790 Kilometer in fünf Wochen zu laufen ist eine stramme Leistung. Gerda Noël aus Osnabrück hat es gemacht. Sie ist den Jakobsweg in Spanien gelaufen; mit 74 Jahren. Unterwegs stärkte sie sich mit Coca-Cola, deshalb hat sie uns geschrieben. Der Bericht einer ungewöhnlichen Pilgerin.

„Ich werde oft gefragt, warum ich mir das in meinem Alter zumute. Das einzige, was ich dazu sagen kann: Warum sollte ich es nicht tun? Goethe hat gesagt, Reisen bildet. Ich bin neugierig auf andere Länder und andere Menschen. Ich habe viele Länder bereist, war in Afrika, in der Mongolei, in der Wüste. Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Es kommt darauf an, wie jung man im Kopf ist.

Vor vier Jahren bin ich schon einmal den Jakobsweg gegangen, da war ich erst 70. Damals habe ich den Fehler gemacht, auf die Leute zu hören, die sagten, „mach mal langsam in deinem Alter“ und bin nur die letzten paar Hundert Kilometer gelaufen. Das hat mir so gut gefallen, dass ich beschlossen habe, ihn mit 77 ganz zu gehen. Jetzt bin ich ihn mit 74 gelaufen. Wer weiß, was ich mit 77 mache. Vielleicht bin ich dann bei den Indianern.

Von Tag zu Tag 

Vor Reiseantritt habe ich mich vorbereitet. Ich habe meinen Pilgerpass bestellt und mein Gepäck organisiert. Mehr als zehn Prozent des eigenen Körpergewichts sollte man nicht mitnehmen. Natürlich hatte ich gedacht, ich brauche drei Hosen, Shampoo und mein Lieblingsduschgel. Brauchte ich dann alles nicht. Mit Shampoo kann man auch duschen und Wäsche waschen. Geflogen bin ich bis Bilbao und mit dem Bus weiter nach Roncesvalles. Von da an waren es 790 Kilometer nach Santiago de Compostela. Wenn man die Strecke vor sich hat, lässt einen der Gedanke schon in die Knie gehen. Auf dem Weg habe ich mir gesagt, ich denke nicht an die 790 Kilometer, ich gehe Tag für Tag. Mein Tagespensum war je nach Tagesform, Wetter und Bergen unterschiedlich, meistens habe ich 30 Kilometer zurückgelegt.

Jakobsweg

Viele Wege führen nach Santiago de Compostela. Gerda Noël ist 790 Kilometer gelaufen - mit 74 Jahren


Ich bin die Strecke in fünf Wochen gelaufen, genau wie alle jungen Menschen auch. Natürlich wollten meine Töchter und mein Arzt mich davon abhalten. Sie denken immer, dass ich umknicken könnte oder dass mein Herzschrittmacher Probleme macht. Aber warum sollte ich umknicken? Ich bin alleine gelaufen und hatte kein Handy dabei. Das würde ich jedem raten. Ich liebe Geselligkeit, aber nur wenn man alleine geht, hört man die Vögel singen und riecht die Eukalyptusbäume. Man muss seine Sinne wach halten auf dem Jakobsweg. Da sind zwar überall Jakobsmuscheln und Schilder, aber die sind im Boden, an Hauswänden, an Bäumen und manchmal so abgenutzt, dass man sie kaum findet.

Der Anfang ist wirklich schwer. Ich musste erst mal meinen Rhythmus finden und der erste Berg über 1.000 Meter ist ganz schön kräftezehrend. Auch an die Unterbringung musste ich mich gewöhnen. Ich habe nur in Herbergen übernachtet. Da waren überall Hotels, aber ich habe mir immer gesagt, „Gerda, du wanderst nicht, du pilgerst,“ das ist ein Unterschied, das muss auch wehtun. Es gibt Herbergen mit 20 und andere mit 110 Betten. Wenn es für alle nur zwei Duschen und Toiletten gab, hatte ich schon Probleme, auch wenn ich kein Hygienefreak bin. Ich würde auch jedem raten, einen Schlafsack mitzunehmen, wegen der Flöhe und Wanzen. Frühstück gibt es in den Herbergen meistens nicht. Ich bin also morgens ein paar Kilometer gelaufen um zu einer Bar zu kommen, wo es dann ein Croissant, Butter, Marmelade und ein Kaffee gab. Da merkt man mal, wie wenig man braucht um leistungsfähig zu bleiben. Das gehört zu meinen Erkenntnissen in der Zeit: wie viel ungenutztes Potential wir haben.

Mach mal Pause

Was mir sehr geholfen hat, war Coca-Cola. Das hatte ich schon auf früheren Reisen festgestellt. Wenn ich nicht mehr kann und sage, ich bleibe jetzt hier und gehe keinen Schritt mehr, dann ist Coca-Cola das beste Aufputschmittel. Zum Glück gibt es das überall auf der Welt. Selbst bei den Beduinen habe ich es bekommen. Auf dem Jakobsweg sind viele Bars und dort gibt es immer Coca-Cola. Allerdings verkaufen sie oft nur Dosen. Das war unpraktisch weil ich die gleich austrinken musste. Bei Flaschen habe ich mir das eingeteilt. Ich trinke übrigens nur die richtige Coca-Cola. Von Vanille-Geschmack, light und koffeinfrei will ich nichts wissen.

Auf dem Weg ist die ganze Welt unterwegs, ich habe Menschen getroffen aus Island, Kanada, Brasilien, Australien, Korea. Die meisten hätten meine Kinder oder Enkel sein können. Aber einer ist immer der jüngste und einer der älteste. Wenn jemand fragt, woher wir die Kraft für den Weg nehmen, kann das keiner beantworten. Es gibt Abschnitte, die viel anstrengender sind als andere; wenn der Weg stundenlang durch Städte oder über Berge führt. Jedem Pilger graut vor dem Anstieg auf den O Cebreiro. Aber das Gefühl, wenn man dann oben steht, ist unvergleichlich. Als ich oben ankam, war die Herberge noch nicht auf, dort warteten wir dann mit etwa 30 Leuten. Auf einmal stimmte jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen an. Ich hatte sofort Gänsehaut! Man hat das geschafft, steht da oben, ist glücklich und erschöpft und dann singen 30 Leute Halleluja, das ist unvergesslich.

Fünf Wochen Wanderschaft

Das Ankommen ist ein besonderer Moment. Ankommen ist wichtig, sonst hat man den Eindruck, etwas nur halb gemacht zu haben. Letztlich ist unser ganzes Leben ein Camino. Man läuft jeden Tag ein Stück, mal liegt der Berg oben, mal der Stausee unten. Ich habe so viel erlebt auf dem Weg, bin durch Sonne, Hagel, Regen gegangen, und ich hatte wunderbare Begegnungen mit anderen Pilgern und Einheimischen. Immer wieder habe ich Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit erlebt. Mal hat mir eine Frau eine halbe Stunde lang geholfen meine Herberge zu finden, mal ist es einfach nett, wenn jemand ruft „Bon Camino!“

In Santiago selbst geht man durch eine Seitenstraße und plötzlich steht man vor der prächtigen Kathedrale. Das Gefühl kann ich nicht beschreiben. Eigentlich sind es zwei Gefühle, einmal dieses „mein Gott, geschafft“ und „schade, es ist vorbei.“ Schwer zu sagen, welches Gefühl stärker ist. Ich weiß auch nicht, was das Schönste war in den fünf Wochen. Vielleicht war es das Gefühlt von Freiheit und der Gedanke, das wirklich alleine geschafft zu haben. Der Weg war schwer, aber ich möchte keinen Tag missen.“