AN ALLE LESER, die in einer mittelgroßen oder großen Stadt leben: Steht auf, geht raus und schaut auf die Uhr, wann ihr an der ersten Litfaßsäule vorbeikommt. Nach fünf bis 20 Minuten werden die meisten eine gefunden haben. Vielleicht finden sie dort sogar eine Coke Werbung. Heute sind wir im Straßenbild an haushohe Plakate und LED-Flächen gewöhnt. Auch das traditionsreiche Coke Wahrzeichen am Londonder Piccadilly Circus ist auf dem neuesten Stand der Technik. Aber als dieses Foto vor gut 60 Jahren entstand, war die Leuchtdiode noch nicht erfunden. Werbung war noch Handarbeit, beim Entwurf und auch beim Kleben.

Die Geschichte auf der Rückseite 

Der Fotograf, der diese Coca-Cola Werbung im August 1957 aufnahm, hat sich außergewöhnlich viele Gedanken über sein Motiv und dessen geschichtlichen Hintergrund gemacht. „Ein Monument der Werbung“ steht auf der Rückseite seines Abzugs zu lesen. Er fügt hinzu, dass es der Buchdrucker Litfaß war, der im Jahr 1854 die erste Plakatsäule in Berlin aufstellte und ihr seinen Namen gab. 

Coke History – Flasche mit Rundumblick - Rückseite

BILDZEILEN: historische Beschriftung des Fotos im Coca-Cola Archiv

Springen wir noch einmal rund 100 Jahre zurück: Ernst Theodor Amadeus Litfaß, geht durch die Straßen von Berlin. Der Druckereibesitzer ist ein ordnungsliebender Mensch. Doch was sieht er? Jeder klebt seine Botschaften wohin auch immer es ihm passt: an Bäume, Zäune, Hauswände. Zirkusvorstellungen, Vermisstenanzeigen, Sonderangebote – und auch amtliche Bekanntmachungen. Man hat Glück, wenn man diese überhaupt findet. 

Seit Tausenden von Jahren schon machen Menschen in der Öffentlichkeit auf sich oder ihre Waren aufmerksam, schon im alten Ägypten gab es Hieroglyphenwerbung. Doch Mitte des 19.Jahrhunderts ist daraus ein unvorstellbares Durcheinander geworden. Litfaß hat eine Idee.

Der Rundumblick 

In jungen Jahren war er auf Bildungsreise gewesen, in Brüssel, London und vor allem in Paris. Dort hatte er etwas gesehen: In runden Säulen versteckten sich die öffentlichen Bedürfnisanstalten. Deren Außenwände wurden schon damals für amtliche Bekanntmachungen genutzt. Die Idee von Litfaß war einfach, aber wegweisend: Wo Amtliches Platz hat, könnten doch auch der Zirkus, der Schuster und der Getränkehersteller anschlagen. So hätte man alles praktisch beieinander, könnte Geld damit verdienen und die Stadt würde nicht so zugekleistert.

Geheime Gänge 

Es vergehen Jahre mit Behördengängen. Im April 1855 wird endlich die erste nach ihrem Erfinder benannte Annonciersäule in der Berliner Münzstraße aufgestellt. Danach steigt ihre Zahl stetig an, erst in Berlin und später im ganzen Land. Heute stehen in Deutschland noch etwa 50.000 Litfaßsäulen, allein in Berlin über 3.000. 

Seit jeher waren sie in erster Linie Werbeträger – aber manchmal auch mehr als das. Der Innenraum kann schließlich genutzt werden. Und dient zum Teil nach wie vor als Telefonzelle, Fahrkartenautomat, Kiosk oder Ausstieg aus der Kanalisation. Wer weiß, was sich in der nächsten Säule verbirgt.