht Impfen, Zucker vermeiden, Bio kaufen, Brei kochen, Gläschen kaufen, Kitas besichtigen und so weiter. Vor zweieinhalb Jahren sah ich dann: Ich bin genau so. Auf einmal mache ich viele Dinge, die kinderlose Freundinnen komisch finden müssen.

Bio kaufen, Brei kochen, Kitas besichtigen. Vor zweieinhalb Jahren sah ich: Ich bin genau so



Alte Freundinnen, neu entdeckt

Mama-AG – Freundinnen
STILLEN, Krabbeln, Beikosteinführung: Mütter haben plötzlich Themen, die kinderlose Freundinnen komisch finden 

Wenn eine werdende Mama sich fragt, ob sie eigentlich zum Geburtsvorbereitungskurs muss, bekommt sie von der Hebamme meist den Tipp: „Die Fakten kann ich dir auch so erzählen, aber im Kurs lernt ihr Eltern im Kiez in der gleichen Situation kennen.“ Ich hatte aber überhaupt kein Bedürfnis nach einem neuen Freundeskreis. Und ich konnte mir nicht vorstellen, mich mit neuen Menschen anzufreunden, nur weil sie auch gerade ein Baby erwarteten. Ich hatte doch Freundinnen – mit einer wesentlich größeren Schnittmenge an Interessen. Auch hier kam die Erkenntnis erst im Rückblick: Alte Freundinnen sind Gold wert! Aber man muss sich in einem ganz anderen Maße um die gewachsenen Freundschaften kümmern. Sätze wie: „Ich komm mal schnell vorbei,“ „Lass uns nach dem Sport noch Essen gehen“,  „Bist du auch grad wach?“ kann man nämlich erst mal einmotten.

Freundschaft nach Masterplan

Spontan geht gar nichts mehr mit Kleinkind, das müssen sowohl die Mamas als auch die kinderlosen Freundinnen erst verstehen und wegstecken. Freundschaften müssen auf einmal richtig gepflegt werden. Nicht jede Freundschaft übersteht es auf die Dauer, wenn die Planungsphase für ein Kaffeetrinken auf einmal kompliziert wird und von Papas Arbeitszeiten, Babysitters Hausaufgaben und einem wichtigen Auftrag für die wieder arbeitende Mutter abhängt. Gerade wenn die Arbeit sich wieder in den Alltag schiebt und an den Abenden – wenn Kinder schlafen – noch ein paar Mails beantwortet werden müssen, verschiebt sich der Kinobesuch mit Freundin auf einmal um Wochen und Monate. Diesen Spagat muss eine Freundschaft erst einmal schaffen. So werden manche Freundschaften durch Kinder schwieriger, manche um eine Facette reicher. Ich habe zwei meiner engsten Freundinnen kurzerhand in die Familie integriert. Sie sind Patentanten für Fritz und oft bin ich gerührt, wie viel Anteil sie an unserem Familienleben haben.

Wenn die Arbeit wieder hinzukommt, verschiebt sich der Kinobesuch mit der Freundin um Wochen und Monate.



Zwischen Freundinnen und Expertinnen

Nicht nur der Kontakt zu kinderlosen Freundinnen wird komplexer, auch der Umgang mit anderen Mamas ist nicht so leicht, wie eine Anfängerin sich das vorstellt. Denn es sieht so aus: Kaum aus der Klinik entlassen, wird die frischgebackene Familie zugeschüttet mit Tipps von Expertinnen. Expertin ist jede Mutter, die auch nur einen Tag mehr Erfahrung hat als man selbst. Anfangs war ich dankbar für den einen oder anderen Ratschlag, später nicht mehr. Ich bin heute nicht per se beratungsresistent, aber doch ein wenig selbstbewusster in Sachen Kindererziehung. Da ist gelegentlich Diplomatie gefragt. Sonst streitet man sich auf einmal mit Freundinnen über Themen, über die wir uns früher kaputtgelacht hätten. 

Freundinnen im Kiez

Mama-AG – Freundinnen
MAMAS um die Ecke können schnell zu neuen (Sports-)Freundinnen werden


Knapp nach der ersten Kokon-Phase mit Baby setzt bei den meisten Müttern auf einmal das Bedürfnis nach Austausch mit Gleichgesinnten ein. Zum Glück beginnt dann auch das Leben mit den Kursen. In meinem Fall war es ganz klischeehaft ein Pekip-Kurs, der mich mit Müttern aus dem Kiez zusammenbrachte. Sie standen genau dort, wo ich mich zu dem Zeitpunkt befand: irgendwo zwischen Stillen, Krabbeln und Beikosteinführung. Und siehe da: der alte Tipp der Hebamme war gar nicht schlecht. In manchen Situationen braucht man eben doch nicht die älteste Freundin, die liebste Kollegin, die erfahrene Cousine, sondern einfach Mamas um die Ecke zum Kinderwagenschieben.

Wenn der Freundschaftspflege die Spontaneität verloren geht, müssen feste Pläne her.



Unter Gleichgesinnten

Manche dieser Mamas, die ich in der Baby-Zeit kennengelernt habe, sind zwischen Babymassage und Spielplatz auch wieder verloren gegangen. Andere sind geblieben. Aus der Pekip-Gruppe hat sich eine Clique aus fünf Mädels mit inzwischen acht Kindern entwickelt. Wir sind richtige Freundinnen geworden. Wir sehen uns einmal pro Woche mit den Kindern und einmal im Monat ohne. Dann gehen wir abends aus (sogar tanzen!). So ist das bei Müttern: Wenn der Freundschaftspflege die Spontaneität verloren geht, müssen feste Pläne her. Und wieder habe ich etwas gelernt: Mit Kind wird alles anders. Aber vieles wird auch schöner. 

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