ES IST DER LETZTE Arbeitstag von Pascal Morgan. Wer bei IT und Innovation an Kabelsalat und Tischkicker denkt, wird enttäuscht. Das offene Büro im Headquarter in Berlin ist aufgeräumt, die Atmosphäre nüchtern, der Schreibtisch praktisch. Leise Tastaturanschläge verdichten sich zu einem Klangteppich, ab und zu hört man ein Lachen.

Pascal hat viel zu tun an seinem letzten Tag. Eine Delegation aus den USA ist im Haus, letzte Absprachen mit lokalen und internationalen Kollegen, Übergaben für die Zeit danach. Wenn Kommunikationsstrukturen gut funktionieren, hat Pascal Morgan seinen Anteil daran. Als IT-Chef sucht er nach Stolpersteinen in Abläufen und Prozessen. Er gibt Strukturen einen flexiblen Rahmen. Coca-Cola ist ein Unternehmen, das atmet und Raum braucht. Genau wie die Mitarbeiter.

Es geht nicht darum, was auf deiner Visitenkarte steht, sondern wer du bist und was du machst.

„Wir sind eine People-Company“, erklärt Pascal. „Es geht nicht darum, was auf deiner Visitenkarte steht, sondern wer du bist, was dich antreibt und was du machst.“ Pascal liebt und lebt die Unternehmensphilosophie. Er spricht von der Coke Family, vertraut seinen Kollegen und gibt Verantwortung ab. Nach oben berichtet der IT-Chef an die CIO EMEA & West-Europa und ist zudem Teil des Leitungsteams der Chefin für Deutschland, Dänemark und Finnland. Aber jetzt wird Pascal sich jetzt abmelden, für zwei Monate – er geht in Elternzeit.

Ruhe ist wichtig

„Ich möchte Work-Life-Balance erproben. Was hält die Theorie, wenn es um die Praxis geht?“ Wer im Urlaub arbeitet und damit noch kokettiert, stößt bei ihm auf Unverständnis. „Was hat das Unternehmen von einem ausgebrannten Mitarbeiter?“

Pascal wird zwei Monate aussetzen. Er freut sich auf die Zeit mit seiner Frau und den beiden Kindern César und Lana. Sein Team wird ohne ihn auskommen. Ihm ist es wichtig, dass Projekte von Kollegen und Mitarbeitern auch ohne seine Anwesenheit vorangetrieben werden. Eigeninitiative wird im Unternehmen gefordert und gefördert.

Eine Reise in die USA steht an, dort lebt der größte Teil der Familie des geborenen US-Amerikaners. Er hat seit seiner Kindheit auch noch die deutsche Staatsangehörigkeit und pendelt seitdem zwischen den Kulturen. Pascal wird die Zeit offline verbringen. Der Laptop bleibt zu Hause, nur das Smartphone von Coke kommt mit in den Koffer. Und auch das nur für absolute Notfälle. Denkt er.

Pascal Morgan im Coca-Cola Headquarter

AUCH IN BERLIN scheint manchmal die Sonne: Pascal Morgan im Coca-Cola Headquarter

Vier Wochen später: das Telefon kaputt und niemand meldet sich

Es ist kalt in Berlin, grau und trüb. Die Stadt erwacht nur langsam zum Leben, wer kann, bleibt drinnen – es ist ungemütlich. Für Pascal geht der Tag schon zu Ende. 11 Stunden Zeitunterschied und mindestens 25 Grad. Pascal ist auf Kaua'i, einer kleinen Insel des Archipels Hawaii. Die Skype-Verbindung ist gut. Pascal strahlt Lebensfreude und Zufriedenheit aus. Er hat losgelassen. Das kam nicht von jetzt auf gleich. In der ersten Woche gab das Arbeitshandy den Geist auf und der IT-Chef sah sich hilflos. „Was ist, wenn mich jetzt jemand aus dem Team erreichen will?“ Seine Frau rollte die Augen, er besorgte Ersatz, gab die neue Nummer durch und spähte bei der Gelegenheit „ausnahmsweise“ in sein Postfach. Bei der Gelegenheit schrieb er dann auch gleich eine Mail – das Echo war ernüchternd. Es blieb aus.

Das Team hält zusammen

Pascal lacht. „Meine Kollegen machten es richtig, die halten mich raus und das konsequent. Das ist eben auch Coke-Family. Ich soll meine Auszeit für mich und meine Familie nutzen.“ Und das macht er dann. Die Bücher über Innovationen und Prozesse bleiben ungelesen, dafür kommen César und Lana morgens zum Toben ins Bett. Es gibt Wale zu sehen und lange Spaziergänge, Einkaufsfahrten mit Flip-Flops und übermüdeten Kindern. Der Besuch auf dem örtlichen Bauernfest ist ein Erlebnis für alle – und für Pascal noch etwas mehr. „Die Stände und die vielen Gespräche zu Umweltschutz, nachhaltigem Handeln und dem Kulturerbe der indigenen Bevölkerung, das regt wirklich zum Nachdenken an. Was möchte ich meinen Kindern mal hinterlassen?“ Es sind große Fragen und viele kleine Dinge, die die Familie in diesen Wochen emotional zusammenschweißen. „Wir haben alle unsere Freiräume und doch gestalten wir es als Team.“ Pascal begreift die Elternzeit als „geliehene Zeit“, was unter dem Strich dabei rauskommt, ist aber seins. Und das möchte er halten und mitnehmen.

Noch mal vier Wochen später: zurück im Büro

Pascal sieht erholt aus. Die erste Woche im Büro verging wie im Flug, der Arbeitsalltag muss sich erst wieder entwickeln. Er verschafft sich einen Überblick. „Ich bin ein anderer Mensch.“ Er freut sich, wieder im Team zu sein und zehrt doch von den Erfahrungen der beiden Monate. „Morgens im Büro ordne ich mich erst selbst und lege mir drei wichtige Punkte zurecht, die ich in jedem Fall erledigen möchte. Erst dann öffne ich mein Postfach.“ Er ruht in sich und fühlt sich dabei viel effektiver als vorher. „Ich habe mir innere und äußere Ruhepunkte geschaffen.“

Bei Coke empfiehlt er die Elternzeit allen Kollegen.„Nicht nur die Mitarbeiter profitieren davon, auch das Unternehmen. Es gehört zu den Grundwerten bei Coca-Cola, dass es belohnt wird, wenn Menschen an den inneren Werten arbeiten und so ganz neue, wertvolle Kompetenzen mitbringen.“

Auch Zuhause geht das Leben weiter. Die kleine Tochter kommt bald in die Kita und César wacht über seine wachsende Spielzeugsammlung. Die Auszeit hat alle näher zusammengebracht. „Heute empfinde ich es als dramatisch, wenn ich meine Tochter nicht selbst ins Bett bringen kann. Ich habe so spürbar gelernt, dass ich Zeit nicht nachholen kann. Deshalb erlebe ich das jetzt viel intensiver“, sagt Pascal. Er hält kurz inne. Dann sagt er: „Für mich ist Elternzeit eine Art Intensivworkshop für Persönlichkeitsentwicklung.“

Steckbrief

Name: Pascal Morgan

Kinder: Zsa-Zsa, César und Lana

Beruf: Director IT Germany und IT Innovation Europe

Berufung: Querdenker und Chaos-Pilot