Die Entscheidung für den Tanz als Beruf ist immer eine Entscheidung gegen Vernunft und Sicherheit. David Gerhards hat sich für die für die Kunst entschieden und wurde klassischer Tänzer. Heute unterrichtet er Ballett. Ein Protokoll anlässlich des Welttages des Tanzes am 29.4.
„Wann das mit dem Ballett angefangen hat und wie es zur Leidenschaft wurde, weiß ich nicht mehr genau. Als ich zum Ballett kam, war ich noch keine zehn Jahre alt. Früher kamen zwischen Weihnachten und Sylvester immer viele Ballettübertragungen im Fernsehen, das habe ich als kleiner Junge geliebt. Ich habe mir alles genau angesehen und versucht, es nachzutanzen. Irgendwann habe ich meine Eltern damit genervt, dass ich unbedingt zum Balletttraining wollte. Ich ging zu einer Ballettschule, galt als talentiert und habe bald täglich trainiert. Das kam ganz selbstverständlich. Ich dachte als Kind nicht darüber nach, Tänzer zu werden. Wenn Schulfreunde fragten, warum ich jeden Tag trainiere, ob ich einen Wettkampf habe, sagte ich, nein, ich müsste mehr trainieren, weil ich noch nicht alles kann. Damals wusste ich schon, dass es nicht leicht ist, zu erklären, was ich tue. 

Die schwere Schule der Leichtigkeit
Letztlich geht es beim klassischen Ballett darum, die Illusion von Leichtigkeit zu erzeugen. Das ist etwas, was andere Menschen schwer verstehen. Was auf der Bühne leicht und beiläufig aussieht, die Drehungen, die Sprünge, das ist alles das Ergebnis von jahrelangem hartem Training. Ich trainiere also mein Leben lang für etwas, was am Ende nicht zu sehen ist. Diese Illusion gelingt am Ende so gut, dass viele Menschen denken, der Job des  Tänzers bestehe darin, abends in die Oper zu gehen und drei Stunden lang über die Bühne zu tanzen. Ich weiß nicht, wie oft ich die Frage gehört habe „Ach, sie sind Tänzer. Und was machen sie tagsüber?“ Das tägliche Training und die Proben sind für den Zuschauer nicht zu sehen.
Tag des Tanzes

Training für die große Illusion 


Dass das Ballett nicht nur Spaß ist, sondern auch Ernst, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als sich ein Mitschüler verletzte. Da wurde uns Kindern klar, dass eine Verletzung nicht nur bedeuten kann, dass aus dem Traum Tänzer zu werden nichts wird, sondern auch, dass man im Alltag für immer Probleme hat. Ballettschüler lernen sehr früh, dass wir den Körper einerseits ständig bis an seine Grenzen fordern, und dass er andererseits sehr empfindlich ist. Ein verletzter Zeh kann für uns bedeuten, dass wir wochenlang ausfallen. Da kommen schnell Existenzängste. Auch dass es nicht möglich ist, ewig zu tanzen, wird uns früh klar. Für die meisten Tänzer endet die Bühnenkarriere mit 30.
Alles auf eine Karte
Das alles war mir bewusst und ich habe mich trotzdem für das Ballett mit all seinen Unsicherheiten entschieden. Ich habe Ballett in Frankfurt bei William Forsythe studiert und bekam danach ein Engagement an der Berliner Oper. Das war eine großartige Zeit. Irgendwann wurden die Berliner Ballettkompanien umstrukturiert. Ich hatte damals zwar das Angebot, als Solist an ein anderes Haus zu gehen, aber ich wollte Berlin nicht verlassen. Weil ich parallel zur Bühne schon angefangen hatte, zu unterrichten, habe ich das ausgebaut. Manchmal merke ich, dass mir die Bühne fehlt, die Aufmerksamkeit und die Präsenz. Ich hatte eine sehr gute Zeit an der Oper. Aber mein Berufsleben entwickelt sich immer weiter und wer weiß, was noch kommt.
Heute unterrichte ich vor allem erwachsene Laien. (http://www.berlin-ballett.net/) An Ballettschulen für Kinder leistet man in erster Linie Erziehungsarbeit, das wollte ich nicht. Um Profis zu unterrichten, fühle ich mich noch zu jung. Ein Ballettmeister an der Oper braucht eine Menge Respekt und Erfahrung, vielleicht mache ich das später. Meine Schüler haben teils sehr viel und teils wenig Balletterfahrung. Sie arbeiten ehrgeizig, aber nicht verbissen. Das ist für mich das richtige Maß. Für sie ist es ein großartiges Hobby. Wenn ich sehe, wie sie mit der Zeit Liebe und ein tiefes Verständnis für die schöne Kunstform der Welt entwickeln, weiß ich, dass ich genau das Richtige tue.
Tag des Tanzes

Für die einen Kunst, für die anderen Hobby. David beim Unterricht.


Jenseits der Bühne

Für meinen Unterricht ist es wichtig, dass ich einige Jahre auf der Bühne gestanden habe. Die Bühnenerfahrung verleiht eine große Sicherheit und ein gewisses Repertoire. Ich bin flexibler und gewandter als ein reiner Ballettpädagoge. Ein Balletttraining hat zwar immer den gleichen Aufbau, aber die einzelnen Übungen, die Sprünge und die Kombinationen kann ich variieren. Es gibt Lehrer, die spulen jeden Tag das gleiche Programm ab. Das würde mich wahnsinnig langweilen. Ich wiederhole mich nie in einem Kurs, das ist auch für die Schüler interessanter. Sie müssen sich immer konzentrieren und sind koordinativ gefordert. So kann ich Schüler unterschiedlicher Niveaus gemeinsam unterrichten, ohne jemanden zu unterfordern. Ich unterrichte zur Zeit mehrere Ballettklassen in Berlin. Ergänzend gebe ich Pilateskurse und Personal Training. Manche meiner Schüler sehe ich fast jeden Tag. Ich kann das verstehen. Wenn die Bewegungen und die Koordination leichter fallen und die Körperbeherrschung sichtbar wird, macht das schnell süchtig.
Oft werde ich gefragt, was mir die Zeit als Tänzer gebracht hat. Alles. Die Disziplin, die ich praktisch mein ganzes Leben gelebt habe, lege ich nicht ab. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich mich weiterbilde, dass ich meinen Körper nicht gehen lasse und dass ich immer neue Impulse suche, für meinen Unterricht, für mein eigenes Training und für meine Entwicklung. Freunde sagen manchmal, ich sei mit dem Ballett verheiratet. Das stimmt auch. Ballett ist eine starke Leidenschaft und kein Beruf, den ich abends ablege. Das Ballett ist nie weg. Mal denke ich abends auf dem Sofa über neue Kombinationen nach, mal spüre ich eine Überdehnung im Oberschenkel.“