Sie oder er ist das unbekannte Wesen, das wir unbedingt zufrieden stellen wollen, denn es bestimmt über unseren Erfolg im Job: die Chefin oder der Chef. Kate White war 16 Jahre erfolgreiche Chefredakteurin der Cosmopolitan und ist jetzt gefragte Karriere-Expertin – sie verrät in ihrem vierten Buch “I Shouldn’t Be Telling You This: Success Secrets Every Gutsy Girl Should Know.” („Eigentlich geheim: Erfolgsgeheimnisse, die jedes toughe Mädchen kennen sollte.“) unter anderem, wie man sich Chefs gegenüber klug verhält. Im Interview mit Coca-Cola Journey gibt sie noch mehr Tipps für die Karriere:

Immer mehr Menschen nutzen soziale Medien wie Facebook oder  Twitter. Viele sind online die „Freunde“ oder „Follower“ ihrer Arbeitgeber und Kollegen. Ist das klug? Oder sollte man lieber aufpassen, Privates und Beruf nicht zu sehr zu vermischen?

Definitiv! Solange Sie nicht beruflich in der Öffentlichkeit stehen wie z.B. Sportler oder Leute im Showbusiness, sollten Sie Ihre Facebook- und Twitter-Seiten strikt professionell halten. Veröffentlichen Sie auf Facebook oder Twitter interessante Artikel, die mit Ihrem Berufsfeld zu tun haben. Glauben Sie mir. Auch wenn sich Ihr Vorgesetzter scheinbar nichts aus den Status-Updates ihres Privat- oder Nachtlebens macht, in gewisser Weise wird er es dennoch unprofessionell finden, und Sie erscheinen in einem ungünstigen Licht.

Wie führe ich ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch?

Ich rate Leuten immer zu drei Dingen:

1.    Seien Sie sich darüber im Klaren, dass die Entscheidung, jemanden nicht einzustellen, in den ersten fünf bis fünfzehn Minuten fällt.  Erstmal langsam ankommen ist also nicht drin. Sobald Sie durch die Tür treten, zählt jedes Detail: Körpersprache, Kleidung, enthusiastische Ausstrahlung – alles muss stimmen. 

2.    “Show the love” - seien Sie leidenschaftlich und engagiert. Stellen Sie Fragen, die zeigen, dass Sie sich vorbereitet haben und dass Sie gute Arbeit leisten wollen. Anstatt Ihr Gegenüber mit Fragen in Bezug auf Gleitzeit oder Zusatzleistungen zu löchern, fragen Sie lieber, wo er auf dem jeweiligen Gebiet großes Wachstum erwartet.

3.    "Ask for the business": Seien Sie direkt und sagen Sie am Ende eines Vorstellungsgesprächs: "Dieser Job klingt interessant und ich würde gerne hier arbeiten."

Ein schwieriges Thema, besonders für Frauen: Gehaltsverhandlungen. Was empfehlen Sie hier?

Ich rate dazu, die so genannte "ZOPA"-Technik anzuwenden, die Abkürzung steht für “zone of possible agreement” (Bereich der möglichen Übereinstimmung). Dabei handelt es sich um den Gehaltsrahmen, über den Sie sich vor jeder Verhandlung im Klaren sein müssen. Also anstatt sich einfach einen Betrag zu überlegen und zu hoffen, dass Ihr Arbeitgeber bereit ist, diesen zu zahlen, informieren Sie sich vorher. Gehen Sie auf professionelle Seiten oder sprechen Sie mit anderen in Ihrer Branche, um ein Gefühl für eine gängige Vergütung in Ihrer Position zu erhalten.

Egal welcher Betrag Ihnen als erstes angeboten wird, seien Sie sich bewusst, dass die meisten Arbeitgeber den Ball zunächst mal flach halten. Sagen Sie in einem netten Ton: "Ich würde gerne hier arbeiten. Es klingt nach einer großartigen Gelegenheit, aber ich hatte mir mehr erhofft. " Nennen Sie daraufhin einen Betrag, der näher am oberen Ende des ZOPA-Bereiches liegt. 

Wie beeindruckt man einen neuen Vorgesetzten am besten?

Finden Sie heraus, wo der wunde Punkt sitzt. Zum Beispiel hatte ich einmal einen Vorgesetzten, der sich immer sehr lässig verhalten hat. Aus diesem Grund sprangen Mitarbeiter nicht immer gleich, wenn er etwas erledigt haben wollte. Wie sich herausstellte, hat ihn diese Trägheit genervt! Finden Sie heraus, was besonders schlecht ankommt und vermeiden Sie dieses Verhalten um jeden Preis. Was die Bevorzugungen angeht, hatte ich eine andere Vorgesetzte, die handschriftliche Notizen liebte. Also habe ich sichergestellt, dass Sie von mir regelmäßig welche erhielt. Natürlich werden die meisten Vorgesetzten nicht einfach ihre kleinen Ärgernisse oder Vorlieben heraus posaunen, achten Sie daher auf das, was sie sagen – früher oder später kommen Sie drauf.

Sie schreiben des Weiteren von dem "sudden promotion syndrome“ ("Plötzliche-Beförderung-Syndrom“) Was ist das?

Wenn Sie befördert werden, müssen Sie sich aktiv auf Ihre neue Rolle einstellen und sich eine neue Identität zulegen. Wenn allerdings sonst alles um Sie herum gleich geblieben ist, ist das nicht einfach. Sollten Sie schon vorher in anderer Position für die gleiche Chefin oder den gleichen Chef  gearbeitet haben, geht sie oder er außerdem davon aus, dass Sie über alles im Bilde sind und perfekt erledigen, ohne dass man groß mit Ihnen sprechen muss. Tappen Sie nicht in diese Falle und gehen Sie Ihrerseits auf  die Vorgesetzte oder den Vorgesetzten zu. Besprechen Sie Ihre neue Rolle und Dinge, die Sie vielleicht anders machen könnten als Ihr Vorgänger.

„Man muss die Alligatoren töten, gleichzeitig aber auch den Sumpf trockenlegen." Was meinen Sie damit?

Das Töten der Alligatoren steht für die alltäglichen Dinge, die wir auf der Arbeit zu tun haben: Berichte zu überprüfen, an Sitzungen teilzunehmen. Den Sumpf trockenlegen, das sind die Dinge, die das Gesamtbild ausmachen, die langfristigen Ziele. Es ist so einfach, sich in den alltäglichen Aufgaben zu verlieren, sich an den Alligatoren abzuarbeiten und dabei das große Ganze zu vernachlässigen. Nehmen Sie regelmäßig Zeit für Strategien und Ziele. Das gilt übrigens auch für Ihre persönliche Karriere.

Körpersprache ist angeblich sehr wichtig. Haben Sie einen Tipp?

Besonders Frauen haben die Tendenz, sich im Stuhl zurückzulehnen anstatt sich nach vorne zu beugen. Hinzu kommt, dass sie ihre Ideen nur sehr zaghaft zum Ausdruck bringen. Dies führt dazu, dass niemand ihren Worten Beachtung schenkt. Wenn dann fünf Minuten später jemand anderes das gleiche sagt, hält es jeder für eine großartige Idee. Hier ist also mein Vorschlag: Setzen Sie sich auf das vordere Drittel des Stuhls und lehnen Sie Ihren Bauch an den Tisch. Anstatt Ihre Idee nur auszuspucken, beginnen Sie Ihren Kommentar mit etwas, was zunächst Aufmerksamkeit auf Sie zieht, wie zum Beispiel: "Hier ist ein Möglichkeit, wie wir das machen könnten." Auf diese Weise können Sie sicher sein, dass Sie die volle Aufmerksamkeit haben und Sie alle hören.

Als ehemalige Chef-Redakteurin der Cosmopolitan kennen Sie Frauen am Arbeitsplatz besonders gut. Was halten Sie für den größten Fehler, den eine junge Frau heutzutage am Arbeitsplatz machen könnte?

Frauen sind heutzutage so mutig und unglaublich eindrucksvoll - sie sind nicht mehr die gleichen "guten Mädchen", die noch vor 20 Jahren die Belegschaft ausgemacht haben. Aus diesem Grund glaube ich nicht, dass Frauen andere Fehler machen als Männer. Aber der größte Fehler besteht bei beiden Geschlechtern darin, dass sie nur das tun, was ihnen gesagt wird und nicht mehr. Ein Beispiel: Ihre Vorgesetzte bittet Sie, die Verkaufsdaten des letzten Quartals zusammen zu stellen. Geben Sie ihr nicht nur die Zahlen! Es macht viel mehr Eindruck, wenn Sie noch einen Schritt weiter gehen, indem Sie die Informationen dazu auch noch überprüfen und analysieren. Stellen Sie sich vor, wie begeistert Ihre Vorgesetzte sein wird, wenn Sie ihr das einreichen, worum sie gebeten hatte, zuzüglich einer Notiz auf der etwas zu lesen steht wie: "Mir ist ein spannendes Wachstum im Süden aufgefallen, das wir zuvor noch nicht bemerkt hatten."