Bewundernswert diese Menschen, die scheinbar durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind. Der Chef brüllt, der Kunde kreist unter der Decke, die Kollegen sticheln... und diese Typen bleiben gelassen. Wenn  bei anderen spätestens jetzt die Panik hochkriecht und Halsadern anschwellen, zucken bei dieser bewundernswerten Spezies nicht einmal Lippen oder Augenlieder. Nichts. Stattdessen: Gelassenheit.

Jochen Mai / Foto@Philippe Ramakers
Blogger Jochen Mai wird für Coca-Cola Journey zum Glückssucher

Richtig so! Nur Gelassenheit bändigt jene Rage, die uns ohnmächtig und unsouverän macht. Sie bringt uns die Handlungsfähigkeit zurück, die uns blinde Wut und explodierende Emotionen nehmen.

Zugegeben, es tut gut, ab und an so richtig Dampf abzulassen. Außerdem beugt es Magengeschwüren vor. Aber mal ehrlich: Was ist dabei nicht auch schon alles zu Bruch gegangen, und wie viele Brücken haben wir dabei verbrannt, über die wir vielleicht noch einmal gehen wollten? Temporärer Kontrollverlust mag eine Art Instant-Lösung sein. Klüger aber handelt, wer den Ärger erst gar nicht hochkochen lässt. Wie geht das?

Gelassenheit beginnt im Kopf

Dazu müssen wir uns zunächst anschauen, was uns aus der Haut fahren lässt. Die Toleranzgrenze liegt zwar bei jedem anders, in der Regel aber sind es Dinge, auf die wir keinerlei Einfluss haben und die uns schon deshalb ohnmächtig fühlen lassen. Jemand greift uns grundlos persönlich an, ein anderer tritt unsere Werte und unser Vertrauen mit Füßen, kurz: Wir fühlen und ungerecht behandelt, ausgenutzt, betrogen – und re-agieren. Fehler!

Der Glückssucher

Das unterscheidet uns nur wenig vom Pawlow’schen Hund: Es ist ein unüberlegter, nahezu automatisierter Reflex. Im Straßenverkehr lässt sich das tagtäglich beobachten. Jemand nimmt einem anderen die Vorfahrt, schon wird gehupt, was die Hörner hergeben. Als ob das was bringen würde außer Lärm vielleicht! Der Drängler fährt längst weiter und unsere Huperei ist ihm völlig schnuppe. Das Einzige, was bleibt, ist der schwelende Ärger in unserem Kopf und sein lautstarkes Echo im Auto.

Gelassenheit beginnt im Kopf. Wir allein entscheiden, ob wir anderen Menschen so viel Macht über uns geben, dass diese uns provozieren und emotional korrumpieren können. Ein bekanntes Zitat bringt es auf den Punkt: „Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Sicher, das ist leichter gesagt als getan. Vor allem in der akuten Situation. Trotzdem lässt es sich lernen. Aber nur langsam. Wer hier keine Instant-Lösung erwartet, kommt der Gelassenheit einen guten Schritt näher. Entscheidend ist, sich die Abläufe im Kopf bewusst zu machen, gedanklich zur Seite zu treten und sich zu fragen: Welche Saite bringt der oder die denn gerade bei mir in Schwingung? Muss ich darauf reagieren – erst recht so? Oder gibt es Alternativen? Je mehr Möglichkeiten wir wahrnehmen, desto besonnener bleiben und desto gelassener werden wir.

Durchatmen und cool bleiben: oft die beste Lösung.
Durchatmen und cool bleiben: oft die beste Lösung.

Sprache prägt Bewusstsein

Das beginnt schon bei unserer Wortwahl. Sprache verrät nicht nur Bewusstsein – sie prägt es auch. Wer etwa vom „Mega-GAU“, „katastrophalen Folgen“ oder „furchtbaren Vorschlägen“ spricht (oder denkt), hat sich bereits auf das Desaster eingestimmt – oder wie Psychologen sagen würden: „geprimt“. Nur die Ruhe, alles halb so wild – für solche Gedanken ist jetzt kein Platz mehr.

Schade. Denn das täte uns viel besser. Tatsächlich gibt es Studien, die zeigen, dass gelassene Menschen gesünder sind. Sie grübeln seltener, sind zufriedener und insgesamt glücklicher mit ihrem Leben. Sie treffen sogar bessere Entscheidungen. Egal, wie dick es auch kommt, ihr Verstand bleibt Herr der Lage. Sie agieren statt zu reagieren. Das macht Gelassene oft noch erfolgreicher. Nicht zuletzt in Sachen Karriere. Wer ständig panisch, sprunghaft und planlos agiert, gibt nicht gerade das Bild einer souveränen Führungskraft ab. Eher das eines Getriebenen.

Der Gelassene dagegen ruht nicht nur in sich. Er weiß: In dieser Seelenruhe liegt die größte Kraft.

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