Sie sind mitten unter uns, um die Ecke, über die Straße, am anderen Ende der Stadt, für jeden wahrnehmbar und doch sind es geheime Orte: Spielplätze. Wer keine Kinder hat, weiß nichts von diesen Parallelwelten, von ihren Bewohnern, ihren geheimen Regeln, von Grabenkämpfen im Sandkasten. Unsere Autorin verbringt dort ihre Nachmittage.

EIN SPIELPLATZ IST ein eigenes Universum. Das weiß ich seit etwa zwei Jahren. Als mein Sohn selbständig sitzen konnte, fingen unsere Besuche in der Parallelwelt an. Wie viele Menschen wusste ich nicht, dass das Leben auf dem Spielplatz soooo anders ist als das Leben außerhalb. Natürlich hatte ich schon vor meiner Zeit als Mutter gelegentlich einen Spielplatz betreten. Aber das war lange her und meine Perspektive eine vollkommen andere: in meiner Kindheit war der Spielplatzbesuch die Ausnahme. Wir hatten einen großen Garten, viele Geschwister und eine Bande Nachbarskinder. Spielplätze waren Orte, an denen wir auf langen Spaziergängen Pause machten.

Neulich auf dem Spielplatz - Schaufel
NICHT OHNE MEINE SCHAUFEL: Wann müssen Schürf- und Besitzrechte mit elterlicher Hilfe geklärt werden?

In meinem heutigen Leben hat der Spielplatz eine zentrale Rolle. Nachmittags ab vier diskutieren mein Kind, ich und unsere Kita-Bekannten, ob es denn an dem Nachmittag „der Herder“, „der Goethe“, „der Pippi Langstrumpf“ oder „der Lummerland“ sein soll. Wir Eltern geben uns hinter dem Rücken unserer Kinder stumme Zeichen, dass eine Wasserpumpe unbedingt zu suchen oder zu vermeiden sei, dass der eine Platz zu weit weg für das Laufrad oder der andere zu voll sei. Wie auch immer: unweigerlich finden wir uns für ein bis zwei Stunden auf einem Spielplatz wieder und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Nicht jeder Sturz führt ins Krankenhaus. Wer nicht fällt, lernt nicht Laufen.

Auf Spielplätzen, so denkt es sich der Außenstehende, treffen sich Kinder um miteinander zu spielen. Tatsächlich ist es anders. Auf Spielplätzen treffen sich vor allem Eltern. Manchmal sind mehr Erwachsene als Kinder zu sehen: auf den Bänken, den Rutschen, den Schaukeln und im Sandkasten. Das liegt zum einen daran, dass manche Einzelkinder mit beiden Eltern anreisen. Manchmal entsteht der Eindruck auch nur, weil die Eltern in ihrer Körperlichkeit einfach viel mehr Raum einnehmen als ihr Dreijähriger. Sobald mehrere Erwachsene um ein Kind herumstehen, ist vom Kind nichts mehr zu sehen. Auf die Idee, mit anderen Kindern zu spielen kommt der oder die Kleine oft gar nicht. Die Eltern müssen schließlich beschäftigt werden. Beim Spielen sind die überpräsenten Eltern zudem ständig im Weg. Warum machen sie das?

Neulich auf dem Spielplatz - Mütter
NERVIG ODER NETT? Wir sitzen alle im selben Sandkasten

Eigentlich könnte es ganz einfach sein: Kind in den Buddelkasten setzen, sich selbst einen schönen Platz in der Sonne suchen und ein bisschen mit den anderen Eltern quatschen. Stattdessen wagen sich die meisten kaum einen Meter weg. Die kleinen Buddler bekommen gezeigt, wie sie den besten Sandkuchen backen, die Rutschenden werden beklatscht und bewacht, damit sich ja niemand vordrängelt, die Kletternden bekommen für jeden Schritt eine Anweisung. War die heutige Elterngeneration in der Kindheit selbst zu wenig auf dem Spielplatz? Muss sie noch etwas nachholen oder hat sie tatsächlich Angst, der eigene Nachwuchs könne Schaden nehmen, Schaden anrichten oder sich langweilen?

„Wie ein Bademeister versuche ich, das Kind im Blick zu behalten, um eingreifen zu können.“

Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht frei davon. Wie ein Bademeister versuche ich, das Kind im Blick zu behalten, um eingreifen zu können. Wie aber so ein Notfall aussieht, hängt von der Tagesform ab. Sind meine Nerven eh schon dünn, dann greife ich sofort ein, wenn mein Kleiner einem anderen eine Schippe Sand in den Pulli steckt oder selbst eine abbekommt, ich renne, wenn er mit dem Laufrad eine Kurve zu eng nimmt und ausrutscht, ich springe, wenn er droht, die Rutsche kopfüber zu nehmen.

Aufstehen, Sand abwischen, weiter rennen

Dann gibt es aber auch Tage, an denen ich gelassen bin wie Buddha. Dann schaue ich meinem Kind auch mal beim Fallen zu. Statt zu springen, atme ich durch, sehe wie er aufsteht, sich den Sand von den Knien wischt und weiterrennt. Dann sehe ich auch, dass es kein Problem sein muss, wenn zwei Dreijährige sich darüber streiten, wer die blaue und wer die rote Schaufel bekommt.

An solchen Nachmittagen kommen mein Sohn und ich wunderbar ausgeglichen vom Spielplatz. In diesen Momenten frage ich mich, warum das sonst nicht geht und versuche es ganz pragmatisch. Mit einer Sammlung Tipps für mehr Gelassenheit:

7 Tipps für mehr Gelassenheit:

  1. Kinder können sprechen. „Mama, kannst du mir helfen“ bekommt ein durchschnittlicher Dreijähriger genauso gut artikuliert, wie „He, du darfst dich nicht vordrängeln.“
  2. Streiten macht die Kleinen sozial kompetent, hoffentlich.
  3. Nicht jeder Sturz führt ins Krankenhaus. Wer nicht fällt, lernt nicht Laufen, nicht Fahrradfahren, nicht Klettern und nicht Fallen.
  4. Andere Mütter wirken manchmal nervig. Manchmal sind sie aber auch ganz nett. Positiv drangehen und lächeln: Wir sitzen alle im selben Sandkasten.
  5. Andere Kinder sind keine Feinde, sondern potentielle Spielkameraden.
  6. Das Kind spielt an der Wasserpumpe? Viel Spaß. Es war doch eh klar, dass es die Klamotten am nächsten Tag nicht noch einmal anziehen kann.
  7. Wer sich ständig einmischt wenn der Nachwuchs gerade nach einer neuen Beschäftigung sucht, nervt nicht nur, er hemmt auch die Kreativität.

Also: Entspannt euch. Das ist besser für eure Nerven und besser für die Kleinen. Ich probiere das gleich morgen aus.

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Fanta Spielplatz-Initiative
WENN DER FROSCH alleine wackelt, ist es höchste Zeit für eine Spielplatz-Verschönerung