SIE ALLE WAREN und sind bekennende Tagträumer: Albert Einstein, Woody Allen, Joanne K. Rowling. Angeblich verdanken sie dem halbwachen Flanieren in imaginären Welten sogar ihre besten Ideen. Und wir? Viel zu oft ertappen wir uns dabei, wie unsere Gedanken abschweifen, zu bildhaften Phantasien umher wandern – und fühlen uns hinterher schuldig. Erst recht im Job. Da fühlt es sich gar so an, als hätten wir kostbare Arbeitszeit nutzlos vertrödelt. Doch das ist falsch. Es wird Zeit, mit dem negativen Image der Tagträume aufzuräumen.

Tagträume lassen uns bessere Lösungen finden

Fangen wir an mit Benjamin Baird. Er ist Professor an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und erforscht Tagträume schon seit einigen Jahren. Bei einem seiner Experimente ließ er etwa 145 Probanden ein paar Kreativitätstests absolvieren. Allerdings unterbrach er sie mittendrin und teilte die Teilnehmer während der 12-minütigen Pause in drei Gruppen ein: Die ersten zogen sich in einen Ruheraum zum Dösen zurück; die zweite Gruppe musste weitere Kognitionstests über sich ergehen lassen; die dritte Gruppe sollte ein paar langweilige Dinge machen – aber mit dem Ziel, dass ihr Geist dabei auf Wanderschaft ging.

Tagträume – Der Glückssucher
WENN DER GEIST kurz spazierengeht: Tagträume fördern Kreativität


Bei den darauffolgenden Kreativitätstests schnitten die Tagträumer aus Gruppe drei deutlich besser ab. Die Tagträumereien hatten sie nicht nur kreativer gemacht, sie fanden auch mehr und bessere Lösungen.

Bestätigt wird das von Studien des Hirnforschers Andreas Fink. Bei Messungen der Hirnströme stellte er fest: Bei Tagträumern waren die sogenannten Alphawellen besonders ausgeprägt, und die fördern vor allem unsere Erinnerungs- und Lernfähigkeit. Als wiederum Anthony Jack, ein Kognitionsforscher an der Case Western Reserve Universität in Ohio, das Phänomen untersuchte, fand er heraus, dass wir beim Tagträumen unterschiedliche Modi des Denkens durchlaufen – mal analytisch, mal empathisch, mal chaotisch.


Warum Tagträume so wichtig sind

Der Glückssucher

Tatsächlich braucht unser Gehirn immer wieder mal eine Pause. Mehr als eineinhalb Stunden am Stück kann sich kaum jemand konzentrieren. Dann sind unsere grauen Zellen nicht mehr aufnahmefähig, die Konzentration schwindet, unsere Gedanken schweifen ab.

Auch wer einer Beschäftigung nachgeht, die ihn nicht zu 100 Prozent geistig auslastet, kennt das: Statt die volle Aufmerksamkeit der Aufgabe zu widmen, nutzt unser Geist den Freiraum der Unterforderung für eine kleine rêverie. Und siehe da: Nicht selten werden dabei aus unserem Unterbewusstsein längst vergessene Ideen oder Ziele wieder ans geistige Tageslicht befördert.

Man könnte also auch sagen: Tagträume sind ein wichtiger Ausgleichsmechanismus des Gehirns, der dafür sorgt, dass wir unsere körpereigenen Kapazitäten optimal nutzen.

Manche Probleme lösen sich im Traum

Entsprechend rät inzwischen eine ganze Reihe von Wissenschaftlern dazu, Tagträume öfter und bewusster einzusetzen. Insbesondere dann, wenn wir das Gefühl einer Blockade haben, nicht weiterkommen oder zum vorhandenen Problem partout keine Lösung finden.

Weiter quälen bringt dann nichts. Viel klüger ist es, die Arbeit kurz ruhen zu lassen, aus dem Fenster zu sehen oder einen kleinen Spaziergang zu machen und unseren Gedanken die Gelegenheit zu geben, abzuschweifen. Manche Probleme erledigen sich im Schlaf – andere beim Tagträumen.

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